„Sifrol zerstört Familien”

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Berlin - Dopaminagonisten können zu Impulskontrollstörungen wie Sex- und Spielsucht führen. Dass diese Nebenwirkung keineswegs nur theoretischer Natur ist, zeigt der Bericht von Gertraud Himmelsberger*. Als Ehefrau eines an Parkinson erkrankten Mediziners berichtet sie, was sie aufgrund der Nebenwirkungen erlebt hat und warum das Gesundheitssystem auf solche Fälle nicht vorbereitet ist.

„Lassen Sie Ihrem Mann doch die Erotik”, musste sich Himmelsberger von einem Neurologie-Professor anhören, als sie diesem ihr Problem mit der Hypersexualität ihres Mannes schilderte. „Neurologen sind Männer und hören gar nicht hin”, sagt die 69-Jährige. Ärzte würden nicht fragen, wie es den Angehörigen dabei gehe und mit welchen Schwierigkeiten sie im Alltag zu kämpfen hätten. Erfahrungsgemäß sehe es bei Ärztinnen anders aus: „Sie haben Verständnis und fragen nach.” Denn Nebenwirkungen betreffen nicht nur denjenigen, der die Medikamente einnimmt, sondern auch Familie und Freunde. Doch manche Effekte würden Patienten gar nicht als unerwünschte Arzneimittelwirkung wahrnehmen, wie Himmelsberger ihren Mann aus einem Arztgespräch zitiert: „Wie geht es Ihnen, Kollege? Blendend! Wenn ich unter Frauen bin, ist es so, als ob ich kein Parkinson habe.”

Protagonist der Geschichte ist Sifrol (Pramipexol), der Dopaminagonist von Boehringer Ingelheim. Das Arzneimittel wurde von Dr. Markus Himmelsberger* mehrere Jahre lang eingenommen. „2007/08 begann er mit 0,5 mg und nahm dann 2015 schließlich Tabletten mit je 3,0 mg ein”, so die Ehefrau. Der Internist leidet seit etwa 20 Jahren an Morbus Parkinson und therapeutisch kamen im Laufe der Jahre verschiedene Wirkstoffe zum Einsatz. Sifrol will seine Frau daher nicht alleine an den Pranger stellen: „Diese Nebenwirkungen kommen bei vielen Dopaminagonisten vor.”

Was hat Pramipexol aus Dr. Himmelsberger gemacht? „Er ist zu einem anderen Mensch geworden”, erzählt Himmelsberger. Alles habe 2010 angefangen; ab diesem Zeitpunkt bemerkte sie Wesensveränderungen bei ihrem Mann, die sie auf das Medikament zurückführt. „Er hat den Garten umgebaut und Bäume gefällt, ohne vorher darüber geredet und mich informiert zu haben. Er gab hemmungslos Geld aus und kaufte sich viele Häuser auf Mallorca. Drei Viertel des Besitztums kamen so abhanden. Außerdem spielte er bis zu acht Stunden täglich Schach. Sein Interesse galt allen Frauen, er wurde von seinen Trieben gelenkt. Einmal ist er sogar zu seinen Ex-Schwägerinnen gegangen und hat Geld geboten gegen sexuelle Handlungen. Da habe ich gemerkt, dass er nicht mehr normal im Kopf ist.”

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