Bürokratische Hürden vs. Krisenversorgung

„Wir bräuchten eine Notstands-PZN“

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Berlin -

„Systemrelevant ist mein neues Lieblingswort!“ Emel Özgen hat sich den Humor bewahrt, obwohl ihr eigentlich überhaupt nicht zum Lachen zumute ist. Wie tausende Kollegen in Deutschland beweist sie gerade, dass Apotheken für die öffentliche Gesundheit nicht verzichtbar sind. Doch statt sich voll auf Versorgung und Beratung konzentrieren zu können, müssen sich Apotheker und PTA weiter mit dem Bürokratie-Monster herumschlagen, das ist nämlich immun gegen Sars-CoV-2. Es wäre jetzt eigentlich so weit, wenigstens während der Krise zeitraubende Regularien auszusetzen, fordert Özgen – und erhält dafür massenhaft Zuspruch.

Özgen gibt gerade ihr Bestes, sowohl für die Patienten als auch für ihr eigenes Team: Die Menschen sind verunsichert und kommen zahlreich, gerade deshalb müssen aber sowohl Patienten als auch Mitarbeiter geschützt werden. Plexiglas, Abstandsmarkierungen, neue Arbeitspläne, um die Mitarbeiter in Teams einzuordnen, besondere Hygienemaßnahmen wie Handschuhe und dergleichen mehr. All das müssen Özgen und ihre Mitarbeiter im laufenden Betrieb schultern. Es wäre schon so mehr als genug. Gerade in solchen Situationen fällt auf, wie sehr der politisch verordnete Sparzwang die Versorgung beeinträchtigt.

„Lieber Spahn, Lieber Schmidt, liebe ABDA, liebe Krankenkassen und alle, die denken, sie müssten über das Gesundheitssystem bestimmen“, wendete sich Özgen deshalb am Samstag mit einem Facebook-Post an die Öffentlichkeit. „Setzt alle Rabattverträge aus und lasst uns Apotheker in Ruhe arbeiten. Setzt alle hemmenden Reglungen mindestens sechs Monate aus. Jeder Arzt hat was Besseres zu tun, als mit Apotheken über Preisanker zu telefonieren. Jeder Apotheker hat anderes zu bewältigen, als blöde Sonder-PZN zu drucken und zu begründen.“ Und obendrauf kommen noch die massenhaften Lieferengpässe. „Die Lieferfähigkeit hat enorm abgenommen“ erklärt Özgen auf Anfrage. „Wir telefonieren hier wegen der geringsten Stärken herum. Wir müssen ständig irgendwo anrufen und der Arzt sagt dann: ‚Klar, geben Sie ihm das doch, wenn Sie nichts anderes bekommen!‘“

Denn den Ärzten geht es nicht besser als den Apothekern. „Es ist jedes Mal eine Riesenhürde, den Arzt ans Telefon zu kriegen, die sind genauso überlastet. Denen fallen zum Teil Arzthelferinnen aus, weil die Kinder nicht in die Schule können.“ Und sie weiß, wovon sie redet: Sie steht selbst vor dem Problem, dass ihre Kinder nicht in die Schule können.

Und kaum ein Arzt hat in der derzeitigen Situation die Nerven, sich mit dem bürokratischen Klein-Klein rumzuschlagen, das Apotheken täglich am Hals haben. „Das mit dem Preisanker versteht doch kein Arzt“, sagt Özgen. „Wenn ich da anrufe, weil etwas drei Cent mehr kostet, dann faucht der mich an, dass ich ihn wegen etwas so Banalem behellige.“ Doch die bürokratischen Hürden sind nicht nur schlecht für die Nerven – sie führen zum Teil auch die Maßnahmen zum Gesundheitsschutz ad absurdum.

Denn wenn Rezepte geändert werden, müssen sie ja zurück zum Arzt. „Zu den Praxen in der Nähe schicken wir dann meist eine PTA oder PKA“, erklärt Özgen. „Es ist doch widersinnig, dass wir hier alle Maßnahmen zum Infektionsschutz ergreifen und dann unsere Mitarbeiter für eine Unterschrift in die Praxen schicken, wo sie sich anstecken können.“ Ähnlich sieht es mit den Rabattverträgen aus: „Ihr wollt weniger Sozialkontakte?“, fragte die Inhaberin auf Facebook. „Dann weg mit den Rabattverträgen, damit wir den Patienten sofort versorgen können und dieser keinen zweiten Kontakt mit uns haben muss. Das schützt ihn und uns. Es ist sowieso kaum noch was lieferbar.“

Mit etwas mehr Zutrauen in die Arbeit studierter Pharmazeuten wäre die Versorgung nicht nur effizienter, sondern auch sicherer, so Özgens Argument. „Ich kenne die Pharmakologie und bin in der Lage, im Notfall statt Floxal Gentamycin abzugeben. Ich bin in der Lage, dem Kunden zu sagen, dass er Candesartan 16 mg teilen muss, um auf seine 8 mg zu kommen, ohne einen Arzt anzurufen.“ Stattdessen: Rumtelefonieren und endlose Sonder-PZN. „Wir bräuchten eine Notstands-PZN“, sagt Özgen. „Bei der sollte dann nur die Zuzahlung abgerufen werden und alles, was darüber abläuft, müssten die Kassen dann bezahlen, ohne rum zu diskutieren. Wir wollen uns daran doch nicht bereichern! Aber wir wollen etwas tun können, ohne uns dafür immer erklären zu müssen.“

Dass sie so eine große Resonanz auf ihren Facebook-Post erhält, hatte Özgen zuvor nicht erwartet. „Das habe ich am Samstag geschrieben, als ich frustriert war.“ Neben tausenden Likes, Shares, Kommentaren, Anrufen und Mails, die sie seitdem erhalten hat, freue sie vor allem, dass ihr von Ärzteseite viel Unterstützung entgegengebracht wird. „Es wird immer so dargestellt, als seien Ärzte und Apotheker gegeneinander, aber im Moment zeigt sich doch, dass wir im selben Boot sitzen!“

Allzu große Hoffnung, dass sich angesichts der Krise zeitnah etwas ändern könnte – dass Regularien wie Rabattverträge beispielsweise für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt werden – habe sie allerdings nicht. „Ich glaube nicht, dass sich die Krankenkassen da reinspielen lassen. Würde man mit gesundem Menschenverstand da rangehen, hätte man sowas wie den Preisanker ja gar nicht erst gemacht.“ Auch von Politik und Standesvertretung erwartet sie sich nicht mehr viel. „Die Kammer kümmert sich gar nicht um uns und auch die ABDA sieht man nicht. Friedemann Schmidt ist abgetaucht.“ Es sei längst an der Zeit gewesen, beklagt Özgen, dass Schmidt sich bei der Politik und in der Öffentlichkeit dafür einsetzt, dass den Apothekern Erleichterungen gemacht werden, damit sie ihrer Arbeit bestmöglich nachkommen können.

„Die Zeit, die wir am Telefon mit Kassen und Ärzten verschwenden, bräuchten wir eigentlich dafür, die Kunden über Corona aufzuklären. Dabei könnte es so viel einfacher sein. „Wir hätten so viele Möglichkeiten, wenn man uns den Freiraum geben würde“, klagt Özgen. „Wir könnten dem Gesundheitswesen noch viel mehr dienen, wenn es diese Hürden nicht gebe.“

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