ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Als Vertretung: Spahn übernimmt Gesundheitsministerium

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Berlin -

Eine Villa, irgendwo in Dahlem. Im Westflügel klingelt das Telefon. Der Minister a.D. hebt höchstpersönlich ab, das kann er gut. „Spahn hier.“ Er hört zu, sagt „Ja“ und „Verstehe“ und zweimal „Jawoll“, zum Abschied noch „Selbstverständlich, ich komme sofort.“ Als er auflegt, lächelt Jens Spahn. Er hat seinen alten Job wieder, wenn auch nur vorrübergehend.

Was ist geschehen? Zunächst – und das ist leider wahr – das eigentlich Unvorstellbare: Bei Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wurde das Corona-Virus nachgewiesen. Dass es auch so vorsichtige Menschen wie ihn erwischen kann, haben wir alle schon vorher erlebt. Er selbst twittert: „Bin leider trotz großer Vorsicht an Corona erkrankt. Trotz 4. Impfung. Die Symptome sind noch leicht. Zur Vermeidung von Komplikationen nehme ich Paxlovid. Für die vielen guten Wünsche bedanke ich mich bei allen. Hass und Niedertracht, kommt auch vor, werden ignoriert.“ Wir schließen uns den guten Wünschen auf einen weiter milden Verlauf und schnelle Genesung an!

Das Ministerium hat zwar angekündigt, Lauterbach werde seine Amtsgeschäfte von zu Hause aus steuern, aber Homeoffice ist in dem Job ungefähr so schwer wie bei einem/r Feuerwehrmann/frau. Damit das Ministerium nicht führungslos ist, wurde also kurzfristig Ersatz gesucht. Und wer könnte den Job besser machen als…, naja, also wer hat immerhin Erfahrung in dem Job? Genau! Der Ex-Minister.

Natürlich war Spahn sofort bereit dazu. Denn „Fraktionsvize“ – das ist doch kein Posten für einen Mann mit seinen Ambitionen. Endlich zurück in der Schaltzentrale der Macht. Spahn musste bei der Schlüsselübergabe lediglich unterschreiben, nicht mit CSU-Abgeordneten oder deren Angehörigen zu telefonieren und dass er keine Masken einkaufen darf. Er ist mit allem einverstanden. Hauptsache wieder „BM“! Er erlässt sofort eine Verordnung über irgendetwas. Wie hat er das vermisst!

Er blättert in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch und denkt bei sich: „Ja, das mit dem Kassenabschlag hätte ich vermutlich auch gemacht.” Dann geht er in den Keller Impfstoffe zählen und stellt insgesamt vergnügt fest, dass im Haus alles noch genauso chaotisch ist wie zu seiner Zeit. Was könnte er in den nächsten fünf Quarantäne-Tagen denn noch anstellen, damit wir uns alle noch ein bisschen mehr werden vergeben müssen? Wie wäre es damit: Er könnte das rosa Rezept ab sofort verbieten…

Zurück in die Realität: Da haben die Gesellschafter der Gematik sich neue Ziele für die Einführung des E-Rezepts ab September gesteckt. Sehr hohe Ziele. Erst wenn in Westfalen-Lippe und Schleswig-Holstein jedes vierte Rezept digital ausgestellt wurde, sollen die nächsten Länder folgen. Na viel Erfolg! Die „Enthusiasten“ haben es bislang noch nicht einmal geschafft, bundesweit 130 Praxen nachhaltig zu motivieren – dabei gibt es hier sogar 3000 Euro Prämie.

Die Gematik hat die Einführung des E-Rezepts an weitere Erfolgskriterien geknüpft, unter anderem soll es nicht mehr als 3 Prozent Rückläufer in die Praxen geben. Der Deutsche Apothekerverband (DAV) freut sich, dass immerhin eine technische Friedenspflicht mit den Krankenkassen vereinbart wurde. Und dieser Apotheker freut sich über das erste E-Rezept im Notdienst, auch wenn es als Ausdruck durch die Klappe kam.

Der Versender Shop-Apotheke verrät schon gar nicht mehr, wie wenige E-Rezepte er aktuell erhält. Die aktuellsten Zahlen sehen wieder eher rot als rosa aus. Das alles dürfte die Stimmung bei den Investoren der Versandapotheken nicht beflügeln. Bei Zur Rose flüchtet sich die Börse schon in Übernahmefantasien mit quasi beliebigem Partner: Amazon, Rite Aid, Walgreens.

Wen auch immer man als Partner fürs Leben wählt, man sollte damit nicht zu lange warten. Weil ihre Ehe acht Tage zu kurz währte, geht diese Witwe beim Versorgungswerk leer aus. Es scheiden sich die Geister an dieser Entscheidung: die „Frist-ist-Frist-“ gegen die „Ach-komm-schon-Fraktion“.

Währenddessen werden Ärzt:innen und Apotheker:innen weiter gegeneinander aufgehetzt: Ein Gesundheitsamt will, dass Apotheken die Praxen bei der KV anschwärzen lassen, wenn diese zuvor symptomatische Patient:innen zum Test in die Apotheke geschickt haben. Und die Politik will den Praxen erlauben, Covid-19-Patient:innen direkt mit Paxlovid und Lagevrio zu versorgen. Die Abda weist darauf hin, dass genau diese Patient:innen doch weggeschickt werden und ihnen mit dem Botendienst der Apotheke besser geholfen wäre.

In seiner häuslichen Isolation kommt Minister Lauterbach vielleicht endlich dazu, die ganzen Brandbriefe zu lesen, die seit Wochen in seinem Postfach schwelen wie Brandenburgs Wälder. Einer ist besonders schön, denn die Apothekerin zeigt dem Minister hilfsbereit, wo die eigentlichen „Effizienzreserven“ im System sind. Die sucht Insolvenzverwalter Hoos auch noch im AvP-Verfahren. Jetzt hat erstmal Wettstein verklagt, die Banken sind als nächstes dran.

Den letzten Beweis, dass Apotheker:innen die tapfersten Heilberufler:innen von allen sind, hat Jörg Spillner erbracht. Nachdem er von einem Unbekannten gerade zum zweiten Mal in seiner Apotheke verprügelt wurde, bediente er seinen Kunden einhändig weiter, während er mit der anderen Hand den Verband auf sein blutendes Auge drückte. Und: Die Polizei musste die Zeugen draußen vor der Apotheke vernehmen, damit sie den weiteren Betriebsablauf nicht stört. Harte Hunde sind das da oben in Cuxhaven. Schönes Wochenende!

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