Extrem viel Virus im oberen Rachenbereich

Warum CoV-2 ansteckender als SARS ist

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Berlin -

Die Zahl der Infizierten steigt täglich an: CoV2 scheint daher wesentlich infektiöser zu sein als das SARS-Virus, welches 2003 für zahlreiche Erkrankungen sorgte. Der Virologe Professor Dr. Christian Drosten von der Charité klärte auf einer Informationsveranstaltung in Berlin über die Hintergründe auf.

Covid-19 und SARS: Ähnlich oder doch verschieden?

Immer wieder wird das neue Coronavirus mit SARS und MERS verglichen. Anfänglich vermutete man, auch Vermehrung und Verbreitung seien ähnlich. Drosten erklärte nun jedoch, dass es sich den neuesten Forschungen zufolge doch „sehr unterschiedlich“ verhalte, wie der Tagespiegel berichtet. Dem Virologen zufolge vermehrt sich das schon länger bekannte SARS-Virus vor allem tief in der Lunge – denn nur dort könne es in die Zellen eindringen, sich vermehren und zu neuen, infektiösen Viruspartikeln heranreifen. Im oberen Rachenraum ließen sich vergleichsweise wenig Viren finden – weil es sich dort nicht vermehren könne, erklärt er.

Das mache einen wesentlichen Unterschied zum Verlauf der aktuellen Covid-19-Epidemie aus. „Die Lunge ist voller Immungewebe, das heißt, es gibt sofort ein Krankheitsgefühl“, wird er im Tagesspiegel zitiert. Bei SARS bemerkten die Betroffenen daher schnell, dass sie krank sind: Meist noch bevor sich die Viren in den Rachenraum ausbreiten konnten und so durch Husten und Niesen verbreitet wurden. Die Patienten wurden daher erst etwa eine Woche nach den ersten Symptomen ansteckend. Dadurch konnte die Epidemie gut eingedämmt werden.

Hohe Viruskonzentrationen im Rachenbereich

Beim aktuellen Sars-CoV-2 sieht es jedoch anders aus: Es gebe „bemerkenswerte klinische Unterschiede“, sagte Drosten. Bei einer Untersuchung von 18 chinesischen Patienten konnte demnach festgestellt werden, dass sich – anders als bei SARS – extrem viel Virus im oberen Rachenbereich befindet. „Die höchste Viruskonzentration im Rachenabstrich ist schon zu einer Zeit festzustellen, wenn die Symptome gerade erst beginnen.“ Die festgestellten Mengen seien sogar höher als bei einer Influenza-Infektion.

Keine Symptome und trotzdem hochansteckend

Vergleichsweise wenig Virusbelastung ist zu Beginn der Corona-Erkrankung hingegen in tiefen Lungenabschnitten zu finden. Die Immunzellen sitzen jedoch in der Lunge: Das Krankheitsgefühl wird daher erst ausgelöst, wenn dort die Cytokine Alarm schlagen. Das erklärt, warum die Patienten schon lange ansteckend sind, bevor sie selbst überhaupt Symptome entwickeln. Drosten erklärt weiterhin, was die Ursache für die Unterschiede zwischen Covid-19 und SARS sein könnten – vier zusätzliche Aminosäuren in einem Glykoprotein aus der Hülle des aktuellen Virus.

Covid-19 ist nicht auf Proteasen angewiesen

Diese seien durch zufällige Mutation entstanden und würden nur bei Sars-CoV-2 auftreten. Drosten zufolge sitzen sie an einer Stelle, wo das Protein zerschnitten werden muss, damit die Viren „reifen“ können und infektiös werden. „So etwas kommt auch bei Influenza-Viren vor und das ist genau das, was niedrig-pathogene von hochpathogenen Influenza-Viren unterscheidet.“ Das SARS-Virus war auf Proteasen angewiesen, die es nur tief in der Lunge gibt. CoV-2 hingegen nicht: Daher kann es sich bereits im oberen Rachenraum vermehren.

Wichtige Hinweise für die Diagnostik

Diese Hinweise sind unter anderem für die Diagnostik wichtig: Denn CoV-2 kann demnach mit einem einfachen Abstrich des oberen Rachens nachgewiesen werden – dieser wird routinemäßig auch bei Influenza-Verdacht durchgeführt. Abstriche aus tieferen Regionen der Atemwege sind hingegen nicht notwendig. Außerdem zeige die Forschung, dass mit Fiebermessungen an Flughäfen und dem Abfragen von Krankheitssymptomen von Reisenden zwar einige schon Erkrankte identifiziert werden könnten, viele Infizierte aber wohl unerkannt bleiben dürften, berichtet der Tagesspiegel.

Druck auf Betten: Krankenhausentlassung nach einer Woche

„Ein symptomfreier Covid-19-Patient, dessen Zustand sich nicht verschlimmert, und eine Woche im Krankenhaus ist, kann entlassen werden“, erklärte Drosten. Selbst wenn sich noch Virus im Rachenabstrich mit der sehr sensitiven PCR-Methode nachweisen ließe, seien diese Patienten den Labortests zufolge nicht mehr infektiös. Man werde sich aufgrund des hohen Drucks auf die Krankenhausbetten nicht leisten können alle Patienten solange stationär zu behalten, bis der PCR-Virustest an zwei aufeinanderfolgenden Tagen negativ ausfalle – so wie es bei den infizierten Münchener Patienten der Fall war. „Zwar sind die Leiter der Gesundheitsämter da noch zögerlich, aber irgendwann wird der Druck auf die Betten so groß sein, dass man dieses Kriterium wohl nutzen wird.“

Keine Übertragung über den Stuhl und niedrige Fallsterblichkeit

Entwarnung gab Drosten in Bezug auf die Übertragung per Stuhl: Zwar lasse sich Viruserbgut in Stuhlproben Infizierter nachweisen, aber in keinem Fall habe man damit Zellkulturen infizieren können. Beruhigend sei auch, dass Kinder zwar infiziert werden und infektiös sein können, bislang aber nur selten und sehr selten schwer erkranken. Auch Schwangere seien nicht besonders gefährdet.

Die Höhe der Fallsterblichkeit lasse sich derzeit nur schätzen: Der Virologe schätzte die Sterblichkeit auf etwa 0,3 Prozent – einberechnet, dass sehr viele milde oder gar symptomfrei verlaufende Infektionsfälle gar nicht registriert werden. Man hoffe, dass sich Covid-19 langsam genug verbreite, um den Sommer zu nutzen: Aufgrund von vermehrter UV-Strahlung, Trockenheit und der Tatsache, dass sich weniger Menschen eng beieinander in schlecht belüfteten Räumen aufhalten, hätten es Viren dann grundsätzlich schwerer sich zu verbreiten.

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