Apotheker feiert pharmazeutische Dienstleistungen

Medikationsanalyse: „Mehr als das Erkennen von Wechselwirkungen“

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Berlin -

Die pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) bieten Apotheker:innen und PTA neue Möglichkeiten. Robert Hüttner, Apotheker und Mitglied der Geschäftsleitung der Medipolis-Apotheken in Jena, sieht sie als große Chance zur Versorgungsverbesserung.

„Natürlich haben wir Blutdruckmessungen schon immer durchgeführt und auch zur korrekten Anwendung von Inhalativa beraten“, erzählt Hüttner. „Die neue Vergütungsstruktur erlaubt es uns jetzt, die Intensität dieser Beratungsleistung zu erhöhen und noch mehr Nutzen für den Patienten zu generieren.“ Die Teams der Medipolis-Apotheken in Jena, Apolda und Naumburg freuen sich über die nun anstehenden neuen Aufgaben.

Noch früher ansetzen

Die Beratung von Hypertonikern, Asthma- und COPD-Patient:innen kann nun an der einen oder anderen Stelle intensiviert werden. Auch wenn sich Hüttner mit Blick auf die Blutdruckpatient:innen einen etwas anderen Weg gewünscht hätte: „Das Wichtige bei den pharmazeutischen Dienstleistungen ist, zu analysieren, was am Ende beim Patienten auch wirklich ankommt. So sehe ich die Ausgestaltung des Angebotes der Blutdruckmessung etwas kritisch. Toll wäre es gewesen, das Blutdruckmessen auch für Menschen anzubieten, die aktuell noch nicht wissen, dass sie Hypertonie haben. So hätte man eine Chance gehabt, diese Patienten frühzeitig zu einer adäquaten Indikationsstellung zum Arzt zu schicken.“

Künftig ohne Selbstzahleranteil

„Die Medikationsanalyse ist sicherlich das spannendste Feld der pharmazeutischen Dienstleistungen“, so Hüttner. „Auch, weil es zwei erweiterte Analysen für bestimmte Patientengruppen gibt. Wir haben diesen Service bereits vor der Einführung der pharmazeutischen Dienstleistungen angeboten – bisher als Selbstzahlerleistung. Da mussten wir jedoch feststellen, dass der Preis eine große Hürde für viele Patienten in unserer Region darstellt. Angefangen haben wir mit einem Preis von 50 Euro, den wir im Verlauf weiter abgesenkt haben, obwohl dieser Betrag dann nicht mehr im Verhältnis zum Aufwand der Dienstleistung stand. Unser Anspruch war aber, einen niedrigschwelligen Zugang für alle Patienten zu schaffen.“

„Wir als Apotheke in Thüringen haben bereits Erfahrungen im Projekt Armin sammeln können. Ich denke, die flächendeckende Einführung der pharmazeutischen Dienstleistungen kann nun als Fortführung des bereits Erlernten betrachtet werden.“ Und nicht nur das Feedback der Kolleg:innen sei gut, sondern auch das der Kund:innen: „Das Überraschende ist, dass bereits jetzt die ersten Patienten von sich aus auf uns zukommen und nach einer Medikationsanalyse fragen. Einige erinnern sich, dass sie diesen Service vor zwei Jahren schon einmal in Anspruch genommen haben, und würden gerne erneut einen Blick über ihre regelmäßig einzunehmenden Medikamente werfen lassen.“

Über Kritik ist man sich bewusst

„Sicherlich haben wir auch kritische Stimmen durch unsere Heilberufskollegen wahrgenommen, doch das sollte uns nicht abschrecken“, erzählt Hüttner. Dabei beruft er sich auch darauf, dass es gewisse Diskrepanzen zwischen Arzt und Apotheker immer schon gab, man sich dadurch von seiner Tätigkeit aber nicht abhalten lassen sollte. „Ich habe zehn Jahre lang in einer Klinikapotheke gearbeitet und auch dort war es so, dass die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker stark von der einzelnen Person abhängig war. So wird es jetzt auch sein.“

Viel wichtiger sei es, die Ärzt:innen zu verstehen. Denn die Einwände und Bedenken beruhten vielleicht auch darauf, dass die Mediziner:innen noch keine Erfahrungen mit solch einer Zusammenarbeit gemacht hätten: „Die größte Herausforderung in der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker wird wohl die Trennung von akademischen und patientenrelevanten Problemen sein.“

Vertrauen aufbauen – auch bei den Ärzten

„Eine Medikationsanalyse ist mehr als die Bestimmung von Wechselwirkungen“, gibt Hüttner zu bedenken. „Und: Es geht ja auch darum, das wirklich Wichtige herauszuarbeiten. Ich brauche den Finger nicht auf jede Wechselwirkung zwischen der Morgen- und Abendeinnahme richten – der Patient und auch der Arzt sollten über die relevantesten Sachen informiert werden. So muss der Mediziner nicht zwangsläufig bei jeder orangenen Wechselwirkung, die das System anzeigt, darüber in Kenntnis gesetzt werden. Wir müssen Vertrauen aufbauen. Und dieses Vertrauen zu schaffen, sollten wir als Chance sehen.“

Möglichkeiten der Integration schaffen

Während einige Apotheken befürchten, dass das Budget nicht reichen und die priorisierte Abrechnung greifen könnte, habe die Apothekerkammer Thüringen in ihren letzten Sitzungen immer wieder darauf hingewiesen, dass es ab jetzt die pharmazeutischen Dienstleistungen gibt und diese auch angeboten werden sollten. „Denn nur, wenn die Apotheken nun auch zeigen, dass dieses Angebot einen Mehrwert für den Patienten hat, wird das Projekt auch fortgeführt. Es ist ein guter Start und eine tolle Option, als Apotheker produktunabhängige Strukturen zu etablieren.“

Dabei hat Hüttner auch die Bedenken von kleinen Apotheken im Blick: „Sicherlich verstehe ich, dass es für große Apotheken leichter sein kann, einen Approbierten für diese Aufgaben abzustellen und kleinere Teams mit Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Aber was spricht dagegen, diese Leistungen nur zu bestimmten Zeiten anzubieten? Eventuell nur an einem Wochentag oder außerhalb der regulären Öffnungszeiten.“ Und: Die pharmazeutischen Dienstleistungen sind keine Pflicht – jede/r Inhaber:in kann frei entscheiden, in welchem Maße er welche Dienstleistung anbietet. „Wir haben aktuell schon ein Team aus qualifizierten Apothekern, die Medikationsanalysen durchführen können. Und jeder Kollege, jede Kollegin, die motiviert und engagiert ist und sich diesem Thema widmen möchte, soll auch die Möglichkeit bekommen, sich fortzubilden.“

Nicht allein ökonomisch betrachten

Hüttner kann die Bedenken hinsichtlich der Vergütung nachvollziehen. Die Medipolis-Apotheken wollen dennoch direkt in die pharmazeutischen Dienstleistungen einsteigen: „Wir wollen das auch unabhängig von den rein ökonomischen Gesichtspunkten anbieten und glauben an den Mehrwert für den Patienten. Es wäre fatal, die Leistungen nicht anzubieten, nur weil man aktuell noch keine 100-prozentige Planungssicherheit hat, was das Budget angeht. 1000 Euro ist ja nur ein Teil des Topfes, fast die Hälfte kommt ja aktuell nochmal hinzu – ja, dann wird nach Priorität abgerechnet. Und ja, aktuell weiß man noch nicht, wie viele Apotheken wie viele Leistungen abrechnen werden. In einem halben Jahr werden wir nach zwei Abrechnungen einen besseren Überblick haben.“

Und er sieht in den intensiven Gesprächen noch einen Vorteil: „Innerhalb des Gespräches kann man dem Patienten auch die Option des Verblisterns erklären. Bei Polymedikation kann es zu Einnahmefehlern kommen. Das Verblistern stellt einen großen Beitrag zur Arzneimittelsicherheit dar. Wir haben im Team auch ein bisschen gehofft, dass diese Dienstleistung ebenfalls Inhalt der pharmazeutischen Dienstleistungen werden kann. Aktuell haben wir hier nämlich eine Situation, dass die Abgabe von Fertigarzneimitteln wirtschaftlich lukrativer ist als die Abgabe von verblisterten Medikamenten.“

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