PTA wütend

Brief an KV: „Wie soll es ohne Apotheken funktionieren?“

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Berlin -

Der Ton zwischen Ärzteschaft und Apotheken verschärft sich. Mit einem provokanten Vorstoß hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen eine Welle der Empörung in der Apothekerschaft ausgelöst. Die KV-Vorstände Frank Dastych und Armin Beck stellten öffentlich die Existenzberechtigung der Apotheken in ihrer jetzigen Form infrage und forderten einen „radikalen Sparvorschlag“. In einem offenen Brief kontert PTA Verena Schulz und rückt die Versorgungsrealität gerade.

Hintergrund des Konflikts ist die Debatte um die Erweiterung pharmazeutischer Kompetenzen und mögliche Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem. Die KV Hessen äußerte, dass Apotheken zu reinen „pharmazeutischen Verkaufsstellen“ verkommen, die zu 95 Prozent Fertigarzneimittel abgeben und sich vorrangig über „Gummibärchen und Kosmetika“ finanzierten.

Stattdessen schlägt man vor, Arzneimittelabgabestellen in Drogeriemärkten einzurichten – inklusive einer Personalschulung durch die KV selbst. Den Rest solle der Versandhandel erledigen. Für die flächendeckende Versorgung fordern die Ärzte-Funktionäre zudem das Dispensierrecht (die direkte Medikamentenabgabe durch Ärzte) sowie eine Reduktion auf nur noch eine Regionalapotheke pro 250.000 Einwohner, gekoppelt an einen Fahrdienst. Das so eingesparte Geld solle stattdessen in die ärztliche Versorgung fließen.

„Respektlos und realitätsfern“

Diese Pläne stießen bei Verena Schulz, PTA in der Apotheke im Lechfeld in Untermeitingen, auf tiefes Unverständnis und Verärgerung. In einem offenen Brief wirft sie den KV-Vorständen vor, die Augen vor der Realität des Apothekenalltags komplett zu verschließen. Die Herabstufung ihres Berufsstandes und die Behauptung, Apotheken lebten vom „Bonbon-Verkauf“, bezeichnet sie als sachlich fragwürdig und zutiefst respektlos gegenüber den Angestellten, die seit Jahren unter enormem wirtschaftlichem Druck, Fachkräftemangel und Lieferengpässen arbeiten.

Unsichtbar für Patienten

Schulz stellt in ihrem Schreiben klar, dass hinter jeder scheinbar einfachen Medikamentenabgabe „Fachwissen, Verantwortung und oftmals umfangreiche pharmazeutische Prüfungen“ stecken, die „für Patientinnen und Patienten meist unsichtbar bleiben“. Die Prüfung von Wechselwirkungen, das Aufdecken von Dosierungsfehlern und das zeitaufwendige Management von Lieferengpässen gehören laut Schulz zum täglichen Handwerk – Aufgaben, die der Patientensicherheit dienen und Arztpraxen massiv entlasten.

„Gerade für multimorbide Patientinnen und Patienten mit komplexen Arzneimittelplänen ist diese Arbeit von unschätzbarem Wert. Viele Probleme werden bereits in der Apotheke erkannt und gelöst, bevor daraus gesundheitliche Schäden entstehen“, so Schulz.

Kompetenz nicht per Schnellkurs

Besonders scharf kritisiert sie den Vorschlag, Drogerie-Personal für die Arzneimittelabgabe zu schulen. Die fundierte, mehrjährige Ausbildung von PTA sowie das anspruchsvolle Pharmaziestudium von Apotheker:innen ließen sich nicht durch kurze Zusatzqualifikationen in einer Drogerie ersetzen. „Die pharmazeutische Kompetenz von Apothekerinnen und Apothekern lässt sich nicht in einer Zusatzschulung vermitteln. Pharmazeutinnen und Pharmazeuten absolvieren ein anspruchsvolles Studium, um Wirkmechanismen, Pharmakokinetik, Wechselwirkungen, Kontraindikationen und die sichere Anwendung von Arzneimitteln umfassend zu verstehen“, macht sie klar.

Empathie und Menschlichkeit

Neben dem reinen Fachwissen über Pharmakokinetik und Kontraindikationen spiele vor allem die menschliche Komponente eine Rolle: „Empathie, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, Menschen in oft belastenden Situationen zu begleiten, lassen sich weder automatisieren noch durch ein vereinfachtes Versorgungskonzept ersetzen.“

Auch das theoretische Modell der KV, 250.000 Einwohner durch nur noch eine einzige Regionalapotheke samt Fahrdienst zu versorgen, hält Schulz für gefährlich. In der Versorgungsrealität würde dies erhebliche Risiken und eine deutliche Verschlechterung der Patientensicherheit bedeuten – insbesondere im Akut- und Notdienst, auf den junge Familien oder chronisch Kranke angewiesen sind.

System ohne Apotheken?

Um die festgefahrene und zunehmend polemische Debatte zu versachlichen, schließt die PTA ihren Brief mit einer direkten Einladung an die KV-Vorstände nach Untermeitingen ab. „Nicht für einen Pressetermin, sondern als aufmerksamer Beobachter des tatsächlichen Arbeitsalltags“, schreibt sie. „Vielleicht würden manche Ihrer Aussagen danach differenzierter ausfallen.“ Denn die entscheidende Frage laute nicht, ob man Apotheken noch brauche, sondern wie das Gesundheitssystem ohne sie funktionieren solle.

Schulz wünscht sich, dass die KV Hessen auf ihr Schreiben wenigstens reagiert. „Es wäre nett, wenn man uns hört und nicht einfach ignoriert.“

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