Apotheker zum E-Rezept: „Kein Sinn und kein Zweck“ | APOTHEKE ADHOC
Digitalisierung

Apotheker zum E-Rezept: „Kein Sinn und kein Zweck“

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Berlin -

Die Zukunft findet auf dem Bildschirm statt: Gestritten wird seit Jahren darüber, wie und wie schnell das Gesundheitswesen digitalisiert wird. Dass es so kommen soll, bestreitet so gut wie niemand. Doch E-Rezept und Telemedizin sind keine Allheilmittel, sondern bergen selbst neue Gefahren, wendet Rainer Duelli ein. Der Apotheker vom Bodensee hat in den letzten Monaten die Erfahrung machen müssen, wie fragil die digitale Gesellschaft ist – und hat entsprechend große Einwände gegen die Digitalisierungspläne des Gesundheitsministers.

Oft merkt man erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat: Davon können die Bewohner von Lindau ein Lied singen. Gleich mehrfach innerhalb weniger Monate kam es in dem beschaulichen Tourismus-Ort im Dreiländereck zu Netzausfällen. Am heftigsten war es im Dezember: Nachdem bei Baggerarbeiten ein Glasfaserkabel beschädigt wurde, fiel ganze fünf Tage lang das Netz der Telekom aus. Das hatte größere Auswirkungen, als man es im ersten Moment denken könnte: Neben ungezählten Anwohnern, die beruflich oder privat auf das Internet angewiesen sind, traf es Geschäfte, in denen die EC-Leser ausfielen, Firmen, die nicht mehr erreichbar waren, Bankfilialen, die kein Geld mehr ausgeben konnten – und die Insel-Apotheke von Rainer Duelli.

„Das war der Super-GAU“, erinnert er sich. Neben den Problemen wegen der ausgefallenen Telefone und der EC-Lesegeräte machte ihm vor allem zu schaffen, dass die serielle Datenübertragung nicht mehr funktioniert hat. „Wir haben dann bei Sanacorp angerufen und gefragt, ob sie ein Zeitfenster haben, in dem wir die Bestellungen per Handy durchgeben können.“ Von der Telekom selbst sei keine nützliche Hilfe gekommen. Auch die Bankautomaten im Umkreis seien ausgefallen, lediglich eine Sparkasse habe vormittags geöffnet und ihren Kunden ermöglicht, Geld am Schalter abzuheben. Wer also nicht genug Bargeld bei sich hatte, konnte weder mit Karte bezahlen, noch welches am Automaten holen. „Deshalb hatten wir zuhauf Kunden, die unverrichteter Dinge wieder gehen mussten“, sagt der 62-Jährige.

„So haben wir dann tagelang gewartet und gehofft. Es konnte ja keiner wissen, wie lange das dauert – einen, zwei oder drei Tage. Am Ende waren es dann fünf“, erinnert er sich. Vor allem die Dauer sei im Nachhinein problematisch gewesen. Kunden haben ihm erzählt, sie hätten in der Zeit tagelang versucht, ihn zu erreichen und am Ende sogar anderswo nachgefragt, ob denn die Insel-Apotheke geschlossen habe. „Das dauert Wochen, bis das wieder im Gleis ist“, merkt er zum Kundenverhältnis an. Auch für die Ärzte der Umgebung habe es eine Weile gedauert, bis sie merkten, dass Duellis Apotheke nicht erreichbar ist.

Es mache ihn wütend, wenn so etwas dann heruntergespielt wird. „Und dann wird gesagt, die Kaufleute könnten ja beziffern, wie groß der merkantile Schaden ist. Da schmeiße ich mich doch weg vor Lachen!“, erregt er sich. „Soll ich denn durchzählen und sagen: ‚Da war der Alfons Huber da, der wollte das und das, hat es dann aber nicht bekommen‘?“

Abgesehen vom betriebswirtschaftlichen Schaden zeigen die Ereignisse Duelli zufolge aber vor allem ein viel umfassenderes Problem auf: Dass wir heute auf Gedeih und Verderb auf moderne Kommunikationstechnologie angewiesen sind. „Die Abhängigkeit wird immer brutaler“, sagt er. Die meisten Menschen seien sich gar nicht bewusst, wie groß sie bereits ist. Jens Spahn anscheinend auch nicht. Dessen Pläne, die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu forcieren, sieht er deshalb vor allem mit Blick auf das E-Rezept höchst kritisch. „Der macht sich da keine Gedanken über die Gefahren, der sagt nur, Digitalisierung muss sein.“ Schon bei einem längeren Ausfall in einem Gebiet, so warnt er, könnten durch eine komplett digitalisierte Verschreibung massiv Probleme und Versorgungsschwierigkeiten auf Apotheken und Patienten zukommen. „Selbst wenn alle Stricke reißen, ein Papierrezept kann immer bedient werden, die Unterlagen kann man zur Not immer nacharbeiten.“ Mit einem E-Rezept gehe das nicht. Die Häufigkeit der Internetausfälle zeige deshalb, dass die Voraussetzungen für die lückenlose Digitalisierung im Gesundheitswesen technisch noch nicht überall gegeben sind.

Und dann sei da noch die Frage der Datensicherheit. „Wie fahrlässig geht man da mit Hurrageschrei in solche Systeme rein?“, fragt er. Kein Mensch könne absolute Sicherheit gewährleisten, die Gefahren seien aber stets immens: Ganze Existenzen könne man so mit einfachsten Mitteln zerstören, prophezeit er. Auch wenn er einräumt, dass sich die Digitalisierung auf lange Sicht nicht aufhalten lässt, sehe er „keinen Sinn und keinen Zweck“ im E-Rezept. „Warum soll man ein funktionierendes System ohne Notwendigkeit verändern?“ Seiner Einschätzung nach wird es in Zukunft eher noch schlimmer. „Und dass man dann Internetsprechstunden veranstalten will, ist ja der Oberwitz!“, sagt er. „Im Einzelfall ist das ja okay, aber flächendeckend niemals. Das läuft doch auf Callcenter hinaus.“

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