Tilray und Aphria fusionieren | APOTHEKE ADHOC
Weltgrößter Cannabis-Konzern entsteht

Tilray und Aphria fusionieren

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Berlin -

Auf dem Cannabismarkt steht eine Elefantenhochzeit an: Aphria und Tilray wollen fusionieren. Das gaben beide Unternehmen am Mittwochmittag bekannt. Damit würde nicht nur global ein neues Schwergewicht entstehen, das an Branchengrößen wie Canopy und Curaleaf vorbeizieht, sondern auch hierzulande ein Mega-Anbieter, der das gesamte Spektrum von Dronabinol über Extrakte bis zu Blüten abdeckt.

Gemunkelt wurde es schon lange, nun ist es offiziell: Im zweiten Anlauf haben sich Aphria und Tilray auf eine Fusion geeinigt. Die Aphria-Anteilseigner werden 62 Prozent der Tilray-Aktien übernehmen und einen 23-prozentigen Aufschlag auf den Aktienpreis vom Dienstag zahlen, also rund 9,68 US-Dollar (7,94 Euro) pro Anteilsschein. Der Deal soll im zweiten Quartal 2021 abgeschlossen werden, die neuen Aktien sollen demnach künftig unter dem bisherigen Titel Tilrays gehandelt werden. Mit einem Marktwert von rund 3,9 Milliarden US-Dollar (3,1 Mrd. Euro), einem kombinierten Umsatz von rund 685 Millionen Dollar (562 Mio. Euro) und nach jetzigem Stand zusammen 2500 Mitarbeitern entsteht dabei der weltgrößte Cannabis-Konzern. CEO soll Aphria-CEO Irwin Simon werden, Tilray-CEO Brendan Kennedy erhält einen Posten im neunköpfigen Verwaltungsrat.

„Unsere hochkomplementären Geschäftsfelder fügen sich zu einem neuen Unternehmen mit einem Portfolio aus führenden Marken inklusive umfassender Cannabis.2.0-Produkte für Patienten und Verbraucher sowie signifikanter Synergieeffekte in unseren Betrieben in Kanada, Europa und den USA“, so Simon am Mittwoch.

Der Zusammenschluss würde beiden Seiten helfen, jeweils einen weiteren, entscheidenden Markt zu erschließen: Tilray könnte auf dem europäischen Markt Boden gut machen, insbesondere auf dessen wichtigstem Einzelmarkt: Deutschland. Denn Aphria ist hierzulande besonders gut aufgestellt. Nicht nur gehört der Deutschlandtochter des kanadischen Konzerns mit CC Pharma einer der wichtigsten Großhändler für medizinisches Cannabis, vor allem ist Aphria eines von nur drei Unternehmen, die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Lizenz zum Anbau von medizinischem Cannabis in Deutschland erhalten hat. In Neumünster betreibt das Unternehmen eine von nur drei deutschen Produktionsanlagen. Tilray wiederum ermöglicht den zollfreien Import von GDP-zertifiziertem Cannabis innerhalb der EU durch eine Produktionsanlage in Portugal. Was aus der wird, ist dem Vernehmen nach noch offen.

Vor dem europäischen rangiert nur noch der US-Markt. Und dessen Tore könnten sich durch die Fusion für Aphria öffnen, denn Tilray wiederum ist dort mit mehreren Niederlassungen stark aufgestellt. Und die Aussicht scheint gut: Nicht nur steigt die Zahl der Staaten, die den Gebrauch von Cannabis als Genussmittel legalisieren, weiter kontinuierlich an – im November erst kamen wieder vier hinzu. Vielmehr werden in naher Zukunft weitere Erleichterungen für den Cannabishandel auf Bundesebene erwartet. Denn da Cannabis auf bundesstaatlicher Ebene weiter durchgehend als Betäubungsmittel betrachtet wird, ergeben sich vor allem mit Blick auf Bankgeschäfte und Steuerangelegenheiten für viele Unternehmen große Schwierigkeiten, die deren geschäftliche Entwicklung hemmen. Ein Anfang Dezember vom Kongress verabschiedeter Gesetzentwurf soll da Abhilfe schaffen und die Zügel für Cannabisunternehmen lockern.

Dass sowohl Aphria als auch Tilray in der Vergangenheit in den USA auf Deals mit Getränkeherstellern gesetzt haben, wird von Branchenkennern als Wink in diese Richtung verstanden: Aphria hat Sweetleaf akquiriert, einen Hersteller Cannabis-haltiger Getränke, Tilray wiederum hat einen Vertrag mit dem Brauerei-Giganten Anheuser-Busch InBev geschlossen. Beide Unternehmen haben sich damit auch Know-how in der US-Konsumgüterindustrie eingekauft, das in der Zukunft noch nützlich sein könnte.

Aphria hat wie andere Unternehmen auch in Kanada damit zu kämpfen, dass die Gesamtproduktion die Größe des dortigen Marktes übersteigt. Da ein Großteil der dortigen Produktion nicht GMP-zertifiziert ist, kommt ein Export in den europäischen Markt für Medizinalcannabis nicht infrage. Es könnte es also ein strategisch kluger Schachzug sein, sich in den USA stark aufzustellen. Weder Aphria Deutschland noch Tilray Deutschland kommentieren die Meldung. Allerdings dürfte die Fusion für eine nicht genannte Zahl an Mitarbeitern auch eine schlechte Nachricht sein: Beide Unternehmen kündigen an, in den 24 Monaten nach Zusammenschluss durch die Zusammenlegung von Betriebsstätten sowie Streichungen in Vertrieb und Marketing rund 100 Millionen US-Dollar (82 Mio. Euro) einsparen zu wollen. Dann wird auch mindestens eine der beiden Deutschlandtöchter Haare lassen.

 

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