Generikahersteller

Dermapharm soll an die Börse

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Berlin -

Der Verkauf des bayrischen Arzneimittelherstellers Dermapharm wurde im Frühjahr 2016 abgeblasen. Jetzt will Firmengründer Willhelm Beier nach Informationen von APOTHEKE ADHOC an die Börse.

Bereits im Frühjahr 2014 hatte Beier einen Verkauf von Dermapharm ins Auge gefasst. Vor einem Jahr wurde es konkret: Die Finanzinvestoren BC Partners und Nordic Capital gaben nach Medienberichten für die Gruppe Offerten von 1,1 Milliarden Euro ab. Doch dann machte Beier überraschend einen Rückzieher. Einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zufolge war er zu dem Schluss gekommen, „dass sein Geld in Dermapharm doch besser angelegt sei“.

Der Grund für den Sinneswandel lag demnach in der klassischen Schwierigkeit, mit der Privatunternehmer nach einer Transaktion zu tun haben: Wenn sie nicht gerade Schulden zu tilgen oder Verwandte auszuzahlen hätten, müssten sie überlegen, wie sie den Erlös aus dem Verkauf neu anlegten. Dies sei eine Schwierigkeit, die angesichts der Nullzinspolitik noch größer sei. Laut Nachrichtenagentur Reuters soll es außerdem unterschiedliche Ansichten über den Verkaufspreis gegeben haben.

Jetzt gibt es einen neuen Plan: Bei Dermapharm werde jetzt ein Börsengang anvisiert, berichten mit der Transaktion vertraute Kreise. Mit den Vorbereitungen beauftragt ist demnach die Investmentbank Morgan Stanley. Auf Nachfrage erklärt Stefan Grieving, Vorstand Marketing und Vertrieb: „Um sich ergebende Marktchancen bestmöglich nutzen zu können, sondiert das Management der Dermapharm kontinuierlich sämtliche Optionen, um die Basis für weiteres, nachhaltiges Wachstum zu legen, wobei grundsätzlich keine Optionen ausgeschlossen werden.“ Darüber hinaus will er die Gerüchte nicht weiter kommentieren. Nur soviel noch: Dermapharm sei in den letzten Jahren profitabel gewachsen.

Einige Indizien sprechen dafür, dass es tatsächlich zu einem Börsengang kommen könnte. So muss Beier seinen Konzern demnächst umfinanzieren: 2017 und 2018 werden Genussrechte in Höhe von 11 Millionen Euro zur Rückzahlung fällig, die er 2010 auch an Ärzte und Apotheker ausgegeben hatte. 2017, 2019 und 2021 muss Beier außerdem Schuldscheindarlehen in Höhe von 128 Millionen Euro tilgen, mit denen Dermapharm sich 2012 beziehungsweise 2014 frisches Kapital besorgt hatte.

Ein Vorteil eines Börsengangs: Beier könnte weiter mitspielen. Und: Die Zeit ist günstig. Weltweit liegt die Zahl der IPO wieder auf dem höchsten Niveau seit Ausbruch der Finanzkrise. Die niedrigen Zinsen erhöhen die Bereitschaft, auch sehr hohe Bewertungen zu akzeptieren. Deutsche Unternehmen sind ebenfalls gefragt.

Bereits vor Monaten hat Beier damit begonnen, sein Imperium neu zu strukturieren. Die teilweise verflochtenen Beteiligungen der verschiedenen Firmen und Finanzdrehscheiben wurden aufgelöst, im Sommer wurde mit der Dermapharm SE eine neue Dachgesellschaft in Form einer europäischen Aktiengesellschaft gegründet.

Noch ist Dermapharm komplett in Familienbesitz: Der Firmenchef selbst hält 80 Prozent der Aktien, der Rest gehört seiner Frau und ein kleines Paket seinem Sohn. Das knapp 10-prozentige Aktienpaket, das seit der Gründung der Berliner Fabrikantin Bettina Strohscheer-Mies gehörte, kaufte Beier bereits Anfang 2015 zurück.

Dermapharm setzt auf Nischenmärkte und will durch ein möglichst breites Portfolio unabhängig von einzelnen Produkten sein. 2015 erwirtschaftete die Gruppe einen Umsatz von 440 Millionen Euro und einen Überschuss von 35 Millionen Euro. Das Deutschlandgeschäft macht mehr als 90 Prozent aus. Auslandsaktivitäten gibt es in Österreich/Schweiz, den Niederlanden, Polen, Kroatien und der Ukraine. In Vietnam ist Dermapharm seit 2007 am Joint Venture Hasan beteiligt.

Den größten Teil des Umsatzes steuert mit knapp 200 Millionen Euro der 2012 übernommene Reimporteur Axicorp bei. Auf knapp 100 Millionen Euro belaufen sich die Produkterlöse von Mibe; die Leipziger Tochterfirma hat außerdem Einnahmen aus der Lohnherstellung für Drittkunden. Auf Dermapharm entfallen 50 Millionen Euro, auf den Reformwarenanbieter Hübner rund 20 Millionen Euro. In dieser Größenordnung liegt auch das Geschäft in Österreich und der Schweiz. Die Erlöse in Osteuropa summieren sich auf 10 Millionen Euro. Lactostop spülte zuletzt Erlöse von rund 7 Millionen Euro in die Kasse, dicht gefolgt von der Generikalinie Acis. Das Geschäft des Onkologika-Spezialisten Cancernova wurde mittlerweile eingestellt.

Die Medikamente der Gruppe werden überwiegend in Brehna bei Leipzig am Standort von Mibe hergestellt. Derzeit laufen die Anlagen im Zweischichtbetrieb, eine dritte Schicht könnte jederzeit eingeführt werden. Das Unternehmen übernimmt auch den zentralen Wirkstoffeinkauf und die Warenversorgung der Tochtergesellschaften. Bei Mibe sind rund 500 der insgesamt 1300 Mitarbeiter beschäftigt.

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