Prävention gehört zu den ungehobenen Schätze im Gesundheitswesen, denn jede vermiedene Krankheit verursacht keine Kosten und eigenes Leid, stellte Dr. Silke Heinemann, Abteilungsleiterin Prävention, Krankheitsbekämpfung, öffentliche Gesundheit im Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf dem DAV-Wirtschaftsforum klar. Doch Apotheken werden bei der Primärversorgung bisher nicht mitgedacht.
Die Kassen haben 2024 knapp 9 Millionen Menschen mit Präventionsmaßnahmen erreicht. „Die erreichen wir in drei Tagen“, konterte DAV-Vize Anke Rüdinger. Apotheken erreichen zudem andere Bevölkerungsgruppen als die Kassen selbst. Daher können und sollen die Apotheken in den Steuerungsmechanismus mehr eingebunden werden. Denn Rüdinger sieht die Apotheken auch als Lotsen für Präventionsmaßnahmen.
Das BMG sieht Handlungsbedarf in puncto Prävention, denn trotz überdurchschnittlicher Ausgaben lag die Lebenserwartung 2024 im europäischen Vergleich nur im mittleren Bereich. Doch was unternimmt das BMG? Heinemann führte den nationalen Krebsplan an. Zudem stehe die Primärprävention im Fokus: Bewegungsförderung, zusätzliche U-Untersuchung, die Novellierung des Präventionsgesetzes und ein Fokus auf Prävention im Bereich der Pflege gehören zu den weiteren Maßnahmen.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die Präventionsoffensive noch vor dem Sommer starten, so Heinemann. Dazu müssen alle Leistungserbringer einbezogen werden. Es brauche die Unterstützung von Apotheken als niedrigschwellige Anlaufstelle. Sie wünsche sich, die Apotheken auf ihrer Seite zu haben. „Sie haben die Apotheken schon lange an ihrer Seite bei der Prävention“, versicherte Rüdinger. „Wir freuen uns auf die neuen pharmazeutischen Dienstleistungen, das Verimpfen von Totimpfstoffen sowie das Screening. Aber Prävention ist viel mehr als die Früherkennung von Krankheiten.“
Auch für Andrea Galle, mkk-Vorständin, sind alle gefragt, um Krankheiten zu vermeiden. Es sei sicherlich ein kluger Gedanke, die Apotheken mitzudenken, weil andere Personengruppen erreicht werden. „Wir sind gehalten, die Strukturen, die wir haben, klug zu nutzen.“
Dr. Annette Rommel, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen stellte klar, dass die Diagnose von Krankheiten Kernaufgabe der Ärzt:innen ist. Prävention hingegen sei das Vermeiden von Krankheiten und vielmehr eine Umstellung des Lebensstils. Mit Prävention würden sich aber nie100 Prozent der Krankheiten vermeiden lassen.
Screenings in Apotheken sind für Rommel zu kurz gedacht. „Da kommt von irgendwoher eine nichtstandardisierte Erfassung von Daten in die Arztpraxis und dann werden dort standardisierte Werte erfasst – wir müssen darüber diskutieren, wie wir gemeinsam einen Mehrwert für die Versicherten schaffen – analog zu ARMIN.“ Es müsse eine klare Linie für eine gemeinsame Kooperation gefunden werden.
„ARMIN ist das beste Beispiel, wie gemeinsame Versorgung klappen kann“, stimmte auch Rüdinger zu. Allerdings seien Apotheken durchaus in der Lage, Blutzucker und Blutdruck standardisiert zu messen. „Screenings in der Apotheke können keine Arztpraxen entlasten“, so Rommel. Es müsse Ärzt:innen keine Arbeit abgenommen werden – auch nicht beim Impfen, obwohl sie keine Gegnerin von Impfangeboten in Apotheken sei. „Entlasten ist nicht das Thema, sondern die bessere Versorgung der Menschen.“
In der Kette der digitalen Ersteinschätzung fehle Rüdinger die Apotheke: Bei leichten Erkältungssymptomen müsste das System nicht empfehlen, am nächsten Werktag in die Praxis zu gehen, sondern eine Apotheke aufzusuchen. „Wir müssen in der Gesellschaft die Apotheke mehr mitdenken.“
„Ich liebe es, in der Apotheke einzukaufen“, so Rommel. Doch sie habe Herzklopfen dabei, wenn das Tool zur digitalen Ersteinschätzung den Menschen aufzeige, dass sie nicht zum Arzt müssten. Die Kooperation mit den Apotheken, wo es gemeinsame Schnittpunkte gebe, sei das Ziel.
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