Cannabisapotheke.online

Apotheke baut Cannabis-Lieferdienst auf

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Berlin -

Medizinisches Cannabis findet immer mehr Akzeptanz – und trotzdem ist die Versorgung aus Patientensicht immer noch suboptimal. Denn nach wie vor mangelt es an Ärzten, aber auch an Apotheken, die die Therapie begleiten und die Versorgung übernehmen. Inhaber Timo Reichard hat den Bedarf als Chance erkannt: Er spezialisiert sich auf die Cannabisversorgung und beginnt, Patienten in seiner Region zu beliefern – samt eigenem Portal mit Verfügbarkeitsabfrage.

Cannabis-Patienten im Rhein-Main-Gebiet können sich seit dieser Woche besonders unkompliziert versorgen lassen: Die Theisstal-Apotheke in Niedernhausen bietet einen neuen Service an, der von der Rezeptabholung bis zur Belieferung die gesamte pharmazeutische Betreuung der Patienten per Botendienst anbietet. Dahinter steht ein Projekt, das Reichard nach eigener Aussage bereits seit Monaten geplant und vorbereitet hat.

„Die Grundidee ist entstanden, weil es immer mehr Anfragen gab und auch dahingehende Rückfragen von Schmerzpatienten kamen“, sagt Reichard. Denn Cannabis-Patienten haben oft eine lange Suche vor sich: Nur 2000 bis 3000 Apotheken in Deutschland sind auf die Versorgung mit medizinischem Cannabis spezialisiert, entsprechend schwer ist es oft, wohnortnah versorgt zu werden. Bei der Theisstal-Apotheke wurde das auch bemerkt. „Wir versorgen im ambulanten Bereich auch Palliativ-Patienten. Da ist die Problematik aufgetreten, dass Ärzte immer häufiger Cannabis verordnen, die Patienten dann aber das Problem haben, es zu beziehen.“

Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, speziell auf die Belieferung zu setzen. „Gerade schwerkranke Patienten und Chroniker sind oft nicht so mobil und sind froh, wenn sie nicht jedes Mal den Weg in die Apotheke antreten müssen“, so Reichard. Diese Patienten können sich nun vorab an die Apotheke wenden und ein Rezept-Image übermitteln, auf dessen Grundlage die Apotheke das verordnete Cannabis vorbereitet, dann per Botendienst das echte Rezept abholt und das Cannabis nach einer Beratung, die telefonisch oder online angeboten wird, ausliefert. Bei Privatpatienten und Selbstzahler arbeitet die Apotheke mit Vorkasse.

Rechtlich ist daran nichts zu beanstanden: Bei der immer wieder zu hörenden Auffassung, dass Betäubungsmittel nicht per Botendienst oder auf dem Postweg versandt werden dürfen, handelt es sich um ein weit verbreitetes Missverständnis. Anders als beispielsweise bei der Pille danach ist es nicht verboten, sondern laut der entsprechenden Leitlinie der Bundesapothekerkammer (BAK) wird es lediglich nicht empfohlen. In Einzelfällen und speziell nach vorheriger Beratung ist das jedoch durchaus möglich.

Den Versand bietet Reichard ebenfalls an, aber eher pro forma, wie er sagt. „Ich will mich da eher regional konzentrieren. Bundesweiter Versand ist rechtlich auch möglich, aber unser Konzept basiert eher auf dem persönlichen Kontakt zum Patienten. Das ist uns sehr wichtig.“ Noch vor dem persönlichen Kontakt können sich die Patienten auf dem eigens dafür eingerichteten Portal informieren: cannabisapotheke.online. Die Ähnlichkeit zu cannabis-apotheke.de ist frappierend: Unter dem Namen bietet die Kölner Apotheke Lux99 seit Jahren ein sehr ähnliches Programm an. Personelle oder organisatorische Verbindungen gibt es jedoch nicht, betont Reichard.

Wie auch auf dem Portal der Apotheke Lux99 können Patienten bei cannabisapotheke.online bereits auf der Startseite sehen, welche Blütensorten und Cannabisextrakte – samt Firma, Genetik, THC/CBD-Verhältnis und Lieferzeit – derzeit vorrätig und lieferbar sind. Die Seite hat Reichard von einem externen Dienstleister erstellen lassen, bisher müssen die Verfügbarkeiten noch händisch eingetragen werden, das soll sich aber bald ändern. „Wir arbeiten bereits daran, dass das automatisch eingespeist wird“, sagt Reichard. Über die Seite können Patienten direkt ihre Bestellung auslösen.

Zuständig für den neuen Service sind eine angestellte Apothekerin und drei weitere Mitarbeiter für die Abfertigung und Auslieferung – allesamt speziell geschult und fortgebildet, wie er betont. Noch läuft das Programm nicht auf vollem Volumen, es hat schließlich in dieser Woche erst begonnen. „Es ist natürlich eine längere Geschichte, bis das anläuft. Und Werbung kann man dafür ja, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt machen“, sagt Reichard. Er setze deshalb auf das Netzwerk aus Ärzten und Einrichtungen, mit denen er bereits zusammenarbeitet. „Den Effekt von Mund-zu-Mund-Propaganda ist in so einem überschaubaren Bereich nicht zu vernachlässigen.“

Schafft er es jedoch, sich mit seinem Angebot in der Region zu etablieren, winkt eine gute Perspektive für die Apotheke. „Man versucht sich natürlich zu spezialisieren und das ist ein Bereich, der von nicht so vielen bedient wird“, sagt er. Die Entwicklung der Cannabisverordnungen in den vergangenen Jahren deutet auf die weiterhin wachsende Bedeutung von medizinischem Cannabis hin, entsprechend zukunftsträchtig dürfte die Versorgung sein, insbesondere, wenn man sich als lokaler Experte profilieren kann. „Bei Ärzten gibt es immer mehr Akzeptanz, das haben wir in den vergangenen Monaten festgestellt. Letztlich ist der Bedarf da und viele Patienten haben Schwierigkeiten, ihre Rezepturen unbürokratisch zu erhalten.“

Und auch mit Blick auf ein weiteres Zukunftsthema könnte die Spezialisierung und Profilierung sich in Zukunft noch auszahlen: Die Ampel-Koalition will Cannabis auch als Genussmittel legalisieren. An sich ist auch das ein naheliegender Gedanke: Sollten Apotheken, wie bisher geplant, als lizenzierte Fachgeschäfte in den Handel mit Cannabis einsteigen können, wäre seine Apotheke als bereits etablierter Spezialist natürlich in einer hervorragenden Position. Das habe jedoch keinerlei Rolle für sein jetziges Projekt gespielt, betont Reichard. „Darauf habe ich relativ wenige Gedanken verwendet. Ich glaube auch nicht, dass eine eventuelle Freigabe allzu schnell kommen wird, das kann durchaus noch zwei bis drei Jahre dauern. Es wäre also sehr vage gewesen, das in die Planung einzubeziehen“, sagt er. „Ich weiß noch nicht einmal genau, ob ich Cannabis als Genussmittel überhaupt verkaufen würde.“

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