Gedisa: Der DAV liefert nicht, will aber Geld sehen | APOTHEKE ADHOC
35 Millionen Euro – aber kein Businessplan

Gedisa: Der DAV liefert nicht, will aber Geld sehen

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Berlin -

Die Gesellschaft für digitale Services der Apotheken (Gedisa) muss ohne einen finanziellen Beitrag des Apothekerverbands Westfalen-Lippe (AVWL) auskommen – das haben die Verbandsmitglieder so entschieden. Sie waren die einzigen, die gefragt wurden. Dabei gab und gibt es genug zu diskutieren. Übergehen der Deutsche Apothekerverband (DAV) und seine Mitgliedsverbände die Bedenken ihrer Mitglieder?

Es war so knapp, wie es nur hätte sein können: Am vergangenen Samstag hatte der AVWL in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung über die Beteiligung an der Gedisa abgestimmt und landete bei einem Votum von 40 zu 40 Stimmen bei fünf Enthaltungen. Das Ergebnis spiegelt damit die beiden Lager, die sich gegenüberstanden und viel auszudiskutieren hatten: Statt der angesetzten zweieinhalb lief die Debatte über viereinhalb Stunden.

Die Zweifler konnten in dieser Zeit nicht überzeugt werden – obwohl der DAV mit Sören Friedrich extra einen hochrangigen Vertreter schickte. Der ehemalige Abteilungsleiter IT/Telematik bei der Abda ist seit Jahresbeginn Gedisa-Geschäftsführer. Ihm kam die Aufgabe zu, den Verbandsmitgliedern Pläne und Aufgaben der Gedisa näherzubringen und sie so umzustimmen. Vergebens, denn Friedrich konnte offensichtlich nicht liefern. Bereits im Vorfeld der Versammlung hatte AVWL-Chef Thomas Rochell seinem Unmut über den spärlichen Informationsfluss seitens des DAV relativ unverhohlen Luft gemacht – denn es fehlt bislang an so ziemlich allen harten Fakten. Der DAV will von den Verbänden 35 Millionen Euro allein auf gutes Vertrauen hin zugesichert bekommen.

Insgesamt 1,8 Millionen Euro – je 600.000 in drei Jahren – sollten dazu allein vom AVWL kommen. Das entspricht 600 Euro pro Mitglied und Jahr. „Jedenfalls nach unserem bisherigen Kenntnisstand. Derzeit wissen wir nicht, ob es tatsächlich dabei bleiben wird“, so Rochell in der vorvergangenen Woche in einem Interview des AVWL-Mitgliederservice. Denn der Verband hätte sich für mindestens drei Jahre verpflichtet und wäre erst dann in der Lage, seine Beteiligung wieder zu kündigen. „Dabei besteht das Risiko, dass dieses Investment komplett verloren geht“, so Rochell. Und wie groß dieses Risiko ist, ist angesichts der DAV-Informationspolitik offenbar nicht seriös einzuschätzen.

Denn der DAV hatte bis dato selbst gegenüber seinem Mitgliedsverband nicht Handfestes vorzuzeigen. Das eigentliche Problem sei, „dass derzeit unklar ist, worin das Geld konkret investiert werden soll und wie und wann die kurz-, mittel- und langfristigen Ziele des Unternehmens umgesetzt werden sollen“, so Rochell. „Denn es fehlen uns nahezu alle erforderlichen Informationen zu dieser Unternehmensgründung.“ Weder hatte der DAV einen belastbaren oder aussagekräftigen Businessplan vorgelegt noch Information über die Milestones der Unternehmensentwicklung oder gar ein Rechtekonzept. „Wir vermissen auch einen Konsortialvertrag, der die Beziehungen der 16 beziehungsweise 17 Gesellschafter untereinander regelt“, so Rochell.

Auch ein Personalkonzept liege nicht vor, was angesichts der Schwierigkeiten, im IT-Sektor qualifizierte Fachkräfte in ausreichender Zahl zu rekrutieren, alles andere als ein Detail ist. Der DAV hat dabei offenbar auch auf mehrfache Anfrage des AVWL hin nicht gehandelt. „All diese Informationen und Unterlagen haben wir wiederholt beim DAV angefordert, um das Vorhaben Gedisa bewerten zu können. Sie sind uns aber leider nicht übermittelt worden“, so Rochell.

Dafür sollte nun Friedrich am Samstag die Kastanien aus dem Feuer holen. In einem Vortrag vor der Mitgliederversammlung legte er dar, was die Gedisa irgendwann alles anbieten soll, riss die Anwesenden damit aber offenbar nicht vom Hocker: Portal, Terminbuchungssysteme, Bestandsabfragen, Kalendersysteme – alles Funktionen, die es von privaten Anbietern von ihre-Apotheken.de über gesund.de bis No-Q längst gibt. Auch zur Personalfrage ließ er sich kurz ein: 17 Angestellte solle die Gedisa haben. Wie die rekrutiert werden sollen, erklärte er hingegen nicht. „Mich konnte Herr Friedrich nicht überzeugen“, sagt Claudia Scherrer. Die Inhaberin der Nord-Apotheke in Gütersloh war bei der Mitgliederversammlung zugegen und stimmte gegen die Beteiligung. „Er hat nicht viel vorgetragen. Er hat seine Visionen vorgestellt, konnte aber keine Zahlen und Daten vorlegen – ich hatte das Gefühl, dass da kein richtiger Plan dahintersteht und wenn ich keinen vernünftigen Businessplan habe, kann ich doch kein Unternehmen gründen.“

Die Diskussion, die sich daraufhin entspann, war eher grundlegender Natur: Braucht es die Gedisa überhaupt und wie soll die verfasste Apothekerschaft mit der Digitalisierung umgehen? „Gerade für die jüngere Generation der Apothekeninhaber ist es absolut unverständlich und äußerst bedauerlich, dass hier der Weitblick fehlt und es offensichtlich an 50 Euro im Monat gescheitert ist“, sagt Marleen Windgätter, Inhaberin der Teutoburg-Apotheke in Detmold. Sie hat für die Gedisa-Beteiligung gestimmt und begründet das vor allem mit der Zukunftsperspektive der Branche. „Ich habe die Apotheke mit 29 Jahren übernommen und muss noch ein paar Jahre arbeiten.“ Es gebe da eine spürbare Diskrepanz zwischen jüngeren und älteren Kolleg:innen.

Die Verbände müssten eigene Angebote auf die Beine stellen, um der Privatwirtschaft etwas entgegenzuhalten. „Die Versandhändler warten nicht mit solchen Dingen und das E-Rezept kommt auf jeden Fall“, so Windgätter. „Es weiß ja auch niemand besser, zumindest macht niemand einen besseren Vorschlag.“ Es dürfe nicht sein, dass man ein solches Zukunftsthema liegen lässt. Zwar sehe sie auch, dass die dünne Informationslage ein Problem ist. „Aber was will man denn machen, wenn niemand bereit ist, Geld zu geben? Es muss ja erst mal losgehen und wenn ich noch kein Budget habe, kann ich auch keinen Businessplan erstellen.“ Insbesondere störe sie, dass die Verbandsführung sich schon vor der Abstimmung gegen die Gedisa positioniert habe.

Tatsächlich hatte der Vorstand explizit keine Wahlempfehlung ausgesprochen – Vorstandschef Rochell ließ aber wenig Zweifel daran aufkommen, wie er zu dem Vorhaben steht. Der Vorstand sei in einem Dilemma, erklärte er. „Die Idee hinter der Gedisa ist – im Grundsatz – gut. Die Planung und Umsetzung der Idee ist es, nach allem was wir bislang wissen beziehungsweise gerade nicht wissen, aber weniger.“ Die AVWL-Führung hatte deshalb eigens externe juristische Expertise zurate gezogen, die ihr „ins Pflichtenheft geschrieben“ habe, „die Chancen und Risiken genau zu ermitteln“. Genau das sei aber „anhand der rudimentären Unterlagen“ gar nicht möglich. Auch wenn man „grundsätzlich hinter der Idee stehen kann“, gelte deshalb: „Der Vorstand darf als Vermögensverwalter des Verbandes und Auftragnehmer der Mitglieder nicht seine Aufgaben und Pflichten ausblenden. Und in letzter Konsequenz können wir auch aus haftungsrechtlichen Gründen als Vorstand derzeit keine positive Beschlussempfehlung zur Frage einer Beteiligung an der Gedisa aussprechen.“

Heißt: Die Idee an sich ist gut, aber der DAV aber offensichtlich nicht in der Lage gewesen, sie auf tragfähige Füße zu stellen. Dabei wäre Zeit genug gewesen: Formal wurde Gedisa bereits Anfang November gegründet – hatte also drei Monate Zeit für Business-, Finanzierungs- und Personalplan. Oder andersherum: Das Unternehmen existiert seit einem Vierteljahr, hat all das aber noch nicht, war nicht willens oder aber nicht in der Lage, diese Unterlagen bereitzustellen. „Im Grunde ist das Konzept der Gedisa ja schon seit 2018 im Gespräch. Aber bis jetzt hat da noch niemand etwas auf die Beine gestellt“, sagt Scherrer. „Herr Friedrich hat bei der Mitgliederversammlung selbst zugegeben, dass er mit seinem Vortrag bei einer Bank keinen Kredit erhalten würde. Ich konnte da nicht guten Gewissens zustimmen.“

Und selbst wenn man dem DAV das Vertrauen entgegenbringt, die Finanzierung ohne verbindliche Zusagen zu bewilligen, so müsse die Frage gestellt werden, ob die Gedisa angesichts des späten Starts eine sinnvolle Investition ist. Ihre Angebote werden von der Privatwirtschaft bereits gedeckt. Eine apothekereigene Lösung ist zwar wünschenswert – abgesehen davon, dass das auch Unternehmen wie Noventi oder die Noweda für sich in Anspruch nehmen. „Aber ich denke auch, dass wir einen markenstarken Namen am Markt brauchen, damit der Kunde sich orientieren kann“, sagt Scherrer. „Es gibt im Moment viele kleinteilige Angebote am Markt, aber noch kein starkes Zugpferd.“ Jetzt noch die Gedisa ins Rennen zu schicken, werde den Markt nur noch kleinteiliger machen, statt ihn im Sinne der Apothekerschaft zu konsolidieren. Das hatte auch Rochell schon so angeführt: Es gebe „bereits eine ganze Reihe von Playern und Angeboten auf dem Markt, zu denen die Gedisa mit ihren Angeboten in Konkurrenz tritt.“ Anders als die Gedisa sind diese Player aber bereits da.

All das sind Fragen, die eigentlich nicht nur die Kollegen in Westfalen-Lippe diskutieren müssten. Doch die anderen 16 Landesverbände haben die Finanzierung schlicht durchgewinkt. „Ich finde es ein bisschen traurig, dass die Mitglieder in anderen Verbänden nicht befragt wurden“, sagt Scherrer. „Ich würde mir da eine Diskussion wünschen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass in den anderen Verbänden jedes Mitglied hinter dem Vorhaben steht.“

Doch was wird nun aus den AVWL-Mitgliedern? Ob mit oder ohne Westfalen-Lippe: Die Gedisa ist beschlossen und wird ihre Angebote in den Markt bringen. Das birgt neues Konfliktpotenzial – nicht zuletzt, weil auch das DAV-Portal auf die neue Gesellschaft übertragen werden soll. Dass der DAV darauf Wert legt, seine Leistungen nur denen zur Verfügung zu stellen, die auch dafür zahlen, hat er in der Vergangenheit bereits unter Beweis gestellt: Nachdem das Bundesgesundheitsministerium (BMG) ihm die Aufgabe übertragen hatte, digitale Impfzertifikate auszustellen, war die Funktion zunächst nur für Verbandsmitglieder verfügbar. Was er von Nicht-Mitgliedern hält, die das Portal nutzen wollen, machte DAV-Vize Hans-Peter Hubmann damals deutlich: Sie seien „Schmarotzer“ und „Trittbrettfahrer“.

Erst eine Intervention aus dem BMG brachte den DAV zum Einlenken. „Wenn es sich um hoheitliche Aufgaben handelt, die von der Politik übertragen worden sind, dann wird auch künftig jede Betriebsstätte Zugang zum Portal haben müssen“, forderte Rochell bereits vor der Abstimmung. Und gab dabei die Marschrichtung für den Fall der Ablehnung vor: „Im Übrigen ist der AVWL an der Entwicklung des Portals beteiligt gewesen. Wenn dieses nun auf die Gedisa übertragen werden soll, machen wir zur Bedingung, dass unseren Mitgliedern auch künftig die Nutzung möglich ist, selbst wenn sich der AVWL nicht an der Gedisa beteiligen sollte.“ Wie genau das Zugriffsmanagement im DAV-Portal dann aussehen wird und wie die AVWL-Mitglieder Zugriff auf die nicht-hoheitlichen Angebote der Gedisa – also voraussichtlich fast alle – erhalten werden, steht wie so vieles noch nicht fest. Aber gut möglich, dass es sie mehr kosten wird als 50 Euro im Monat.

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