Trommsdorff/Strathmann

Dermapharm: Zwei Zukäufe auf einen Streich

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Berlin -

Wer an die Börse will, muss bei den Anlegern Fantasie erzeugen. Dermapharm kann nach den Zukäufen der vergangenen Jahre eine gute Wachstumsstory vorweisen und verspricht, gleich im ersten Jahr 50 bis 60 Prozent des Gewinns als Dividende auszuschütten. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat sich der Hersteller aus Grünwald bei München gleich noch zwei Konkurrenten einverleibt: Trommsdorff und Strathmann.

Kurz vor dem Jahreswechsel wurden die beiden Deals unter Dach und Fach gebracht. Über den Kaufpreis macht Dermapharm nichts bekannt. In der jüngeren Vergangenheit hatte sich das Unternehmen aber großzügig gezeigt, zuletzt bei der Übernahme von Bite away und Herpotherm von Riemser. Ein Teilbetrag von 15 Millionen Euro soll aus der geplanten Kapitalerhöhung finanziert werden, die insgesamt 100 Millionen Euro in die Kasse spülen soll. Wie bei Dermapharm üblich, sollen die Unternehmen als Tochterfirmen unter bisherigem Namen selbstständig bleiben.

Zum Portfolio von Trommsdorff gehören Produkte wie Keltican, Tromcardin, Eneas, Escor, Ozym, Quimbo, Rectodelt, Tromphyllin, Zalain sowie das 2013 eingeführte Neuroleptikum Adasuve. Gegen unkomplizierte Harnwegsinfekte hatte der Hersteller vor zwei Jahren Utipro plus auf den Markt gebracht. Für das operative Geschäft ist als Business Unit Director der ehemalige Stada-Marketingleiter Rüdiger Hoppe zuständig.

1797 gegründet, ist Trommsdorff einer der ältesten Arzneimittelhersteller in Deutschland. Seit 1975 gehört das Unternehmen mit Sitz in Alsdorf bei Aachen zur spanischen Ferrer-Gruppe mit Hauptsitz in Barcelona. Rund 250 Mitarbeiter sind am deutschen Firmensitz beschäftigt, davon ungefähr 100 in der Produktion. Vom Umsatz von rund 51 Millionen Euro entfallen rund 38 Millionen Euro auf den Verkauf von OTC- und Rx-Produkten in Deutschland und 13 Millionen Euro auf die Lohnherstellung.

Strathmann ist ebenfalls im OTC- und Rx-Geschäft präsent. Der Mittelständler ist vor allem für Marken wie das Diuretikum Biofax, das Dermatikum Ebenol sowie das Hmäorrhoidenmittel Haenal bekannt und erwirtschaftet mit seinen 80 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 30 Millionen Euro, mehr als die Hälfte davon im Ausland. In den deutschen Arztpraxen und Apotheken ist das Unternehmen mit einem eigenen Außendienst präsent; davor hatte es ab 2012 zunächst eine Kooperation mit dem Dienstleister Roha gegeben.

Die Ursprünge des Unternehmens reichen in die 1960er Jahre zurück, als der Hamburger Arzt Dr. Detlef Strathmann sich nach der Promotion als Werbekaufmann selbstständig machte. Wie der Spiegel damals berichtete, bewarb Strathmann in Illustrierten diverse Mittel gegen Cellulitis – er prägte den Begriff „Orangenhaut“ – und Krampfadern, an deren Herstellfirma er beteiligt war. Sein Partner, ein Apotheker aus dem Saarland, zog ihn über den Tisch, doch Strathmann fand mit der Hamburger Firma Pharma Stroschein einen neuen Mantel für den „hemdsärmligen“ Vertrieb von Schlankheitsmitteln, Potenzpillen und Multivitaminpräparaten.

Fortan wurde das Sortiment seröser: 1978 erhielt Strathmann die Zulassung der ersten retardierten Vitamin-C-Formulierung in der Bundesrepublik. Acht Jahre später folgte das bis heute erhältliche Ossofortin, eine Kombination aus Calcium und Vitamin D3 zur unterstützenden Behandlung bei Osteoporose. Seit 1994 hat Strathmann Mydocalm im Sortiment, bis zum Patentablauf eines der führenden Muskelrelaxanzien.

Zu jener Zeit entstand durch die Fusion mehrerer mittelständischer Unternehmen die Firma Strathmann, die in der Folgezeit durch Akquisition von Firmen und Produktlinien, darunter HEK Pharma, Dr. Mulli Pharma, Angelopharm, Scheurich und Horphag, weiter wuchs. Das im Folgejahr gegründete Biotech-Geschäft mit seinen drei Betriebsstätten in Hamburg, Dengelsberg und Hannover wurde später an Gedeon Richter und Helm verkauft.

2001 verstarb der Firmengründer im Alter von 60 Jahren völlig überraschend an einem Herzinfarkt. Seit 2003 führt mit Silke Strathmann seine zweite Frau die Geschäfte; Anteilseigner waren zuletzt außerdem die gemeinsamen Kinder Simon und Inga Lena. Die Kinder aus erster Ehe sind seit 2003 nicht mehr im Unternehmen vertreten.

Für Dermapharm sollen die beiden Zukäufen nicht die letzten Übernahmen sein. Um auch in Zukunft profitabel zu wachsen, plant das Management „weitere erfolgreiche Akquisitionen“. Man werde auch in Zukunft „kontinuierlich selektive Wachstumschancen prüfen und nutzen“, so Karin Samusch, im Vorstand für Unternehmensentwicklung zuständig. Außerdem sollen weiter neue Produkte entwickelt werden: 40 Kandidaten sind derzeit in der Pipeline, 28 sollen bis 2023 zur Marktreife gebracht werden. Und schließlich steht die Expansion ins Ausland auf dem Plan: In Italien und Großbritannien wurden kürzlich Dependancen gegründet und Vertriebsmanager eingestellt. Ausgewählte Produkte sollen auch in den Benelux-Staaten sowie in Tschechien und in der Slowakei eingeführt werden.

Der Erlös aus der geplanten Kapitalerhöhung soll nicht nur für die Übernahmen, die Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten genutzt werden, sondern auch für die Verbesserung der Produktionsanlagen in Brehna sowie eine neue Produktionsstätte in Neumarkt am Wallersee bei Salzburg.

Im Wettbewerb sieht sich Dermapharm gut aufgestellt. „Unser Produktportfolio mit bekannten Marken deckt überwiegend ausgewählte und relativ kleine Märkte ab, die zudem einen begrenzten Wettbewerb mit hohen Eintrittsbarrieren aufweisen. In der überwiegenden Mehrheit unserer Märkte halten wir daher einen signifikanten Marktanteil,“ sagt Vorstandschef Dr. Hans-Georg Feldmeier. „Darüber hinaus sind wir der Meinung, dass wir mit einem Mix aus wachstumsstarken Produkten und Produkten mit stabilen Umsätzen über ein ausreichend diversifiziertes Portfolio verfügen.“

Unrentable Produkte habe man nur selten veräußern müssen, auch dem Margendruck der Generikaindustrie sei man mit dem wachsenden Anteil an Produkten für Selbstzahler weniger stark ausgesetzt als die Konkurrenz, die auf die großvolumigen, aber margenschwachen Ausschreibungen setzten: Nur 12 Prozent des Umsatzes entfielen bei Dermapharm auf Generika unter Rabattvertrag.

Bei Entwicklung und Produktion setzt Dermapharm auf die eigene Kompetenz, 90 Prozent der Präparate werden in Eigenregie hergestellt. Auch dadurch hätten Lieferengpässe verhindert werden können. Auch beim Vertrieb sei man gut aufgestellt: 72 Außendienstmitarbeiter besuchen Ärzte und Apotheker, hinzu kommen sieben Vertriebler im Krankenhausbereich. „Wir profitieren von langjährigen Beziehungen und dem regelmäßigen Kontakt zu unseren Kunden“, erklärt Stefan Grieving, Vorstand für Marketing. 40 Prozent aller Dermatologen, 35 Prozent aller Gynäkologen und 40 Prozent aller Apotheken in Deutschland seien 2016 besucht worden.

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