Impfstoff-Logistik aus der Apotheke

Apotheker hat erste deutsche Corona-Impfung geliefert

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Berlin -

Die 101-jährige Edith Kwoizalla war die erste Deutsche, die gegen Covid-19 geimpft wurde – erhalten hat sie den Impfstoff dank Apotheker Boris Osmann. Denn anders als andere Bundesländer setzt Sachsen-Anhalt für die Impfstoffverteilung nicht auf ein großes Logistikunternehmen, sondern auf Osmanns Stern-Apotheke am Hasselbachplatz in Magdeburg. Für Land wie Apotheke ist es ein Win-Win-Geschäft, betont der Inhaber.

Eigentlich wollten sie seine Hilfe gar nicht, doch nach einer kurzen Bedenkzeit haben sie es sich besser überlegt: Bereits im November hatte Osmann sich an das Gesundheitsministerium Sachsen-Anhalt gewandt, um seine Unterstützung bei der Durchführung der Covid-19-Impfungen anzubieten. „Wir haben das Ministerium angeschrieben und das Angebot gemacht, die Impfstoffe zu rekonstituieren, aber relativ schnell die Nachricht bekommen, dass kein Interesse besteht“, erzählt Osmann.

Knapp zwei Wochen später erhielt er dann umgekehrt eine Anfrage: Das Land sucht Logistikdienstleister, die die Verteilung der Impfstoffe an die Impfzentren übernehmen können – allerdings fand sich kein Logistiker, der das von Sachsen-Anhalt aus kann. „Die Impfstoffe hätten von weit her, möglicherweise sogar aus den Niederlanden, angeliefert werden müssen. Dabei hätte es bis zu drei Tage Vorlauf gebraucht – und es wäre der Supergau gewesen, wenn die Impfzentren bereit sind, aber noch drei Tage hätten auf den ersten Impfstoff warten müssen.“

Darüber kann Osmann nur lächeln. Denn er selbst schafft es in einem Bruchteil der Zeit: Bereits seit 2010 betreibt seine Apotheke ein eigenes Logistikzentrum, da sie neben der Sterilherstellung auch bundesweit Justizvollzugsanstalten mit Arzneimitteln beliefert. „Das ist ein Volumengeschäft, das man mit einer einfachen Apotheke nicht stemmen kann“, sagt Osmann. Ein Volumengeschäft muss er auch jetzt stemmen: 40.000 Impfdosen wurden bereits aus der Zentrale von Frigo-Trans bei Mannheim angeliefert, am Freitag sollen nochmal 20.000 folgen.

Die liefern 14 Mitarbeiter Osmanns dann an 14 Impfzentren im ganzen Bundesland aus. Acht Uhr morgens beginnt die Arbeit, bis Mittag muss der Impfstoff in den Zentren sein. „Wir können innerhalb von zwei bis zweieinhalb Stunden versorgen“, erklärt Osmann. „Wir beliefern immer jeweils drei Impfzentren auf einer Tour und haben es bisher immer geschafft, pünktlich zu sein.“ Die kleinste Liefereinheit betrage rund 300 Dosen, pro Tour seien zudem aus Sicherheitsgründen stets zwei Fahrer an Bord.

Auch wenn Osmanns Apotheke mit ihren 80 Mitarbeitern ein Großbetrieb ist, lässt sich so eine Aufgabe nicht nebenbei stemmen. „Wir haben ohnehin in letzter Zeit neue Leute eingestellt, da wir wie viele andere Apotheken auch wegen der Corona-Pandemie ein stark schwankendes Geschäft hatten“, erklärt Osmann. „Wir werden aber perspektivisch auch weitere neue Mitarbeiter einstellen.“

Vom Land erhielt er keine personelle, dafür materielle Unterstützung: Es stellte ihm zwei für die Biontech-Vakzine notwendige Ultra-Tiefkühlschränke mit abschließbaren Kompartimenten zur Verfügung. Und das, obwohl er nur einen gebraucht hätte: „Wir legen Wert darauf, diese Redundanz zu haben, falls einer der Kühlschränke ausfällt.“ Auch für den Notfall eines Stromausfalls ist das Zentrum mit einem Notstromaggregat gewappnet.

Notwendig war all das noch nicht, mit Problemen bei der Kühlung, wie sie zu Beginn in Bayern auftraten, mussten sich Osmann und sein Team noch nicht herumschlagen: „Bisher hatten wir noch keine Störung, alles läuft glatt.“ Aus den Kühlschränken kommen die Imfpstoffe in Trockeneisboxen, die dann in die Zentren ausgeliefert werden – auch das klingt vor allem wegen der strengen Temperaturkontrolle leichter als es ist. „Die Kühlkette wird mehr als eng überwacht, eigentlich sogar doppelt“, erklärt Osmann.

Neben der Geschwindigkeit hatte Osmanns Apotheke noch einen weiteren großen Vorteil für das Bundesland: den Preis. „Große Logistiker hätten viel mehr verlangt als wir. Es ist ein Win-Win-Geschäft für beide Seiten“, sagt er. Wie viel er für die Auslieferung erhält, bleibt vertraulich. Er betont aber: „Wir erhalten keine Vergütung nach Arzneimittelpreisverordnung, sondern haben eine volumenunabhängige Lieferpauschale nach Zahl der belieferten Impfzentren vereinbart“, erklärt Osmann.

Auch den Zahlen nach scheint die Entscheidung des Landes für die Apotheke nicht falsch gewesen zu sein: Laut Magdeburger Volksstimme ist Sachsen-Anhalt eines der erfolgreichsten Bundesländer nach Zahl der durchgeführten Impfungen. Stand Freitag waren zwischen Salzwedel und Naumburg 7287 Menschen geimpft, unter den ostdeutschen Bundesländern waren es nur in Mecklenburg-Vorpommern mit 7338 Geimpften geringfügig mehr.

Und Sachsen-Anhalt wird sich auch ins Geschichtsbuch schreiben können, dass es die erste deutsche Corona-Impfung überhaupt durchgeführt hat. Lorbeeren möchte Osmann dafür nicht. „Es bestand da kein Druck vom Ministerium, dass wir besonders schnell liefern müssen“, sagt er. „Aber wir sind natürlich stolz darauf, dass das so gut geklappt hat.“

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