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Folgerezepte gegen Ärztemangel

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Berlin -

Eine gute Zusammenarbeit mit dem Hausarzt ist für jede Apotheke wichtig. Anspruchsvoll wird es, wenn eine Praxis aufgibt – und sich die Patienten plötzlich neue Ärzte suchen müssen. Diese Erfahrung macht derzeit Katrin Prechel, Inhaberin der Apotheke am Markt in Hirschfelde. Seit ein Hausarzt im Ort aufgehört hat, hat das sächsische Dorf an der polnischen Grenze ein Rezeptproblem. Prechel und die Hausärzte aus der Umgebung stemmen sich gegen die Unterversorgung.

Früher gab es in Hirschfelde drei Allgemeinmediziner. Eine Praxis schloss schon vor Jahren aus Altersgründen. Doch seit Ende Juni ein weiterer Mediziner in Rente ging, ist die Situation ernst. Der verbliebene Hausarzt ist überlastet und kann keine neuen Patienten mehr annehmen. Diese müssen wohl oder übel in einen der Nachbarorte, nach Oderwitz, Ostritz oder die Kreisstadt Zittau.

Die umliegenden Praxen haben sich abgestimmt: Bis zum Ende des Jahres werden die rund 1000 betroffenen Patienten von ihnen mit versorgt. Chroniker erhalten ihre Folgerezepte ohne großen Aufwand. „Einem Diabetiker kann man sein Metformin auch mal ohne Untersuchung anhand der Messwerte verordnen“, sagt Allgemeinarzt Dr. Gottfried Hanzl. Ein Patient mit Herzinsuffizienz müsse natürlich in seine Praxis nach Oderwitz kommen, knapp 20 Kilometer von Hirschfelde entfernt. Sogar die Hausbesuche haben die Hausärzte untereinander aufgeteilt.

Hanzl hat mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) abgestimmt, dass die Versorgung auch im vierten Quartal noch auf diese Weise organisiert werden darf. Aber natürlich sei das nur eine Übergangslösung, schon wegen des zusätzlichen Aufwands, aber auch mit Blick auf die Budgets der Mediziner. Außerdem müssen Ärzte ihre Patienten eigentlich vor einer Verordnung mindestens einmal untersucht haben.

Größeren Aufwand haben auch Prechel und ihr Team in der Apotheke am Markt. Es ist die einzige Apotheke in Hirschfelde. Sie müsse den Patienten viel erklären, sie teilweise auch beruhigen, so die Apothekerin. Auch bei der Belieferung der Rezepte müsse sie doppelt aufpassen. „Wenn die Zusammenarbeit nicht so eingespielt ist, erhöht das zwangsläufig die Fehlerwahrscheinlichkeit. Da kann man keinem einen Vorwurf machen“, so Prechel.

Wirtschaftlich hat sich der Weggang des Arztes für die Apotheke noch nicht bemerkbar gemacht. Die Patienten kämen mit ihren Rezepten, aber der Mehraufwand häufe sich. Als Notfallverordnung könnten die Mediziner nur Kleinpackungen aufschreiben, berichtet Prechel. „Für die Patienten bedeutet das, dass sie öfter die Zuzahlung leisten müssen.“ Bei einigen kämen zudem kostspielige Taxifahrten dazu, um die Rezepte zu besorgen. Auch Überweisungen zu anderen Ärzten bereiteten immer mal Schwierigkeiten.

„Das ist so natürlich nichts von Dauer“, sagt Prechel. Die ärztlichen Kollegen seien alle überlastet und die Patienten müssten ja auch regelmäßig untersucht werden. „Wir sitzen hier derzeit wir auf einem Pulverfass“, so die Apothekerin.

Die Suche nach einem neuen Hausarzt für Hirschfelde läuft fieberhaft – bislang ohne Erfolg. Prechel kann das nicht verstehen: Die KV habe einen Investitionszuschuss von 60.000 Euro ausgelobt, günstige Räumlichkeiten von der Gemeinde stünden zudem zur Verfügung. „Es müsste sich nur irgendjemand an die Arbeit machen“, sagt Prechel. Mit etwa 1000 Patienten seien die Voraussetzungen gut.

Hanzl hatte schon einen Kandidaten, der sich in Hirschfelde niederlassen wollte, letztlich klappte es aber nicht. Jetzt verfolgt er einen neuen Plan: Im Flüchtlingslager in Zittau ist ein Arzt aus Syrien, der gerne hier arbeiten möchte. Hanzl will dem Kollegen helfen, die rechtlichen und administrativen Dinge zu regeln.

Ähnliche Probleme wie in Hirschfelde gibt es auch andernorts. Mit Wiederholungsrezepten will der Hessische Apothekerverband (HAV) niedergelassene Ärzte entlasten. Mit einem Antrag zum Deutschen Apothekertag (DAT) in Düsseldorf will der Verband erreichen, „dass im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung die rechtlichen Bedingungen für Wiederholungsrezepte geschaffen werden“.

Das Wiederholungsrezept soll zeitlich befristet sein und nicht nur den Ärzten helfen, sondern auch die Versorgungskompetenz der Apotheken stärken. Der Plan: „Auf dem bestehenden Muster-16-Rezept ließe sich eine Rubrik für einen ärztlichen Vermerk einrichten, in dem bestimmt wird, wie viele Wiederholungen bis wann erlaubt sind.“

Der Antrag klingt zwar gut – Kritiker halten ihn jedoch für „brandgefährlich“. Das größte Interessen an Wiederholungsrezepten hätten sicher die Versandapotheken, wenden sie ein. Außerdem sei von dort der Schritt zu XXL-Packungen mit mehreren hundert Tabletten und damit auch weniger Honorar für die abgebenden Apotheker nicht weit. Aber auch die Patientensicherheit sehen sie bedroht – immerhin würden die Patienten deutlich seltener zum Arzt gehen und eventuell nötige Umstellungen ausbleiben.

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