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Moderna: Apotheker muss 30.000 Dosen loswerden

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Berlin -

Das Chaos um die Corona-Impfstoffe wird immer unübersichtlicher: Der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnt, das zu wenig da sei, die Opposition sagt, dass das nicht stimme. Den Ärzten wird der Impfstoff gekürzt – und gleichzeitig haben andere es schwer, Impfstoff noch loszuwerden, damit er nicht verfällt. So ergeht es derzeit Apotheker Boris Osmann: Er sitzt auf 30.000 Dosen Moderna.

Derzeit gibt es gleichzeitig zu wenig und zu viel Impfstoff mit der Aussicht auf sich verschlimmernde Engpässe im Januar. „Es ist eine absurde Situation“, sagt Osmann, der mit dem Logistikzentrum seiner Magdeburger Stern-Apotheke für die Impfstoffverteilung Sachsen-Anhalts verantwortlich ist. Biontech werde derzeit stark gekürzt, seine eigene Apotheke erhalte nur ein Drittel der bestellten Menge, er habe aber auch schon von Nullkürzungen gehört. „Für die Arztpraxen ist das eine Katastrophe und wir müssen uns das genauso von unseren zehn wichtigsten Verordnern anhören, obwohl wir daran nicht schuld sind. Aber wir sind die Überbringer der schlechten Nachricht“, sagt er. „Es ist wirklich unbefriedigend, was da gerade läuft.“

Großabnehmer gesucht

Während es bei Biontech stockt, hat Osmann jedoch zu kämpfen, die Moderna-Restbestände zu verteilen, die vom Verfall bedroht sind. Von zwei Impfzentren habe er eine komplette Charge zurückbekommen, die nicht verimpft werden konnte. Der Impfstoff habe nur bei 2 bis 8 Grad geliefert werden können und sei deshalb nur 30 Tage haltbar. Eine Reihe von Faktoren mache es schwierig, ihn trotz des hohen momentanen Bedarfs zu verimpfen: Laut Stiko soll Moderna nicht bei unter-30-Jährigen eingesetzt werden. „Wir stellen aber gerade fest, dass sich besonders viele Menschen unter 30 boostern lassen wollen“, so Osmann.

Hinzu komme, dass auch in der Altersgruppe über 30 für die meisten Menschen Biontech der Impfstoff der Wahl ist. „Das kann ich nicht richtig nachvollziehen, ist aber offensichtlich so.“ Und auch wenn die Booster-Kampagne mittlerweile hohe Zahlen generiert, sei die Bereitschaft zu Erstimpfungen vor allem in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen weiterhin recht niedrig. Hinzu komme die halbe Dosis, die bei Booster-Impfungen mit Moderna verwendet wird. Dadurch können mit einem Vial 20 statt 10 Impfungen durchgeführt werden.

„Ich suche nun nach Abnehmern, aber es stellt sich überall schwer dar“, so Osmann. Andere Bundesländer habe er bereits angefragt – vergebens. „Die wollten es auch nicht, weil sie dann im Januar vor demselben Problem stehen würden. Die sagen alle, bei Moderna sind die Lager voll.“

Er hoffe nun, größere Abnehmer wie weitere Impfzentren oder Betriebsärzte zu finden, denn sein Ziel sei es, den Impfstoff vor dem Verfall zu retten. „Wir haben schon alle Hebel in Bewegung gesetzt, mit Großhändlern und Impfzentren gesprochen, ich habe jetzt aber niemanden mehr in der Hinterhand und bei der Menge macht es keinen Sinn, Hausarztpraxen anzufragen“, so Osmann. „Ansonsten würden wir es ja im Klein-Klein machen, aber 30.000 Dosen sind eine andere Dimension. Für jeweils drei oder fünf Vials können wir die nicht quer durch Deutschland schicken. Wenn ein Impfzentrum sagt, es nimmt 5000 oder 10.000 Dosen, dann wären wir dazu natürlich bereit.“ Doch auch das zu finden wäre keine leichte Aufgabe, „allein schon, weil die Zeit begrenzt ist. Wir können ja nicht den ganzen Tag rumtelefonieren“.

Doch so wird es voraussichtlich nicht bleiben – denn wenn die jetzigen Moderna-Überbestände verfallen sind, dürfte der mRNA-Impfstoff knapp werden. „Die Prognosen sehen mau aus“, sagt Osmann. „Es scheint ja so, als ob im neuen Jahr dann die Moderna-Knappheit hinzukommt.“ Außerdem habe er aus verlässlicher Quelle die Info erhalten, dass die nächste Biontech-Lieferung erst um den 6. Januar herum ansteht. „Das wäre ein großes Problem. Es wird sehr eng im neuen Jahr.“

Rückkauf aus Polen

Schon die letzten Biontech-Lieferungen seien Sonderkontingente gewesen: „Was wir diese Woche geholt haben, kam mutmaßlich aus Polen“, so Osmann. Das wurde erst am Mittwochabend von höchster Stelle bestätigt: Er habe sich schon am letzten Wochenende sehr bemüht, neuen Impfstoff zu beschaffen, erklärte Lauterbach in der Talkshow „Markus Lanz“. Er bestätigte, derzeit verstärkt Impfstoffdosen aus Osteuropa zu beziehen, die dort nicht verimpft werden konnten. 2,2 Milliarden Euro hatte das Bundesfinanzministerium dafür am Mittwoch erneut locker gemacht. „Ich versuche jetzt notfallmäßig Impfstoff aus osteuropäischen Ländern zurückzukaufen“, so Lauterbach.

Mit seiner Engpass-Analyse nach der Impfstoff-Inventur hatte Lauterbach sich die Kritik der Unions-Opposition zugezogen – er rufe Feuer, obwohl es gar nicht brennt, so der Vorwurf. Doch Lauterbach hält an seiner Analyse fest und wurde am Mittwoch noch deutlicher: „Ich wünschte, die Zahlen, die die Union vorträgt, wären richtig“, so Lauterbach. „Wir gehen hier wirklich an die Reserven, wir schütten hier alles aus, denn die Kampagne muss ja laufen so gut wie sie kann“, erklärte er mit Blick auf die Booster-Kampagne. „Ich unternehme einfach alles, was ich kann, um die Impfkampagne, die wir derzeit fahren, die wirklich gut ist, durchziehen zu können.“

Lauterbachs Zahlen decken sich mit Osmanns Erfahrungen: Es gebe für die drei letzten Wochen des Jahres jeweils 1,2 Millionen, 800.000 und wieder 1,2 Millionen Dosen Biontech. Das sei weit weniger als die Ärzte abrufen würden, Kürzungen seien die Folge. Gleichzeitig stünden 10 Millionen Dosen Moderna zu Verfügung, was wiederum weit mehr sei als gebraucht werde.

Engpass bald auch bei Moderna

Das werde sich im neuen Jahr ändern: „Bei Moderna gehen die Mengen Impfstoff, die wir zur Verfügung haben, ab Januar sehr stark runter“, so Lauterbach. Dann würden nur noch rund 1,5 Millionen Dosen pro Woche zur Verfügung stehen. Das Grundproblem sei und bleibe aber die zeitliche Verteilung: Über das ganze Jahr gerechnet sei zwar genug Impfstoff da, aber eben nicht dafür, in kurzer Zeit eine intensive Booster-Kampagne zu fahren, wie es im Moment der Falls ist.

Auch diese Analyse teilt Osmann. „Wenn er es als Bundesminister nicht weiß, wer denn dann? Was die CDU Lauterbach vorwirft, ist Gepolter. Wenn die kursierenden Zahlen valide sind, werden wir im Januar ein ernsthaftes Problem haben und da muss dann auch die CDU sagen, wo der Impfstoff herkommen soll“, sagt er. „Da kann sie jetzt noch sehr behaupten, er würde übertreiben. Aber das stimmt nicht, wir sehe ja hier, wie die Lage ist. es geht ja auch nicht darum, wer da verantwortlich ist, ob CDU oder SPD, sondern die Frage ist, wie wir an Impfstoff kommen sollen. Das wird mindestens eine ganz knappe Kiste.“

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