Studie: E-Rezept killt 7000 Apotheken | APOTHEKE ADHOC
Apothekensterben

Studie: E-Rezept killt 7000 Apotheken

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Berlin -

Die für 2020 geplante Einführung des elektronischen Rezepts (E-Rezept) wird den Apothekenmarkt revolutionieren: „Die Karten werden neu gemischt“, schreibt die Unternehmensberatung Dr. Kaske in einer umfassenden Studie zu den Konsequenten der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorangetriebenen Digitalisierung des Apothekenmarktes. Für die noch gut 19.000 inhabergeführten Apotheken könnte das E-Rezept allerdings dramatische Folgen haben. Das Apothekensterben wird sich der Studie zufolge erheblich beschleunigen. Im Jahr 2030 wird es demnach im Worst-Case-Fall nur noch 12.000 Apotheken geben. Der Marktanteil des Versandhandels steigt danach steil auf 10 Prozent oder fünf Milliarden Euro.

Das E-Rezept wird das Gesundheitswesen als wesentliche Komponente der Digitalisierung nachhaltig und tiefgreifend verändern, prognostiziert die Dr. Kaske-Studie. Online-Apotheken sähen im E-Rezept eine einmalige Chance und und könnten die Ablösung des Papierrezepts kaum erwarten. Noch liege der Rx-Online-Anteil bei überschaubaren 1,5 Prozent. Die regulatorischen Veränderungen machen laut Dr. Kaske jedoch ein exponentielles Wachstum zunehmend wahrscheinlich: „Wir erwarten eine Steigerung des Rx-Versandhandelsanteils auf bis zu 10,2 Prozent was, einem Umsatz von 5,1 Milliarden Euro entspricht – zulasten der stationären Apotheken, die 4,3 Milliarden Euro Rx-Umsatz verlieren“, so die Studie. Das hätte „gewaltige Folgen“: Bis 2030 könnte jede dritte Offizin-Apotheke schließen.

Nur noch 11.871 Apotheken könnte es danach in gut zehn Jahren in Deutschland geben, so das Worst-Case-Szenario der Marktanalyse. Treiber seien neben dem E-Rezept die alle Altersschichten erfassende Digitalisierung, die automatisierte Ausstellung von Folgerezepten durch Online-Apotheken so wie die Professionalisierung von Onlineapotheken, insbesondere eine schnellere Medikamentenauslieferung als Same-Day und Next-Day-Delivery.

Mehr noch: Die Hälfte der Verbraucher würde ein E-Rezept online einlösen, obwohl aktuell mehr als 70 Prozent noch nichts vom E-Rezept gehört haben. 23,3 Milliarden Euro Rx-Online-Umsatz pro Jahr würden laut Dr. Kaske-Studie entstehen, wenn Patienten ihr Verhalten entsprechend ändern würden.

86,4 Prozent der Apotheker befürchten laut einer die Studie begleitende Befragung mit Einführung des E-Rezeptes das Abwandern der Kunden zu ausländischen Versandapotheken. 92 Prozent der Hersteller sehen dagegen in Online-Apotheken großes bis sehr großes Potential für ihr OTC-Geschäft. 80 Prozent der Hersteller gehen davon aus, dass die Einführung des E-Rezepts den Rx-Online-Anteil vergrößern wird und weitere 68 Prozent erwarten, dass die Einführung des E-Rezepts den OTC-Online-Anteil vergrößern wird.

Drei Szenarien hält die Dr. Kaske-Studie in Sachen E-Rezept für (unterschiedlich) wahrscheinlich: Szenario 1 gibt die Studie eine Chance von nur 20 Prozent: Das E-Rezept wird wider Erwarten doch nicht im Frühjahr 2020 eingeführt. Grund dafür sind die anhaltenden starken Bedenken bezüglich des Datenschutzes. Die verzögerte Einführung werde begleitet von vielen Schutzmechanismen für die Apotheke vor Ort. Folgerezepte dürfen weiterhin nur vom Arzt ausgestellt werden. Trotzdem geht die Studie auch in diesem Fall von einem weiteren Sinken der Apothekenzahlen aus: Im Jahr 2030 würden dann nur noch knapp 15.000 Vor-Ort-Apotheken übrig bleiben.

Szenario 2 verfügt laut Dr. Kaske über die höchste Eintrittswahrscheinlichkeit von 45 Prozent: Das E-Rezept wird wie geplant im Frühjahr 2020 eingeführt. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wird es von Ärzten und Patienten zunehmend genutzt. Online-Apotheken erleben durch die Verabschiedung des Gesetzes zur Folgerezept-Ausstellung durch Apotheker einen zusätzlichen Aufschwung. Zudem setzen sie auf Next-Day-Delivery und in Ballungszentren auf Same-Day-Delivery. In diesem Szenario sinkt die Apothekenzahl in Deutschland bis zum Jahr 2030 auf knapp 13.700.

Szenario 3 mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 35 Prozent ist für die Vor-Ort-Apotheken am dramatischsten: Das E-Rezept wird wie geplant 2020 eingeführt. Ärzte, Patienten und Apotheker stellen sich mit technischen Erweiterungen auf die Digitalisierung des Rezeptes ein. Online-Apotheken werden wegen des „Convenience-Faktors“ zunehmend zur ersten Wahl, auch dank Same-Day-Delivery und bequemer 1-Klick-Bestellung. In den nächsten zehn Jahren schließen laut Studie dann jeden Tag durchschnittlich zwei stationäre Apotheken in Deutschland. Im Jahr 2030 sänke die Apothekenzahl auf nur noch 11.871.

Parallel dazu kommt es laut Studie zu erheblichen Umsatzverschiebungen zum Online-Handel mit Arzneimitteln. Wieder gibt die Studie drei Szenarien vor.

„Rx 1“ mit 20 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit: Die Rabattierungsmöglichkeit durch ausländische Versandapotheken wird wieder verboten. Das E-Rezept wird wider Erwarten doch nicht eingeführt, weshalb die Lieferung von Rx-Arzneimitteln weiterhin mehrere Tage dauert. Konzepte wie der Noweda-Burda-Zusammenschluss und der Vorstoß der Apotheken Umschau führten zur Stärkung der Apotheke vor Ort und sorgten dafür, dass einige Versandkäufe durch die kleine lokale Apotheke durchgeführt würden statt über große Versender. In diesem Fall wächst der Rx-Versandhandel „nur von aktuell 476 Millionen Euro auf 748 Millionen Euro im Jahr 2030“.

„Rx 2“ mit 45 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit: Holländische Versender können weiterhin Boni gewähren. In Großstädten wird die 24-Stunden-Lieferung zum Standard. Das E-Rezept wird 2020 eingeführt mit einigen Anfangsschwierigkeiten und benötigt einige Jahre, um sich zu etablieren. Die Apotheken vor Ort kommen mit digitalen Konzepten nur schleppend voran. Bis 2030 steigt hier der Rx-Versandhandelsumsatz auf 5 Prozent oder 2,5 Milliarden Euro an.

„Rx 3“ mit 35 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit: Auch deutsche Versandhändler dürfen Boni gewähren. In großen und mittelgroßen Städten wird die 24-Stunden-Lieferung Standard. Das E-Rezept ist ein voller Erfolg und Ärzte senden ihre Rezepte oft direkt an DocMorris, Shop-Apotheke oder Amazon. Die digitalen Vor-Ort-Konzepte zünden nicht, da sich die Apothekeninhaber in internen Grabenkämpfen verlieren. Im Wort-Case-Szenario steigt der Rx-Versandhandelsumsatz bis zum Jahr 2030 auf knapp über 5 Milliarden Euro oder 10 Prozent. 4,3 Milliarden Euro Mehrumsatz erzielen Versandhändler in Szenario 3 auf Kosten der stationären Apotheken.

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