Dermapharm

Schickeriapharm

, Uhr
Berlin -

Wenn man sich Wilhelm Beier nähern will, kommt man besser als Promireporter und nicht als Fachjournalist. Denn so bekannt der „Willi“ in der Münchner Schickeria ist, so wenig weiß man über ihn in der Pharmabranche. Und das, obwohl er mit Dermapharm einen der größten deutschen Pharmahersteller aufgebaut hat.

Willi Beier, das ist der Pharmamilliardär, der im Hochhaus „The Seven” das teuerste Penthouse von ganz München bewohnt. Der in seinem schlossartigen Anwesen in Kitzbühel spektakuläre Silvesterpartys veranstaltet und im Sommer mit seiner Segelyacht schonmal zu einer Promihochzeit im Mittelmeer kreuzt. Der mit Boris Becker befreundet ist, obwohl sich die Freundinnen Lilly und Cindy vor einiger Zeit in die Haare bekamen. Der auf keiner Münchner Promigala fehlen darf.

In der Pharmabranche ist Beier dagegen ein Phantom. Dass alles mit einem Lampengeschäft in der heimischen Garage begann, erzählen sich die Mitarbeiter eine Zeitlang auf den Fluren. Dass er einmal eine Disko beim Pokern gewann, lautet ein weiterer Mythos. Und dass er auch schon einmal Schiffbruch erlitten hat. Gerüchte wie diese machen schnell die Runde, wenn man ansonsten wenig zu berichten weiß.

Verbürgt ist, dass Beier – Jahrgang 1956, aus Bad Münstereifel nahe Euskirchen stammend – seine Karriere im Außendienst von Ratiopharm beginnt. Obwohl damals noch ganze Hundertschaften für den Konzern ausschwärmen, wird man in Ulm schnell auf sein Talent aufmerksam. Beier wird Regionalleiter.

Ende der 1980er Jahre wechselt Beier zum Konkurrenten Centrafarm, der kurz darauf unter dem Namen Dorsch auftritt und nach Gräfelfing bei München zieht. Als der belgische Mutterkonzern das Interesse am deutschen Markt verliert, kommt 1992 Beiers große Chance.

Er tut sich mit der Berlinerin Bettina Strohscheer zusammen – deren Familie gehört die Maschinenbaufirma Korsch, die Tablettenpressen an Pharmafirmen in aller Welt verkauft. Strohscheer hat gerade die Firma Dermapharm gegründet, um selbst Arzneimittel zu vermarkten. Was ihr fehlt, sind Produkte. Die bringt Beier mit: Die Dorsch-Klassiker Cortidexason, Fibraflex, Rectoparin, Dexa-Biofenicol und Thrombocutan sind die ersten Produkte des neuen Unternehmens, das kurz darauf ins benachbarte Grünwald umzieht.

Das Problem: Die meisten Präparate sind noch als sogenannte Altregistrierungen im Handel – es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sie nicht mehr verkehrsfähig sind. Beier beauftragt erst einen Zulassungsdienstleister, doch schon bald stellt er ein eigenes Team auf die Beine, das Ordnung ins Sortiment bringen soll. Reihenweise werden Zulassungen beantragt – Dermapharm gehört in jenen Jahren zu den Firmen, die dem BfArM die meiste Arbeit machen. „Wir haben auf Zulassungen geschlafen“, sagt Beiers Frau Elisabeth später im Scherz zu einem ihrer leitenden Mitarbeiter.

Für Beier sind die Produkte Chefsache. Einen echten „Knaller“ gibt es bei Dermapharm zwar bis heute nicht – Dekristol und Calcilac sind noch die bekanntesten Marken. Doch das oft unterschätzte Portfolio ist die eigentliche Stärke des Unternehmens: Der Firmenchef hat ein Gespür dafür, wie er seinen Gemischtwarenladen so bestücken muss, dass er beständig wächst und keine Ausfallrisiken birgt. Als die Rabattverträge beginnen, muss Dermapharm noch vergleichsweise wenig umorganisieren.

Und Beier hat Kontakte: Dass er Ende der 1990er Jahre das Tiroler Nussöl kaufen kann, geht genauso auf sein Netzwerk in München und Kitzbühel zurück wie seine späteren Deals. Beier kauft vor allem Altoriginale, für die niemand mehr Verwendung hat und die sich nach zwei bis drei Jahren amortisieren. Die Kosten hat er stets im Blick: Jahrelang geht jede Rechnung über Beiers Tisch. Dermapharm gehört zu den Firmen, an denen sich die Einkäufer der Großhändler in den Konditionenverhandlungen die Zähne ausbeißen.

Richtig in Schwung kommt das Geschäft Anfang der 2000er Jahre. Im Oktober 2004 übernimmt Dermapharm eine Produktpalette von Jenapharm. Schering will sich auf Kontrazeptiva und Hormonpräparate fokussieren und gibt 65 Präparate, vorwiegend Corticoide, für 38 Millionen Euro ab.

Es folgen weitere Zukäufe: Die Vertriebsfirmen Acis und Cancernova übernimmt Beier 2009, im selben Jahr kauft er von Dolorgiet die Marken Ibutop und Rheila. Die Lakritzbonbons gibt er später weiter an Dr. C. Soldan. Und Beier erschließt sich neue Vertriebswege: 2011 übernimmt er den Reformwarenanbieter Hübner, ein Jahr später folgt der Reimporteur Axicorp. Das Unternehmen bekommt die OTC-Marke Ibutop anvertraut und wird später um den BtM-Spzialisten Remedix erweitert. 2014 kauft er Lactostop, 2017 zwei Medizinprodukte von Riemser.

Parallel expandiert Dermapharm ins Ausland: Mit Tiroler Nussöl und Melasan ist die Gruppe in Österreich vertreten, mit Sun-Farm in Polen, mit der 2010 übernommenen Farmal in Kroatien und mit dem 2007 gegründeten Joint Venture Hasan in Vietnam.

Das Geld für seine Zukäufe besorgt sich Beier unter anderem über Genussscheine. Nicht nur institutionelle Anleger greifen zu, sondern auch die Kunden. Immerhin sind die Schuldverschreibungen mit 8 Prozent gut verzinst und bieten obendrein 2 Prozent Erfolgsprämie. „Das waren unerhörte Konditionen, die aber all die Apotheker und Ärzte als Zeichner stark motiviert haben“, so ein ehemaliger Vorstand.

Zur Kundenbindung leistet sich Dermapharm außerdem als einer der letzten Hersteller nach wie vor einen kaufmännischen Außendienst. Auch die Veranstaltungen für Pharmazeuten und Mediziner sind gut besucht. Und so stehen die Marken und Produkte – ihrem längst aus der Zeit gefallenen Design zum Trotz – bei Empfehlern und Verordnern hoch im Kurs.

Und noch etwas macht Dermapharm besonders: Lässt Beier zunächst vor allem in Österreich und in der Schweiz produzieren, hat er heute die Kontrolle über die gesamte Lieferkette. 2004 eröffnet er in Brehna bei Leipzig ein eigenes Werk, das schon vier Jahre später erweitert werden muss. Finanzielle Unterstützung für das Neubauprojekt auf der grünen Wiese bekommt Beier aus EU-Fördertöpfen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite baut er gleich noch ein zweites Werk für die Firma OEM, die er bereits 1988 quasi nebenher gegründet hat und die – unter Führung seines Bruder – Metallschneiden für Garten- und Landwirtschaftsgeräte vertreibt.

Das Dermapharm-Werk gehört zur Tochterfirma Mibe – der Name steht für Michael Beier. Eine Zeitlang wurde der Junior vor einigen Jahren durch die verschiedenen Abteilungen geschickt, doch heute arbeitet er, von einem Vorstandsposten bei der Holding abgesehen – nicht im Unternehmen. Stattdessen betreibt er am Firmensitz von Dermapharm, stilecht in Grünwald direkt neben den Bavaria-Studios gelegen – gemeinsam mit Freunden die Online-Parfümerie Point Rouge. Auch der Homeshopping-Sender Channel 21 gehört zur Familie.

Beier kann sich auf einen Kreis loyaler Führungskräfte verlassen. In den 1990er Jahren kümmerte sich Dehlia Thürheimer um den Bereich Marketing/Vertrieb – sie hat wie Beier zuvor für Ratiopharm gearbeitet. Später übernimmt mit Wolfgang Müller sogar Beiers früherer Vorgesetzter in Ulm das Ressort, heute ist Stefan Grieving für das operative Geschäft zuständig. In Brehna hält mit Dr. Hans-Georg Feldmeier ein in Galenik erfahrener Apotheker die Stellung. Für die Finanzen ist Karin Samusch zuständig.

Beiers Frau Elisabeth ist ebenfalls nach wie vor an Bord. Sie kümmert sich um das Auslandsgeschäft und hält knapp 20 Prozent der Anteile. Das 10-prozentige Aktienpaket seiner Berliner Partner kauft Beier 2015 zurück. Bis dahin muss er Jahr für Jahr eine fest vereinbarte Dividende an die Familie Strohscheer zahlen.

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