Brandbrief an den Minister

Apothekerin zeigt Lauterbach die „Effizienzreserven“

, Uhr
Berlin -

Apothekerin Ingrid Schierle hat einen Brief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geschrieben. Die Inhaberin aus Bayern beschreibt ihre eigene Situation und die Auswirkungen des geplanten GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes. Sie zeigt Verständnis, spart aber auch nicht mit Kritik. 

Schierle betreibt mit ihrem Mann eine Landapotheke Niederbayern. Mit zwei Arztpraxen im Ort scheint die medizinische Versorgung für die Bevölkerung sichergestellt, schreibt sie. Doch diese heile Welt habe Risse: „Sobald man ein wenig an der Oberfläche kratzt, sieht man, auf welch zerbrechlichen Füßen die Versorgung steht“, betont sie in ihrem Brief. Die Ärzte seien im und kurz vor dem Rentenalter – und die Apotheken damit ohne medizinischen Nachwuchs nicht mehr rentabel.

Auch MdB angeschrieben

Das Schreiben ist eine Reaktion auf den gemeinsamen Appell der Interessengemeinschaft Medizin (IG Med) und des Vereins Freie Apothekerschaft, seine Stimme gegen das geplante Spargesetz zu erheben. Schierle schickte wie andere Apothekerinnen eine Videobotschaft und informierte auch ihren CSU-Bundestagsabgeordneten – das Büro von Florian Oßner ließ ausrichten, dass sich der Unionspolitiker mit dem Thema befassen werde. FDP und Grüne habe sie nicht angeschrieben, da diese bisher nie geantwortet hätten.

Schierle fordert von einer „zielführenden Gesundheitspolitik“, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die dafür sorgten, dass sich junge Ärzt:innen auf dem Land ansiedelten und auch Rahmenbedingungen, die dafür sorgten, dass Apotheken gegen die Konkurrenz aus dem Internet bestehen könnten.

Sie erarbeiten ein Gesetz, das die Säulen der Versorgung über die Maßen belastet.

Ingrid Schierle

Doch was passiert stattdessen, fragt sie Lauterbach. „Sie erarbeiten ein Gesetz, das die Säulen der Versorgung über die Maßen belastet. Dass die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen kontinuierlich steigen, möchte ich gar nicht in Abrede bringen, aber haben Sie mal einen Blick darauf geworfen, an welchen Punkten Sie jetzt ansetzen?“ Sie kritisiert, dass die Apotheken, die nur einen kleinen Prozentsatz der Ausgaben zu verantworten haben, 170 Millionen einsparen sollen, während etwa die Arztpraxen einen Millionenbonus für Konnektoren erhalten.

Eine strukturelle Reform des Kassensystems wäre weitaus sinnvoller, so Schierle. „Wieso brauchen wir eine Vielzahl an Krankenkassen, alle ausgestattet mit einem Wasserkopf für die Selbstverwaltung, die Versichertengelder verschwenden für Werbemaßnahmen, unsinnige Therapien und Kostenübernahmen, da sie sich aus Marketinggründen von der Konkurrenz abheben wollen? Wäre es nicht sinnvoller, diese Zahl zu reduzieren, zumal die Ausgaben für die Selbstverwaltung der Krankenkassen mehr als doppelt so hoch ist wie die Ausgaben fürs Apothekenhonorar. Wo liegt der Beitrag der Krankenkassen in Ihrem Spargesetz?“

Mehraufgaben ohne Honorierung

Im Anschluss zählt sie die Mehraufgaben der Apotheken auf, die ohne entsprechende Bezahlung geleistet würden, wie die Beratung der Rabattarzneimittel sowie die Anschaffungskosten für Securpharm und das E-Rezept. „Sie suchen nach ‚Effizienzreserven‘ in den Apotheken? Ich kann Ihnen gerne sagen, wo diese ‚Effizienzreserven‘ liegen.“

Bei der geforderten Präqualifizierung gehe Effizienz verloren. „Das ist zeit- und ressourcenfressender Unsinn!“ QMS, Dokumentation, Bürokratie gebe es auf allen Ebenen. Gerade für kleine Apotheken seien die Anforderungen kaum noch zu stemmen. „Alles Dinge, die keine verbesserte Versorgung mit sich bringen, sondern nur ihrer selbst Willen existieren.“

Auch die unterschiedlichen Vertragswerke der verschiedenen Kassen brächten die Apotheken an ihre Grenzen. „Hierbei kocht jede Kasse ihr eigenes Süppchen und wir können zusehen, welche Anforderung welche Kasse für welche Leistung unsererseits stellt.“ Zudem spielt sie auf die bestehende Lieferproblematik an. Eine Antwort von Lauterbach erwartet sie nicht. Dennoch ist es ihr wichtig, dass sie ihre Meinung gesagt und vor den Folgen gewarnt hat.

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