Neue Aufgaben dank E-Rezept

„Inhaber:innen müssen PKA machen lassen“

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Berlin -

PKA werden mit der Einführung des E-Rezepts und weiteren digitalen Angeboten noch wichtiger für Apotheken. Davon geht Natascha Richter aus. Die Chef-PKA der Bußmanns Apotheken in Ahlen erklärt, wie wichtig PKA im Arbeitsalltag sind, und fordert Inhaber:innen auf, ihren Angestellten Freiheiten in wirtschaftlichen Abläufen zu geben.

ADHOC: Werden PKA mit der Einführung des E-Rezepts überflüssig?
RICHTER: Nein, im Gegenteil. Die Bestellungen werden direkt im Backoffice eingehen, wie es jetzt bereits bei den App-Aufträgen der Fall ist. Sie landen bei uns, werden von PKA bearbeitet und an das pharmazeutische Fachpersonal zur Kontrolle weitergegeben. Die Digitalisierung ist sehr sinnvoll, da es weniger Papierkram geben wird. Apotheker:innen sollten deshalb aber nicht denken, dass PKA nicht mehr gebraucht werden.

ADHOC: Welche Arbeitsprozesse von PKA werden noch digitalisiert?
RICHTER: Wir haben Apotheken, die mit digitalen Preisschildern arbeiten. Die digitale Sichtwahl erspart zum Beispiel das Umräumen in der Offizin. Aber auch dabei muss das Category Management organisiert werden und man braucht PKA. Die Sichtwahl pflegt sich nicht von alleine. Wen soll der Inhaber dafür abstellen? Für uns gibt es weiter viel zu tun und die Chefs sollten uns dabei auch Freiheiten lassen.

ADHOC: Inwiefern?
RICHTER: Eine gute PKA hat einen Überblick über die Betriebsabläufe und führt idealerweise auch Verhandlungen mit Vertretern. Ich weiß, welche fünf Produkte von 20 Generika den höchsten Gewinn abwerfen. Diese Information gebe ich an das Personal vorne weiter, damit dort nicht irgendetwas abgegeben wird. Wir wissen, welche Packungsgrößen gut gehen, und können diese in die Sichtwahl stellen. Apotheken müssen in den kommenden Jahren noch wirtschaftlicher denken. Eine PKA, die fit ist, kann dem Chef viel Geld sparen – und er freut sich, wenn am Ende des Monats 5000 Euro mehr auf dem Konto sind als vorher. Außerdem hat er dann Zeit, sich um andere Dingen zu kümmern.

ADHOC: Welche Aufgaben gehören noch zum Beruf?
RICHTER: Wir können mehr als Pakete ausräumen. Eine gute PKA leistet mehr als das Warenlager oder den Kommissionierer aufzufüllen. Wir machen zum Beispiel auch die Direktbestellungen, weil wir das Vertrauen des Chefs haben. Der Beruf ist sehr vielfältig. PKA sind die Zweigstelle zwischen den Kund:innen und den Kolleg:innen im Handverkauf. Wir halten dem HV-Personal den Rücken frei, damit sie gut beraten können.

ADHOC: Was macht eine Chef-PKA?
RICHTER: Wir sind insgesamt rund 30 PKA. Ich wechsele täglich die Apotheke und schaue, was wir verbessern können, und helfe bei Problemen. Ich habe ein einheitliches System für die Prozesse aufgebaut, führe auch die Verhandlungen mit Vertretern oder kümmere mich um Retourenregelungen. Bei einem großen Verbund ist eine PKA-Leitung sinnvoll, damit nicht jeder für sich arbeitet. Zweimal im Jahr haben wir eine PKA-Sitzung, bei der wir neue Informationen an das Team weitergeben und Verbesserungsmöglichkeiten besprechen.

ADHOC: Wollten Sie so viel Verantwortung übernehmen?
RICHTER: Ich bin da reingewachsen und habe mir viel selbst beigebracht. Als ich in der 8. Klasse ein Praktikum in der Apotheke gemacht habe, habe ich mir nicht vorstellen können, dass ich später so selbstbestimmend arbeiten kann. Doch jede PKA trägt viel Verantwortung, da sie sich um das Warenlager kümmert. Und das ist viel Geld, das da liegt.

ADHOC: Was sollten Schulabgänger mitbringen, um PKA zu werden?
RICHTER: Zahlen sind natürlich ein großes Thema. PKA sollten rechnen können. Zudem sollten sie sich mit Computern wegen der Warenwirtschaftssysteme auskennen. Man wächst aber in jede Software rein. Letztlich kommt man während der Arbeit selbst auf die Tricks, wie man sich die Abläufe organisiert und eigene Listen erstellt. Ich habe Vertretern über den Rücken geschaut und mir viel selbst beigebracht. Zielstrebigkeit und Spaß an Kommunikation und Teamarbeit sind auch wichtig, da man mit vielen Kolleg:innen zu tun hat. Generell sollte man die Motivation nie verlieren.

ADHOC: Bilden Sie auch aus?
RICHTER: Die Ausbildung ist mir sehr wichtig. Ich kümmere mich um sechs Azubis, korrigiere Hefte und fahre in die Schulen, um mit Lehrer:innen zu sprechen. Ich habe mir auch Bücher gekauft, um die Schüler:innen begleiten zu können, damit der Stoff nicht schleift. Damit die Ausbildung noch mehr Spaß macht und der Nachwuchs motiviert bleibt, habe ich eine Lerngruppe gegründet, die sich mindestens einmal pro Monat trifft. Da bin ich manchmal auch Kummerkasten. Ich organisiere auch Ausflüge wie zum Beispiel in eine Pharmagroßhandlung, damit die Azubis die Hintergründe verstehen und wirtschaftlich denken lernen.

ADHOC: Wie kann der Beruf attraktiver werden?
RICHTER: In der Schule in Münster gibt es aktuell rund 30 Schüler:innen. Die Zahl steigt wieder und das ist gut, denn Apotheken kommen nicht ohne PKA aus. Wichtig sind auch mehr Fortbildungen gezielt für PKA und die Möglichkeit, auch bundesweit einen Ausbilderschein machen zu können. Natürlich ist die Bezahlung ein großes Thema. Vielleicht sollte da einmal etwas gemacht werden. Wichtig ist mir auch die Anerkennung vom Chef:in. Die Inhaber:innen müssen PKA machen lassen, in manchen Apotheken ist das nicht der Fall, das ist schade.

Richter ist seit 2012 als PKA tätig. 2015 absolvierte die 30-Jährige ein Pharmazieökonomie-Studium an der Hochschule in Schmalkalden. Zwei Jahre später übernahm sie die Leitung des Backoffice-Bereichs und ist jetzt Chef-PTA.

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