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Corona-Effekt: Apotheke wird Amazon zu anstrengend

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Berlin -

Amazon ist der Endgegner, das ist das herrschende Narrativ in der Apothekenbranche. Corona hat diese nervöse Anspannung noch vertieft. Doch ausgerechnet die Beobachtungen in der Pandemie schrecken den Riesen ab. „Apotheke in Deutschland ist uns viel zu anstrengend“, ächzt ein namenloser Manager des Konzerns.

Wie realistisch die Bedrohung durch Amazon wirklich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Optimisten glauben an die Widerstandskraft der Branche: Wenn die Apotheken die Power ihrer Not- und Botendienste nur auf einer eigenen Plattform bündeln, kann kein Bezos dieser Welt dagegen an primen. Die Pessimisten wissen, dass Amazon jeden Markt knacken kann. In die eigene Zukunftsangst mischt sich eine fatalistische Schadenfreude, dass es immerhin die gegenwärtigen Gegner aus Holland mit hinwegreißen wird, wenn Seattle die Disruptionsmaschine anwirft.

Noch hat sich der Gigant hierzulande nicht gerührt, die paar Bienchen haben niemandem Angst gemacht. Doch zuerst das neue Klingelschild „Amazon pharmacy“ und jetzt auch noch die kolportierten US-Kettenpläne klingen schon deutlich bedrohlicher. Genug Spielgeld ist nach dem weltweiten Lockdown-Goldrausch sowieso in der Kasse.

Die Grauen Herren aus Seattle haben zudem gehört, dass der zuständige Minister in Berlin nicht das ist, was man einen entschiedenen Gegner des Versandhandels nennen würde. Leichtes Spiel also? Von wegen! Nach verschiedenen Gesprächen mit der Politik winken die Gesandten des Konzerns genervt ab. So viel Arbeit! In der Pandemie haben die Apotheken derart overperformed, dass ein Einstieg mühselig und teuer wäre. „Wir warten lieber noch ein paar Jahre, bis der Markt so richtig kaputtgespart ist. Dann kommen wir wieder. Muhahahaha. Auf Wiedersehen.“

In den USA ist Amazon tatsächlich schon einige Schritte weiter: Medienberichten zufolge wird der Aufbau einer eigenen Apothekenkette hausintern zumindest geprüft. Oder man baut eine Shop-in-Shop-Lösung – die USA kennen keine lästige Raumeinheit aus der Apothekenbetriebsordnung. Und eine eigene Supermarktkette hat Amazon schon vor ein paar Jahren in den Konzern-Warenkorb gepackt. Nach dem Amazon-eigenen Motto: „Kunden auch diese Branchen, die mit Mass Markets kompatibel sind.“

Bei uns geht das alles nicht so schnell. Das E-Rezept wird in vier BER-Mehrfamilienhäusern angetestet, die Gematik vereinbart Hausbesuche zur Vorstellung ihrer App. Und das digitale Impfzertifikat – kommt mit der Post. Der Bundesrat hat das gestern durchgewinkt. Ob das jemand durchgerechnet hat? Nichts für Ungut, aber wie viele im Impfzentrum geimpfte Ü-80-Personen werden sich den Pass direkt aufs Smartphone ziehen? Die Apotheken dürfen aber auch mitmachen, weil man in Apotheken nicht lügt.

Warum nicht alles über die Strukturen vor Ort? Wenn das mit dem Verschicken der Zertifikate so gut klappt wie bei den FFP2-Coupons, können wir uns alle auf Weihnachtsferien ohne Schnelltests freuen! Apropos FFP2-Coupons: Die Maskenaktion hat sich der Staat 2,1 Milliarden Euro kosten lassen. Allerdings tragen die braven Apotheker:innen einen Teil des Geldes als Umsatz- und Einkommenssteuer wieder zurück in die Staatskasse.

Vielleicht sollte die Regierung damit Impfstoff kaufen. Denn auch wenn es voran geht, die schlechten Nachrichten reißen nicht ab: Viel weniger Biontech, AstraZeneca kommt später, hieß es in dieser Woche. Ein Apotheker musste sich eine Nachlieferung beim Großhändler erkämpfen. Es gab bei Biontech Verzögerungen wegen der Anpassung der Lieferkette. Und bei Janssen zeigt die Software einen falschen Preis an.

Immerhin werden jetzt auch Privat- und Betriebsärzt:innen (6000 Betriebsärzt:innen sind dabei) versorgt. Dafür gibt es eigene Vorlagen und Sonder-PZN. Amazon hätte seine helle Freude. Und das alles für ein nicht gerade üppiges Honorar. Die Abda hat mit der Stoppuhr in der Hand selbst gerechnet und kommt auf einen Mindestbetrag von 18,08 Euro pro Vial. Wie genau, wurde noch nicht verraten. Dürfte aber auch egal sein, denn wer Spahn kennt, wird kaum mit zusätzlichen Nebeneinkünften aus dem Impfstoffgeschäft rechnen dürfen.

Nicht alle Nebeneinkünfte hat unter anderem Karl Lauterbach dem Bundestag gemeldet. Irgendwas mit Versandapotheken war auch dabei. Angesichts der Millionensummen, die mancher Koalitionskollege aus der Union für windige Maskendeals eingestrichen hat, sollte man diesen Lauterbach-Lapsus allerdings nicht allzu hoch aufhängen. Vergeben und vergessen! Schönes Wochenende!

 

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