„Ich merke, dass die Leute auf eine Apotheke gewartet haben“

Aus Rezeptbox wird Filialapotheke

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Berlin -

Adelinde Reinhardt ist eine erfahrene Apothekerin. Als Ende März im Nachbarort Weisendorf die Apotheke überraschend dicht machte, war die Inhaberin der Apotheke Dechsendorf sofort mit Rezeptboxen zur Stelle. Dass die Kund:innen vor Ort eine Apotheke benötigten, war ihr schnell klar. „Die Entscheidung, eine Filiale zu eröffnen, war schnell gefallen“, sagt sie. Der Andrang bei der Eröffnung am Wochenende gab ihr Recht. Die persönliche Beratung und Betreuung sei für die Kundschaft in Weisendorf besonders wichtig.

Innerhalb von acht Wochen baute Reinhardt eine Bäckerei-Filiale in eine Apotheke um. Ohne die Unterstützung der Gemeinde, der Handwerker und des Architekten wäre dies nicht möglich gewesen, freut sich die Inhaberin. Die Entscheidung zur zweiten Filiale traf die Pharmazeutin schnell. Erst drei Wochen vor der Schließung habe sie sicher gewusst, dass der Kollege im rund zehn Kilometer entfernten Weisendorf zu mache. „Wir haben denselben Notdienstbezirk, vorher gab es nur Gerüchteküche.“ Dass er eine Nachfolger:in gesucht habe, habe sie nicht mitbekommen.

Für die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung hängte sie zwei Rezeptboxen auf. Doch ihr war klar, dass dies nicht ausreiche. Die Apotheke vor Ort sei nicht zu ersetzen. Seit Samstag gibt es wieder eine Anlaufstelle für die pharmazeutische Betreuung. „Ich merke jetzt, dass die Leute auf eine Apotheke gewartet haben“, sagt Reinhardt. Der Ort sei groß genug, dass sich eine Filiale rentiere.

Weisendorf sei eine „stolze Marktgemeinde“, die Wert auf eine eigene Apotheke lege. „Wenn man die Kunden hier gut führt, kann man sie auch gut halten“, ist sich Reinhardt sicher. Die Weisendorfer zeigen Selbstbewusstsein: Viele hätten in der Übergangszeit beispielsweise eine Kundenkarte aus den anderen beiden Betrieben abgelehnt und lieber auf die Eröffnung der Filiale gewartet. Die Klientel sei anders als in ihren beiden anderen Apotheken. Dort sei es normal, dass man mehr herumkomme, auch weil beispielsweise ein Standort in Autobahnnähe liege.

Die neue Filiale kommt mit einer neuen Einrichtung, Beratungsplätzen und Parkplätzen daher. Alle Beteiligten hätten „viel Energie“ in die schnelle Eröffnung gelegt, freut sich Reinhardt. Anfangs hatte sie Bedenken, genug Personal zu finden. Dann habe sich jedoch gezeigt, dass die Neueröffnung für „viel Schwung und ein Begeisterungsfeuer“ sorgte. Acht Mitarbeiter:innen, teilweise aus dem Ort selbst, sorgen mit Reinhardt für den Betrieb. „Sie sind alle sehr engagiert“, lobt die Chefin.

Bei der Eröffnung, die wie ein „fränkisches Oktoberfest“ gefeiert worden sei, seien der Landrat und Bürgermeister, Kirchenvertreter sowie Banken anwesend gewesen. „Daran sieht man auch, wie wichtig die Apotheke ist“, sagt Reinhardt. Mit dem Start der ersten Woche nach der Eröffnung ist sie zufrieden, auch wenn noch nicht alle Geräte so reibungslos liefen, wie erwünscht. Als sie vor zehn Jahren ihre erste Filiale eröffnete, sei dies noch leichter gewesen. „Die Apotheke wird jedes Jahr komplexer.“

Mobile Bezahlsysteme, E-Rezept, Securpharm oder Bonussysteme wie Payback – alles benötige ein eigenes Gerät. „Verschlafen darf man das nicht und muss mitmachen.“ Ein Erfolgsrezept für den Betrieb mehrerer Apotheken sei auch die Zentralisierung von Aufgaben. „Ich habe eine Mitarbeiterin, die das Marketingkonzept für alle Apotheken verfolgt und eine, die die gesamte EDV betreut.“ Manches lasse sich gut zusammenlegen, dass nicht jeder alles machen müsse.

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