Fehldiagnose

Frau schluckt elf Jahre Parkinson-Medikamente

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Berlin -

Vor elf Jahren erhielt eine heute 73-jährige Dortmunderin die Parkinson-Diagnose. Jahrelang musste sie einschlägige Medikamente nehmen und baute dennoch rapide ab. Seit Kurzem steht jedoch fest: Sie leidet gar nicht an der unheilbaren Krankheit.

Die lebensverändernde Diagnose Parkinson hat die damals 63-Jährige im Jahr 2007 erhalten. Zuvor wurde sie, wie es in einem Bericht der Ruhrnachrichten heißt, unruhig, zitternd, verängstigt und „mit den Nerven am Ende“ in das Krankenhaus in Lütgendortmund eingeliefert. Nach wenigen Tagen folgt die nächste Station in einer Klinik in Hemer. Dort wird die Diagnose gestellt und mit der entsprechenden medikamentösen Behandlung begonnen.

Während die Frau in der Klinik noch in guter mentaler Verfassung gewesen sei, soll sich ihr Zustand schon bald deutlich verschlechtert haben. Die Medikamente schienen nicht nur nicht zu wirken, sondern sogar zu schaden. So empfand es zumindest die Patientin. So erzählt sie im Bericht, dass ihr etwa das Laufen zunehmend schwer gefallen sei. Auch durfte sie ihre Kaffeetasse nur zu einem Drittel befüllen, damit die zitternde Hand nichts verschüttet. Sie wurde depressiv. Neun Tabletten habe sie täglich eingenommen. Insgesamt sollen es rund 36.000 Pillen in den elf Jahren gewesen sein, darunter auch starke Psychopharmaka.

Durch Zufall kommen jedoch Zweifel an der Diagnose auf. Im Frühjahr 2018 wird die 73-Jährige wegen Herzproblemen in eine Dortmunder Klinik eingeliefert. Bei der Entlassung soll der behandelnde Kardiologe Zweifel an der Diagnose Parkinson geäußert und seiner Patientin geraten haben, einen Neurologen aufsuchen. Das tut die Patientin. Doch zunächst erhält sie lediglich einen neuen Medikamentenplan und muss weniger Pillen schlucken, berichtet die Zeitung.

Doch nun bekam auch der Hausarzt Zweifel und wollte eine zweite Meinung einholen. Ein weiterer Neurologe untersuchte die 73-Jährige und veranlasste anschließend einen „Datscan“ – eine nuklearmedizinische Untersuchungsmethode, die in der Parkinson-Diagnostik eingesetzt wird. Warum sie nie zuvor mit dem „Datscan“ untersucht worden ist, konnte sie gegenüber den Ruhrnachrichten nicht erklären.

Eine Woche nach der Untersuchung und elf Jahre nach der Diagnose steht fest: Die Frau hat kein Parkinson. „Ich habe beim Bäcker wildfremden Menschen erzählt, dass ich kein Parkinson habe. Die haben mir gratuliert. Und ich hätte schreien können vor Glück. Denn ich wusste nicht wohin mit meinen Gefühlen“, wird sie zitiert.

Seitdem setzt die Frau Tag für Tag schleichend die Medikamente ab, berichtet sie. Bereits jetzt könne sie viel besser laufen. Auch ihr Gemütszustand habe sich zum Besseren verändert. „Mit diesen Depressionen wurde ich über die Jahre immer kleiner. Jetzt wachse ich gerade. Die ganze Welt ist wieder heller und mein Blickwinkel auf das Leben größer geworden. Alles ist nicht mehr so eng. Ich spüre die Freiheit“, beschreibt sie ihre Gefühle im Bericht. Den Ärzten, die die falsche Diagnose gestellt und ihr die starken Medikamente verordnet haben, macht sie dennoch keine Vorwürfe. Die Freude über die neue Diagnose sei größer als Ärger und Wut.

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