ApoRetro – Der satirische Wochenrückblick

Erpresserbrief: Wie Du mir, so ich Dir!

, Uhr
Berlin -

So etwas hatte Dr. F. J. in seinen mehr als 30 Jahren als Apotheker noch nicht erlebt: Ein anonymes Erpresserschreiben lag in seinem Briefkasten, der Vorwurf lautete, dass er es bei Rezepten mit der Preisbindung nicht so genau nehme. Als J. einen Kollegen als Absender identifizierte, begann ein regelrechter Nervenkrieg, der die beiden Kontrahenten eine Woche lang in Atem hielt.

„Ich weiß, dass Ihre Apotheke Rx-Boni gibt“, wurde J. in dem ersten Schreiben vorgeworfen. „Das hat mit Apotheke nichts zu tun. Das darf nicht passieren. Stoppen Sie das! Wettbewerb, aber bitte fair!“ J. wusste weder, was ihm unterstellt wurde, noch wer der Absender war und was er eigentlich wollte.

Erst beim zweiten Lesen fiel ihm die verräterische Schizophrenie des Schreibens auf: „Vielen Dank“, verabschiedete sich der Autor höflich – und dann gleich noch einmal: „Wir sagen danke.“ Nur um gleich hinzuzufügen: „Ich bin ein Todfeind!“ Und ganz unten die Drohung: „Sonst Blut und Schmerzen. Kein Witz!“

Aha! Hier schrieb sich offenbar jemand nicht nur im Affekt seine angestaute Wut von der Seele. Hier schrieb jemand, der einen gewissen Respekt, ja sogar Verbundenheit zu fühlen schien. Eine verflossene Liebe? Ein enttäuschter Kunde? Oder gar – ein Kollege?!

Die Lupe brachte die Wahrheit ans Licht. Nicht aus einer Illustrierten waren die Buchstaben- und Wortschnipsel ausgeschnitten worden, sondern aus – der Apotheken Umschau. Also doch ein Kollege! Und dieses freche R, dieses verschnörkelte S und dieses grazile T – war das nicht… Richtig, My Life nutzte diese moderne Typo! J. wusste genau, dass der Kollege eine Straße weiter das Heft aus dem Burda-Verlag ins Sortiment genommen hatte.

Und so dauerte es nur ein paar Stunden, bis die (natürlich ebenfalls anonyme) Antwort fertig war. Was denn eigentlich die PKA im Handverkauf suche, stand da in aufgeklebten Buchstaben, die er vom Phoenix-Lieferschein ausgeschnitten hatte. Nach Ladenschluss warf J. sein Schreiben im Schutz der Dunkelheit in den Briefkasten des Konkurrenten ein – nur um einen Tag später selbst mit der nächsten Drohung konfrontiert zu werden: Ob die Kammer eigentlich wisse, dass er neulich mittags seine PTA für eine halbe Stunde in der Apotheke alleine gelassen habe... Seine Frau konnte sich die Anmerkung nicht verkneifen, sie habe ja gleich gesagt, dass das nicht gut gehen würde.

So ging es eine Woche lang hin und her. Täglich wurden neue Briefe ausgetauscht, die Antwort ließ jeweils nicht lange auf sich warten. Die Spirale gegenseitiger Vorwürfe und Drohungen drehte sich immer schneller – ohne dass die Ankündigungen jedoch irgendwelche Konsequenzen hatten.

Als J. am Freitag kurz vor Mitternacht gerade ein neues Schreiben – der provokante Tonfall stellte, wie er selbst fand, alles Bisherige in den Schatten – einwerfen wollte, passierte es: Die Tür ging auf und vor ihm stand der Kollege, ebenfalls mit einem Briefumschlag in der Hand. Verlegen schauten beide zu Boden, dann gingen sie schweigend in entgegengesetzter Richtung davon. Von da an gab es keine anonymen Schreiben mehr, es war das Ende dieser einzigartigen Brieffeindschaft.

Zugegeben, solche Briefwechsel sind bislang nicht bekannt. Doch was im nordrhein-westfälischen Witten gerade passierte, kommt dem ziemlich nahe: Dort macht gerade ein anonymer Brief eines Kollegen die Runde. Der kritisiert, dass in der Stadt immer noch verbotenerweise Boni auf Rx-Arzneimittel gewährt würden. Eigene Testkäufe hätten dies bestätigt. Er droht mit Veröffentlichung und juristischen Folgen. Auch hier die feingliedrige Differenzierung in verständnisvolle und ermahnende Töne.

Testkäufe von Apothekern gibt es immer wieder auch bei Ebay – nur interessieren die niemanden. Dass rezeptpflichtige Arzneimittel auf der Auktionsplattform Ebay angeboten werden, ist zwar verboten, aber dennoch keinesfalls selten. Dass auf dem Produktbild allerdings ein Dauerrezept des ausstellenden Arztes zu sehen ist, hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Interessierte können aktuell auf Sildenafil-Tabletten und ein Rezept eines Urologen aus dem baden-württembergischen Weinheim bieten. Der Arzt ist schockiert.

Strenger geht es da offenbar im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel zu. Der Geschäftsführer von Almased muss sich derzeit vor dem Landgericht Stade verantworten. Wegen mutmaßlich unzulässiger Werbeaussagen läuft gegen ihn ein Strafverfahren. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, vorsätzlich gegen die EG-Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel verstoßen zu haben. In Bienenbüttel hofft man auf die Treue der Apotheker.

Zu guter Letzt: Während sich beim ARZ Darmstadt ein Bieterwettstreit anzubahnen scheint, ist Galderma schon verkauft. Weleda tauscht die Doppelspitze in Deutschland aus, Bayer befragt die Apotheken. Die ABDA hat über ihr Datenpanel festgestellt, dass viele umsatzstarke Apotheken in Städten zu finden sind und dass Kollegen auf dem Land weitere Strecken im Botendienst zurücklegen. GSK spendiert zum 20-jährigen Jubiläum von Voltaren 20 Gramm gratis. Die Noweda macht in einer Kampagne im Focus auf die anhaltenden Lieferengpässe von Arzneimitteln aufmerksam. Und in Berlin trainieren die größten Gesangstalente aus den deutschen Apotheken ihre Stimmen beim Finale von Revoice of Pharmacy. Schönes Wochenende!

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