Schmidhuber: Apotheker als Datenextraktoren für Künstliche Intelligenz | APOTHEKE ADHOC
Künstliche Intelligenz

Schmidhuber: Apotheker als Datenextraktoren für Künstliche Intelligenz

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Berlin -

Wahrscheinlich wird man den Namen Jürgen Schmidhuber eines Tages im selben Atemzug mit Konrad Zuse und Alan Turing nennen. Als niemand geringeres als der „Vater der Künstlichen Intelligenz“ wird er bezeichnet: Seine Entwicklungen haben entscheidende technische Durchbrüche ermöglicht, von denen heute fast jeder der weltweit 2,5 Milliarden Smartphone-Nutzer profitiert. Doch nicht nur Siri und Google Translate greifen auf seine Erkenntnisse zurück, sondern vor allem die Medizin und Wissenschaft. Bei der Digitalkonferenz VISON.A von APOTHEKE ADHOC erklärt er, warum Künstliche Intelligenz alles verändert und wie man nicht verdrängt wird, sondern von lernenden Algorithmen profitiert.

Künstliche Intelligenz ist eine der wichtigsten Antriebskräfte der digitalen Revolution: Von der Medizin über Kommunikationstechnologie bis hin zum Rechtswesen verändern selbstlernende Algorithmen bereits jetzt immer mehr Arbeit grundlegend. Bei vielen Menschen löst das, auch aufgrund mangelnden Wissens, Ängste aus: Übernimmt irgendwann eine schlaue Maschine meinen Job? Ganz unbegründet sind diese Sorgen nicht, denn vor allem Arbeit, die auf Mustererkennung und automatischen Abläufen basiert, kann schon heute oftmals besser von Softwareprogrammen gelöst werden als von Menschen aus Fleisch und Blut. Wer nicht verdrängt werden will, muss deshalb lernen, Künstliche Intelligenz für sich arbeiten zu lassen, anstatt mit ihr um die Wette zu arbeiten. Das gilt ganz besonders im Gesundheitswesen.

„Der Pharmazeut wird nicht seine Arbeit verlieren, aber seine Arbeit wird sich grundlegend ändern“, erklärt Schmidhuber. „Solche, die regelmäßig vorn dabei sind, mit den technischen Werkzeugen umgehen und dazu noch menschlich sympathisch sind, haben eine glorreiche Zukunft.“ Regelmäßig vorn dabei zu sein ist auch die Devise von Schmidhuber selbst. Er ist ein Pionier seines Fachgebiets. Mit 15 Jahren hatte er sich zum Ziel gesetzt, eine KI zu entwickeln, die schlauer ist als er selbst. Das war 1978. Seitdem verfolgt er dieses Ziel. Nach Studium und Promotion an der LMU München verschlug es ihn über mehrere akademische Stationen, darunter die University of Colorado, in die Schweiz, wo er seit 1995 wissenschaftlicher Direktor des Dalle-Molle-Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz ist. Mit dem Unternehmen Nnaisense, das er mit gegründet hat und dessen Chefwissenschaftler er ist, hat er sich vorgenommen, die erste praktikable Allzweck-KI zu erschaffen.

Insbesondere das von ihm und seinem damaligen Studenten Sepp Hochreiter entwickelte rekurrente neuronale Netz LSTM (Long Short-Term Memory) war wegweisend für die moderne KI. Es lernt effizient Aufgaben, die vorher unlernbar waren und bildet heute beispielsweise das Rückgrat von Googles Spracherkennung. Auch in der Medizin gewinnen Schmidhubers Erkenntnisse immer mehr an Bedeutung. „Meine Liebesbeziehung mit dem Gesundheitswesen begann 2011, als unsere selbstlernende KI das erste Mal Wettbewerbe gewonnen hat, bei der es um das Erkennen von Krebszellen ging“, erinnert er sich. „Die gesamte medizinische Bilddiagnose wird im Moment revolutioniert.“ Anwendungsfelder erstrecken sich von Apps, die schon heute Hautkrebs in einem Bruchteil der Zeit erkennen, die menschliche Ärzte brauchen, bis zu Diagnosen in der Pädiatrie, die von KI-Programmen sicherer getroffen werden können als von jungen Ärzten.

Auch Apotheken sind geradezu prädestiniert, als Datenlieferanten für das LSTM zu dienen. „Wenn man all diese Daten – was verschrieben wurde, was verkauft wurde – unter Schutz von deren Anonymität über den Verlauf eines Patientenlebens sammelt, kann man das LSTM nutzen, um genaueste Vorhersagen zu machen“, erklärt Schmidhuber. „Mit der Zeit stellen sich dann Muster heraus, mittels derer man beispielsweise feststellen kann, wie sich verschiedene Therapien gegenseitig beeinflussen und wie man sie optimieren kann.“

Damit würde man nicht nur neue Erkenntnisse für die medizinische Forschung kreieren, sondern könne auch die konkrete Arbeit von Apothekern und Ärzten optimieren. „Heute wird ganz viel verschrieben, was man nicht braucht, und vieles nicht verschrieben, was man bräuchte“, so Schmidhuber. „Wenn man all diese Apothekendaten hätte, käme man da zu viel besseren Ergebnissen.“ Doch wie könnte man als einzelne Apotheke das Know-how und die nötige Masse an Daten generieren?

„Die Apotheker müssen dafür sorgen, dass Vereinigungen zur Sammlung und Auswertung von Daten entstehen. Wenn sie sich zusammentun, können sie als Gruppe das Gesundheitswesen langsam revolutionieren.“ Damit das auf vertretbare Weise geschieht, müsste der Staat allerdings regulierend eingreifen – „man kann so etwas wichtiges wie die Gesundheit des Volkes schließlich nicht allein dem Wettbewerb irgendwelcher kleinen Start-ups überlassen“. Am beste wäre es, so Schmidhuber, wenn es einen regulierten Markt für Patientendaten gäbe, in den alle wichtigen Akteure eingebunden sind.

Zentrale Spieler müssten die Patienten selbst sein, die die Hoheit über ihre Daten behalten. Die Datenextraktoren, also Apotheker und Ärzte, stünden dann zwischen den Patienten und den Datenverwertern – KI-Unternehmen und pharmazeutische Industrie. Jeder Mensch, der eine Krankheit hat, trage Daten in sich, die die für Unternehmen und Wissenschaftler sehr wertvoll sind. „Jeder einzelne Patient könnte also zu einem Mikro-Entrepreneur werden, der seine Daten verkaufen und die Gesundheitsversorgung so besser machen könnte“, erklärt Schmidhuber.

Dabei vertraue er auf die Regulierungskraft des Marktes. „Wenn jemand beispielsweise eine seltene Form von Krebs hat, sind dessen Daten für Wissenschaft und Wirtschaft wertvoller als die eines Menschen mit einer Allerweltskrankheit. Die Mechanismen des Marktes würden die Bedeutung und Verwertung dieser Daten von selbst regulieren.“ Die Apotheken als Datenextraktoren wären dabei ein zentraler Player in diesem Wirtschaftskreislauf und könnten eines der größten Defizite bisheriger Informationsverwertung beheben helfen: „Viele Daten kommen nie dort an, wo sie hingehören. Das muss sich ändern.“

Welchen Platz die Apotheken im digitalen Ökosystem der Zukunft haben und welche Rolle sie heute schon spielen müssen, um nicht an Bedeutung zu verlieren, diskutieren Experten und Brancheninsider bei der Digitalkonferenz VISION.A von APOTHEKE ADHOC. Rund 30 hochkarätig Top-Speaker widmen sich am 20. und 21. März in Berlin dem wichtigsten Zukunftsthema der Branche. Neben Professor Dr. Jürgen Schmidhuber spricht unter anderem Professor Dr. Viktor Mayer-Schönberger, international renommierte Koryphäe auf dem Gebiet des datengetriebenen Kapitalismus. Dunja Hayali zeigt auf, wie man mit kontroversen Diskursen in sozialen Medien umgeht, während Biologe, Unternehmer und Fotograf Florian Kaps erklärt, wie man das Analoge ins digitale Zeitalter rettet und Dr. Tu-Lam Pham zeigt, wie Technologie und soziale Medien Gesundheit und Fitness auf der ganzen Welt verändern. Mit den VISION.A Awards werden auch in diesem Jahr wieder die innovativsten Konzepte und Geschäftsideen ausgezeichnet. Sichern Sie Das ganze Line-Up, alle Informationen und Tickets gibt es hier.

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