Fieser Trick

Kunde klaut 2500-Euro-Medikament vom HV-Tisch

, Uhr
Berlin -

Tannenberg-Apotheke – „die Wohlfühl-Apotheke“, so nennt sich das Wuppertaler Unternehmen von Birgit König und Anna Marquardt. Ein Kunde nahm das wörtlich. Als eine Mitarbeiterin kurz beschäftigt war, schlug er zu und klaute kurzerhand ein 2500-Euro-Medikament vom HV-Tisch. Nicht mit Apothekerin Marquardt – sie verfolgte den Dieb.

Die Inhaberin befand sich im Backoffice, als der Täter vor einigen Tagen zuschlug. „Ich bekam mit, dass es in der Offizin Ärger gab”, erzählt sie. Sie rannte nach vorn, erkannte die Situation und setzte sich intuitiv in Bewegung. „Der Mann hatte die Medikamentenpackung gegrabscht und war davongelaufen.”

Er ging bei seinem offensichtlich geplanten Diebstahl ziemlich dreist vor. „Er rief vorher an und fragte, ob wir das Medikament, ein Mittel gegen Multiple Sklerose, vorrätig hätten. Wir bestellten es für ihn, er wollte am nächsten Tag mit einem Rezept vorbeikommen und es abholen.” So weit, so normal.

Als der Kunde erschien, holte die Mitarbeiterin das Gewünschte und platzierte die Packung auf dem HV-Tisch, neben der Computertastatur. „Der Mann wühlte in seiner Tasche und tat so, als ob würde er das Rezept suchen”, erzählt Marquardt. Die Mitarbeiterin wartete geduldig, da schlug der Mann blitzschnell zu.

Natürlich rät die Apothekerin ihren Mitarbeitern stets, in gefährlichen Situationen nicht den Helden zu spielen. „Ich sage immer: Bringt Euch nicht in Gefahr, gebt den Leuten im Ernstfall, was sie wollen.” Aber manchmal überwiegen Wut und Empörung. Zwei Straßen weiter stellte die Apothekerin den Dieb, der in einen Sackgassenhof gelaufen war: „Gib das sofort her!”, schrie sie ihn empört an. Das zeigte Wirkung: Der Täter, 1,90 Meter groß und kräftig gebaut, war offensichtlich schockiert und gab klein bei. Kleinlaut lief er neben der Apothekerin zurück an den Tatort, wo sein Personalausweis fotografiert wurde.

„Er erzählte mir, dass er an Schizophrenie leide und gelesen hätte, dass das MS-Medikament in England vielen Patienten geholfen hat”, sagt sie. „Aber sein Arzt will es ihm nicht verschreiben, weshalb er es mit dem Diebstahl versucht hat.”

Um Kollegen in Wuppertal vor weiteren Versuchen zu warnen, informierte die Apothekerin die Polizei. „Der Mann tat mir irgendwie leid, ich wollte ihn nicht anzeigen, aber die Polizei sagte, dass sie, sobald sie Kenntnis von einer Straftat habe, diese auch verfolgen müsse.” Sie sagt: „Das war bestimmt kein Serientäter, ein Profi hätte sich niemals von mir schnappen lassen. Ich glaube, der Diebstahl war einfach eine Kurzschluss-Reaktion von ihm.”

Sie verspürt Mitleid, gleichzeitig aber auch Wut. Sofort nach der Tat hat sie den Arbeitsablauf in der Apotheke geändert: „Teure Medikamente werden jetzt nicht mehr wie gewohnt neben die Tastatur gelegt. Sie kommen in ein Extrafach, das der Kunde nicht erreichen kann.” Erst wenn das Rezept vorliegt, erhalten Kunden die Packung.

Die Tannenberg-Apotheke wurde schon vor einem Monat bestohlen. „Damals haben zwei Männer ein Sparschwein geklaut.” Eine besonders gemeine Tat, denn darin wurde Geld für ein Kinderhospiz gesammelt, die Spenden kamen von Kunden. Schaden: 40 Euro. „Wir haben den Diebstahl erst nach ein paar Stunden bemerkt.” Mittels Videoaufzeichnungen konnten sie ihn nachvollziehen: Es waren zwei Männer, einer lenkte die Mitarbeiterin durch ein Gespräch ab, der andere nahm das Sparschwein, versteckte es in seinem Mantel und beide verließen seelenruhig die Offizin.

„Vor drei Jahren wurden wir sogar einmal beschossen”, erzählt die Apothekerin. Die genauen Umstände konnten nie aufgeklärt werden: „Wir vermuten, dass es aus einem vorbeifahrenden Auto geschah, da das Loch im Schaufenster sich ungefähr auf Hüfthöhe befand. Eine Patrone wurde allerdings nie gefunden.” Der ungewöhnliche Vorfall ereignete sich an einem Samstagvormittag, als sich Kunden in der Offizin befanden. Verletzt wurde niemand. „Unsere Apotheke befindet sich in Wuppertal-Elberfeld, das eigentlich nicht als sozialer Brennpunkt bekannt ist”, sagt Marquardt. „Die Schaufenster-Splitter sind quer durch die Apotheke geflogen.” Mittlerweile wird die Apotheke mit fünf Videokameras überwacht. Sicher ist sicher.

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