„Da ist jeder einzelne Apotheker superglücklich“

Von Tele-Ärzten, Uralt-Edikten und Henkern

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Berlin -

Zur Rose will in diesem Jahr als Gesundheitsplattform starten – auf dem die Leistungserbringer um die Gunst der Kunden konkurrieren sollen. CEO Walter Oberhänsli geht davon aus, dass er damit ein Modell hat, dem sich auch viele Apotheken anschließen werden. Für Verweise auf das Edikt von Salerno hatte er im Interview mit dem Tagesspiegel eine martialische Antwort parat.

Nicht nur Apotheker, sondern auch Ärzte sollen auf das neue Angebot aufgeschaltet werden – mit Teleclinic hat Zur Rose gerade einen entsprechenden Anbieter übernommen. Im Interview mit dem Tagesspiegel versprach Oberhänsli, dass er hier nicht gegen geltende Gesetze verstoßen wird: „Die Wahlfreiheit des Patienten ist für uns unantastbar, und alles, was wir tun werden, wird diesem Grundsatz Rechnung tragen, das sei hiermit garantiert.“ Die Idee der Akquisition sei auch keinesfalls gewesen, dass Rezepte automatisch in die eigenen Versandapotheken zu leiten: „Das wäre wirklich dümmlich, wenn wir so etwas anstreben wollten.“

Teleclinic sei ein eigenständiges Geschäftsmodell mit großen Chancen hat. „Das hat mit unserer eigenen Aktivität zunächst wenig zu tun. Nichtsdestotrotz sehen wir natürlich, dass ein Telemedizinservice für Kunden, die bei uns Arzneimittel kaufen, eine wichtige Ergänzung sein kann. Wir wollen uns in Richtung eines Ökosystems entwickeln, das unsere Kernleistung mit zusätzlichen Services anreichert. Da ist Telemedizin ein wichtiger Schritt, aber nochmal: Die Wahlfreiheit bleibt immer erhalten.“

Allerdings räumt der CEO auch unmittelbar ein, dass er die Trennung von Verordnung und Verkauf für überholt hält: „Ich bin wirklich sehr geschichtsaffin, ich finde auch das Edikt von Salerno toll, aber nichtsdestotrotz: Es kann doch nicht der Anspruch sein, dass wir uns sklavisch an 800 Jahre alten Gesetzen orientieren. Sonst würden wir heute noch mit dem Hackebeil die Köpfe von Delinquenten abschlagen.“

Telemedizin sollte laut Oberhänsli nicht als Angriff auf das freie Ärztesystem verstanden werden. „Da wäre für uns eine Grenze überschritten. Es gibt eine Studie von McKinsey, die prognostiziert, dass 10 Prozent der Arztkonsultationen künftig telemedizinisch stattfinden. Wenn das stimmt, ist Telemedizin für sich alleine ein attraktives Geschäftsmodell, und es entspricht vor allem einem hohen Kundenbedürfnis.“

Den Scharmützeln rund um den Ausstieg von Apotheken.de misst er wenig Bedeutung bei: „Das hat uns nicht überrascht, nein. Dieser Aufschrei ist ja auch fragwürdig, aber es passt natürlich ins Bild. Alles, was wir tun, wird mit Argusaugen betrachtet und im Zweifel negativ konnotiert.“ Den von der Noweda unterstützten Rechtsstreit hält er für „völlig irrelevant“. „Der Telemediziner stellt ein Rezept aus, und der Patient löst es ein, wo er es einlösen will. Dafür braucht es auch kein Apotheken.de.“

Vor etwa drei Jahren habe man bei Zur Rose erkannt, dass man wegkommen müsse von „monolithischen IT-Lösungen mit sehr hohen Abhängigkeiten“. Damals hatte Zur Rose den spanischen Marktplatz Promofarma gekauft, der nun zur Blaupause werden soll. Momentan gebe es nur Freiwahlprodukte, Arzneimittel seien die nächste Ausbaustufe. „Da ist jeder einzelne Apotheker superglücklich, weil er irgendwas um 10 Prozent mehr Umsatz macht“, so Oberhänsli gegenüber dem Tagesspiegel. „Das ist so was von offensichtlich, dass man sich in diese Richtung auf den Weg machen sollte. Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn jeder Apotheker seine eigene Online-Strategie entwickelt, aber gemeinsam machte es eben sehr viel Sinn. Die Zukunft wird auch im Apothekenmarkt stattfinden.“

Der Vergleich mit Amazon greift aus seiner Sicht zu kurz. Laut Oberhänsli greift der permanente Vergleich mit dem US-Internetriesen zu kurz – „weil Amazon nur ein Marktplatz ist“. „Wir verstehen uns als eine Firma, die durch die Addition von digitalen Services den Medikationsprozess verbessern will“, sagte Oberhänsli im Interview mit dem Tagesspiegel. „Wir glauben, dass bei Arzneimitteln der Prozess mit Übergabe des Produkts eigentlich erst anfängt. Es geht um mehr als nur Convenience.“

Er sei überzeugt, dass das geplante Modell einen Kundennutzen stifte und Dinge besser abbilde, als sie vorher waren. „Am Ende entscheidet der Kunde, nicht der Apotheker“, so seine Botschaft. Womöglich soll aber auch die Kasse ein Wort mitreden, denn Oberhänsli schweben Kooperationsmodelle mit Versicherungen vor, wie er sie in der Schweiz bereits erprobt. Hier erfahre der Patient eine Begleitung, die man in der „tradierten Distribution“ so nicht kenne.

 

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