Bedenken bei Vektorimpfstoffen

Thrombosen bei Janssen und Sputnik?

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Berlin -

Beim Vektorimpfstoff von AstraZeneca herrscht seit Wochen ein Hin und Her. Grund für die zwischenzeitlichen Aussetzungen der Impfungen mit Vaxzevria waren seltene Fälle von speziellen Hirnvenenthrombosen. Nun stellt sich die Frage, ob auch bei den weiteren Vektorvirenimpfstoffen mit solch schweren unerwünschten Ereignissen gerechnet werden muss. Bei dem Vakzin von Janssen äußert die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) erste Bedenken.

Der Zusammenhang zwischen dem AstraZeneca-Impfstoff und aufgetretenen Thrombosen wurde von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) bestätigt. Auch ein möglicher Grund für die Entstehung wurde mittlerweile ausgemacht: Es handelt sich wahrscheinlich um eine vakzineinduzierte prothrombotische Immunthrombozytopenie (VIPIT). Wissenschaftler vermuten aktuell eine Fc-Rezeptor-vermittelte Thrombozytenaktivierung mit Thrombosen als Folge als Ursache für die Blutgerinnsel im Gehirn.

Kommt es auf den Vektor an?

Aktuell wird untersucht, welche Bestandteile des Impfstoffes verantwortlich für die Blutgerinnsel sind. Mediziner sehen es als wahrscheinlich an, dass die unerwünschten Ereignisse mit dem verwendeten Vektor zusammenhängen. AstraZenecas Impfstoff basiert auf einem Adenovirus vom Schimpansen. Dass das Spike-Protein als Ursache in Frage kommt, halten die Experten aktuell für unwahrscheinlich. Sie stützen diese Annahme darauf, dass es bei anderen Vektorimpfstoffen oder auch bei einer Sars-CoV-2-Infektion nicht zur Häufung von Sinusvenenthrombosen kommt.

Das Vakzin von Janssen und der Impfstoff Sputnik basieren auf humanen Adenoviren. In den zulassungsrelevanten Studien wurden bislang keine Sinusvenenthrombosen als unerwünschtes Ereignis dokumentiert. Bald sollen die Impfungen mit dem zweiten in Deutschland zugelassenen Vektorviren-Impfstoff starten; der Janssen-Impfstoff wird allerdings nur einmal gespritzt. Nun fragen sich viele Bürger, ob auch bei dieser Vakzine mit einer erhöhten Thrombosegefahr zu rechnen ist. Aktuell, so Wissenschaftler, könne man hierzu keine abschließende Aussage treffen. Andererseits: Das Risiko der Sinusvenenthrombosen bei Vaxzevria wurde erst durch den großflächigen Einsatz bekannt.

Doch dieser Annahme entgegen stehen neueste Äußerungen der EMA. In der monatlichen Sitzung des Pharmakovigilanzausschusses wurde nun auch auf ein erhöhtes Thromboserisiko im zeitlichen Zusammenhang mit dem Vektorimpfstoff von Janssen hingewiesen. In der Summe ist von vier schweren ungewöhnlichen Thrombosen in Zusammenhang mit niedrigen Blutplättchenzahlen die Rede. Ein Fall endete tödlich. In den Zulassungstudien trat nur ein Fall auf – die weiteren drei wurden nach der Zulassung und pandemischen Impfung in den USA gemeldet. Weitere Impfungen werden zeigen, ob das Risiko weiter ansteigt. Sollten sich die Fälle häufen, so scheint die aktuelle Theorie der Wissenschaftler nicht stimmig – der genaue Zusammenhang zwischen Thromboserisiko und Art des verwendeten Vektorvirus müsste neu aufgerollt werden.

Russlands Impfstoff unterscheidet sich noch in einem weiteren Punkt von Vaxzevria. Sputnik V wird zweimal im Abstand von 21 Tagen gegeben – dabei unterscheidet sich der Vektor der ersten Impfung von dem der zweiten. Dieser Adenovirus-Wechsel soll ein Grund für die weitaus höhere Wirksamkeit verglichen mit anderen Vektorimpfstoffen sein. Sputnik V weist eine Wirksamkeit über 90 Prozent auf. AstraZeneca und Jannsen kommen auf Wirksamkeiten von rund 70 Prozent. Durch den Wechsel des Vektors kann zudem verhindert werden, dass der Organismus verstärkt auf die Antikörperproduktion gegen das Adenovirs setzt. Der Fokus auf die Immunität gegen das Zielgen wird verstärkt.

Weiteres Sicherheitssignal für Vaxzevria

Des weiteren verzeichnet die EMA beim Vektorvirren-Impfstoff von AstraZeneca ein weiteres Sicherheitssignal. Fünf Personen litten im zeitlichen Zusammenhang unter dem sogenannten Kapillarlecksyndrom (auch Clarkson-Syndrom genannt). Hierbei handelt es sich um eine seltene Form eines generalisierten Ödems. Im ganzen Körper wird die Durchlässigkeit der Kapillaren soweit erhöht, dass Flüssigkeit austritt. Neben der ödembildung kommt es zum Kreislaufabfall und Volumenmangelschock. Aufgrund der sehr geringen Anzahl bestätigter Fälle gibt es keine Standardtherapie zur Behandlung des Syndroms.

Was bringt ein Wechsel des Impfstoffes?

Personen, die nun die Erstimpfung mit AstraZeneca erhalten haben und unter 60 Jahre alt sind, stehen aktuell vor einem Fragezeichen. Mit welchem Impfstoff wird die zweite Impfung durchgeführt werden? Studien zum Thema Mix & Match laufen. In der britischen Com-Cov-Studie werden derzeit unterschiedliche Impfstoffkombinationen getestet. Einige Probanden erhalten zwei Dosen Vaxzevria, einige zwei Dosen Comirnaty und eine Gruppe erhält in beliebiger Reihenfolge einen von beiden Impfstoffen. Nach Abschluss der Impfserie soll die Immunantwort verglichen werden. Die ersten Ergebnisse der britischen Wissenschaftler werden Ende April erwartet.

Aktuell ist es noch nicht vorgesehen, eine Grundimmunisierung mit einem verfügbaren anderen Impfstoff zu komplettieren. Doch die Kombination verschiedener Impfstoffgruppen könnte sogar Vorteile aufweisen. Durch die Kombination werden unterschiedliche Arme des Immunsystems stimuliert – die Ausbildung eines Impfschutzes könnte hierdurch stärker sein und länger anhalten. So regen mRNA-Impfstoffe im Gegensatz zu anderen Impfstoffgruppen beispielsweise vor allem die T-Zellproduktion an.

 

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