Verband fordert Rezepte zurück

Preis: Hunderte Apotheken wegen AvP vor dem Aus

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Berlin -

Die Insolvenz von AvP könnte hunderte Apotheken in den Ruin treiben – die Standesorganisationen verschaffen sich gerade einen Überblick über die Lage. Der Apothekerverband Nordrhein (AVNR) rechnet damit, dass sich die Zahl der Schließungen durch das Desaster beim Rechenzentrum kurzfristig verdoppelt. Jeder zehnte AvP-Kunde könnte demnach selbst vor dem Aus stehen. Auch in Sachsen-Anhalt schlagen Kammer und Verband Alarm.

Alleine in NRW seien etwa 5 Prozent der knapp 4000 Apotheken so stark betroffen, dass hier eine kurzfristige Schließung drohe. Bundesweit seien es 3 Prozent der insgesamt 19.075 Apotheken. Das habe zur Folge, dass in sehr naher Zeit mit einer Verdoppelung des „Apothekensterbens“ zu rechnen sei: Statt 350 könnten rund 700 Apotheken schließen, damit stünden bundesweit auch fast 5000 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

„Wir können vor diesem Hintergrund nur nochmal an Politik, pharmazeutischen Großhandel und Banken appellieren, einen schnell wirksamen Beitrag zu leisten, um Schließungen der Apotheken zu verhindern und möglichen Versorgungslücken vor Ort sowie Arbeitsplatzverlusten effektiv entgegenzuwirken“, so Verbandschef Thomas Preis. „Was ich auch ausdrücklich betonen will: Hier geht es um die nackte Existenz von Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die in der Hochphase der Coronakrise Herausragendes geleistet haben und jetzt ohne eigenes Verschulden vor einem persönlichen und geschäftlichen Scherbenhaufen stehen.“

Basierend auf einer auch mit anderen Landesapothekerverbänden abgestimmten und dezidiert begründeten Rechtsauffassung hat der AVNR den vorläufigen Insolvenzverwalter Dr. Jan-Philipp Hoos schriftlich dazu aufgefordert, noch nicht abgerechnete Rezepte umgehend zurückzugeben, um weitere Nachteile für die Apotheken zu vermeiden. „Unsere Position werden wir auch in dem bereits für Anfang der Woche terminierten Gespräch mit Herrn Dr. Hoos wiederholen. Dabei geht es in diesem Gespräch aber auch darum, gemeinsam mit der vorläufigen Insolvenzverwaltung eine rechtlich tragfähige, aber gleichzeitig auch pragmatische und kurzfristige Lösung zu erarbeiten. Denn insofern ist hier Eile geboten. Insgesamt gehen wir mit Zuversicht in dieses Gespräch“, so Preis.

Auch in Sachsen-Anhalt ist laut Landesapothekerverband jede fünfte Apotheke in Sachsen-Anhalt unverschuldet in akuten Zahlungsnöten: Deutlich mehr als 100 der insgesamt 581 Apotheken seien von dieser AvP-Insolvenz betroffen, bundesweit seien es rund 2900 Apotheken. Die Zahlungsausfälle seien existenzbedrohend und bewegten sich pro Apotheke in einem Bereich von circa 120.000 bis 400.000 Euro, teilweise sogar noch darüber hinaus. „Da dieses Geld dringend für die Bezahlung der Rechnungen für die vom Großhandel und der Industrie gelieferten Arzneimittel, aber auch für Mieten, Gehälter und Sozialbeiträge benötigt wird, geraten viele der von der Insolvenz des Rechenzentrums betroffenen Apotheken unverschuldet in eine akute finanzielle Notlage“, so Kammerpräsident Dr. Jens-Andreas Münch. „Auch wenn nur ein kleiner Teil der betroffenen Apotheken selbst Insolvenz anmelden muss, kommt es zu gefährlichen Liquiditätsproblemen, die die Existenz des Unternehmens Apotheke und damit die wohnortnahe Arzneimittelversorgung als Ganzes gefährden können.“ Wenn eine Apotheke gerade im ländlichen Raum erst einmal geschlossen sei, werde sich dort keine neue Apotheke mehr ansiedeln. Dafür sei die Attraktivität mittlerweile einfach zu gering.

In einem Brief an den Ministerpräsidenten wendet sich die Apothekerkammer und der Landesapothekerverband mit einem Hilferuf an die Politik. „Es geht hier um Gelder der Sozialversichertengemeinschaft, die durch ein Insolvenzverfahren nicht ausgezahlt werden können und damit trotz bereits erbrachter Leistung den Apotheken nicht zur Verfügung stehen. Es ist zu berücksichtigen, dass die Apothekerschaft gesetzlich beauftragt ist, die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Danach hat die Apotheke die Verpflichtung, das verordnete Arzneimittel abzugeben. Diese Verpflichtung gilt völlig unabhängig davon, ob sich dies wirtschaftlich rechnet. Gerade bei hochpreisigen Arzneimitteln sind die Apotheken in Folge der gesetzlichen im Sozialgesetzbuch Teil V verankerten langen Zahlungsfristen für die Krankenkassen gezwungen, die für sie unwirtschaftliche Zwischenfinanzierung zu übernehmen“, erklärt der Kammerpräsident.

„Der ersatzlose Ausfall einer ganzen Monatsabrechnung ist für nahezu jeden Apothekeninhaber existenzbedrohend. In der stark regulierten Arzneimittelversorgung tragen die Apotheken ohnehin ein großes finanzielles Risiko bei seit Jahren kaum angepassten Honoraren. Rabattverträge, Lieferengpässe, Retaxationen (Zahlungsweigerungen der Krankenkassen) und die Vorfinanzierungskosten für immer mehr hochpreisige Arzneimittel belasten die wirtschaftliche Situation ohnehin schwer“, so Verbandschef Mathias Arnold.

Kammer und Verband hoffen nun auf ein zeitnahes Gesprächsangebot von der Landespolitik, um im Ergebnis Lösungen oder Hilfsangebote für die Apotheker zu finden.

 

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