Antrag auf außerordentliche Mitgliederversammlung

AVWL: Pro-Gedisa-Fraktion nimmt neuen Anlauf

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Berlin -

Im Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL) gibt es einen Vorstoß pro Gedisa. Eigentlich hat sich der Verband bei seiner Mitgliederversammlung (MV) Anfang Februar gegen eine Beteiligung an der Digitalgesellschaft des Deutschen Apothekerverbands (DAV) entschieden. Doch jetzt sammeln einige Mitglieder Stimmen, um eine neue Abstimmung zu erreichen – mit einigen berufspolitisch prominenten Unterstützern.

Worum geht es? Der DAV hat eine Gesellschaft für digitale Services der Apotheken (Gedisa) gegründet. Hier sollen Angebote wie ein gemeinsames Portal, Terminbuchungssysteme, Bestandsabfragen oder Kalendersysteme angeboten werden. Dafür wurde bei den Landesapothekerverbänden Geld eingesammelt, allein der AVWL sollte drei Jahre lang je 600.000 Euro zahlen. Während alle anderen LAV zustimmten, verlangte der AVWL zunächst genauere Informationen vom DAV. Weil nach Angaben des AVWL-Vorstands trotz mehrfacher Nachfrage kein dezidierter Businessplan geliefert wurde, konnte den Mitgliedern eine Beteiligung nicht empfohlen werden. Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung bewirkte ein Votum von 40 zu 40 Stimmen bei fünf Enthaltungen, dass der AVWL nicht beitritt – denn dazu hätte sich eine Mehrheit dafür aussprechen müssen.

Widerstand gegen MV-Beschluss

Vor allem aufgrund der geringen Beteiligung – 85 von 1300 Stimmberechtigten – formiert sich seit einigen Wochen der Widerstand gegen den MV-Beschluss. Die Apotheken in Westfalen-Lippe werden gerade auf verschiedenen Wegen von Kolleg:innen angeschrieben. Das Ziel: Eine außerordentliche Mitgliederversammlung und eine neue Abstimmung über Gedisa. Mindestens ein Fünftel der Mitglieder – also mehr als 260 – müssen die Abstimmung beantragen.

An der ersten Veranstaltung am 5. Februar äußern die Autoren des Schreibens Kritik: Die Mitgliederversammlung sei als digitales Webinar konzipiert gewesen, „ein Format für Fortbildungen, in denen die Referenten Frontalvorträge zeigen, das aber wenig für Versammlungen mit hohem Anspruch an gleichberechtigtem Austausch geeignet ist“.

Zudem habe der AVWL-Vorstand hat in der Sitzung immer wieder deutlich gemacht, dass er das Risiko eines Gedisa-Beitritts für „nicht kalkulierbar“ hält. Das finanzielle Risiko sei in der Mitgliederversammlung dann aber auf 1800 Euro je Apotheke binnen drei Jahren beziffert werden. „Die Chancen, die ein solches Portal in Apothekenhand mit sich bringt, sind für viele von uns deutlich größer als dieses bezifferte Risiko“, schreibt die Pro-Gedisa-Fraktion. AVWL-Chef Thomas Rochell hatte im Vorfeld darauf hingewiesen, dass der Betrag dem bisherigen Kenntnisstand entspreche. „Derzeit wissen wir nicht, ob es tatsächlich dabei bleiben wird.“

Die Befürworter finden jedenfalls, dass eine größere Zahl an Mitgliedern „nach intensiver und transparenter Diskussion“ entscheiden sollte, „ob der Verzicht auf einen Beitritt zur Gedisa als Risikominimierung oder doch eher als gegen die Interessen der Apothekeninhaberinnen und -inhaber eingestuft werden muss“.

Digitalisierung professionell begegnen

Dem Schreiben liegt ein schriftlicher Antrag auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung bei, den die Apotheken per Einwurfschreiben an den AVWL schicken sollen. In der Begründung des vorgefertigten Antrags wird auf die wachsende Bedeutung der Digitalisierung hingewiesen. Dieser Entwicklung professionell zu begegnen könne nur gelingen, wenn der AVWL der Gedisa beitritt, so die Überzeugung. Die Frage des Beitritts sei daher „eine gewichtige und wegweisende Entscheidung für die Zukunft der Vor-Ort-Apotheken in Westfalen-Lippe“. Die Abstimmung im Februar mit nur 85 Teilnehmer:innen sei angesichts dieser Bedeutung wenig legitimiert.

Gerade diesen Punkt kann der AVWL-Vorsitzende Thomas Rochell nicht nachvollziehen. „Wir haben viermal zu der Mitgliederversammlung eingeladen und umfassend informiert.“ Bezeichnend findet er jetzt Anträge von Mitgliedern, die nicht an der Mitgliederversammlung teilgenommen hätten. Aber selbstverständlich könne jeder seine Mitgliederrechte geltend machen und auch gegen eine breitere Diskussion hätte Rochell nichts: „Wenn alle kämen und mit diskutieren, das wäre doch ein Vereinsleben, wie es sich gehört.“

Inhaltlich habe sich für den AVWL-Vorstand nichts geändert. Es fehlten etwa noch immer ein verbindliches Konsortialkonzept, ein Budgetplan oder ein Konzept über Nutzungsrechte, so Rochell. Warum der DAV diese Informationen noch immer nicht geliefert hat, kann Rochell nicht verstehen: „Wenn ich Geld einsammeln will für eine Kapitalgesellschaft, muss ich doch alles dafür tun, die Gesellschafter zu überzeugen.“ Die grundsätzlichen Überlegungen, die sich der Vorstand stellt: Gedisa sei eine gute Idee, kommt aber womöglich jetzt zu spät. Das E-Rezept fällt als Anwendung weg, weil dies bei der Gematik angesiedelt sei. Und für alle anderen geplanten Services gebe es bereits Anbieter im Wettbewerb, gegen die sich die Apothekerlösung erst einmal durchsetzen müsse. „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“, fasst Rochell seine Bedenken gegen die Annahme auf Kundenseite zusammen.

Apotheker Felix Holzwarth aus Dorsten ist komplett anderer Auffassung. „Bei einem Start-up ist das so, dass ein Teil des Geschäfts Glaskugel ist.“ Dieses – überschaubare – Risiko müssten die Apotheken aus seiner Sicht eingehen. Denn die Gedisa sei eine einmalige Chance, dass der Berufsstand geschlossen auftritt. Holzwarth ist einer der Initiatoren, die eine neue Abstimmung forcieren wollen. Seine engsten Mitstreiter sind Stefan Leugermann aus Lengerich und Frederik Schöning aus Rheine. Als weitere Aktivposten werden Abda-Vorstand Dr. Hannes Müller aus Haltern und AKWL-Vizepräsident Frank Dieckerhoff aus Dortmund genannt, die aber vermutlich aufgrund ihrer standespolitischen Aktivitäten nicht allzu offensiv auftreten wollen.

In dem vorformulierten Antrag wird schon darauf hingewiesen, dass es sich um eine abgestimmte Aktion handelt, um das notwendige Quorum zu erreichen. Weitere gleichlautende Anträge würden Ihnen also parallel eingehen. Laut Holzwarth dürften es schon mehr als hundert Apotheken sein, die sich beteiligen. Das Quorum von 260 liegt damit aber noch ein Stück entfernt.

Rochell verfolgt das relativ gelassen. Spätestens bei der nächsten regulären Mitgliederversammlung im Herbst werde das Thema wieder bestimmt auf die Tagesordnung kommen – denn dann reichen laut Satzung zehn Mitglieder, um einen entsprechenden Antrag zu stellen. „Vielleicht sind dann auch schon mehr Informationen zur Gedisa da“, so der AVWL-Chef. Er könne auch sehr gut damit leben, wenn die MV sich wann auch immer anders entscheide. Der Vorstand habe auf die Risiken hingewiesen und Informationen zum Projekt angefordert und könne damit von der Mitgliederversammlung legitimiert und exkulpiert werden.

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