Teststrategie: Apotheker überzeugen Politik | APOTHEKE ADHOC
Modell Schittenhelm wird skaliert

Teststrategie: Apotheker überzeugen Politik

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Berlin -

Dr. Björn Schittenhelms Corona-Testprojekt wächst und wächst: Der Inhaber der Alamannen Apotheke in Holzgerlingen hatte als erster seiner Zunft ein eigenes Testzentrum auf die Beine gestellt – noch vor der Novelle der Testverordnung und mit Abrechnung über Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg. Damit hat er sich bei der lokalen Politik empfohlen: Im Auftrag des Landrates zieht er derzeit mit vier weiteren Apotheken ein Netzwerk von Testzentren auf und soll die Teststrategie des Landkreises Böblingen umsetzen. Sogar das Gesundheitsministerium des Landes ist hellhörig geworden.

Schittenhelms Testzentrum hat sich bisher bewährt. Seit dem 21. Dezember führt er in eigens angemieteten Räumlichkeiten in einem Gewerbegebiet Corona-Schnelltests im Minutentakt durch – und zwar sehr erfolgreich, wie er betont. „Wir haben bereits über 3000 Menschen getestet, von denen 57 positiv waren. Das sind 57 unterbrochene Infektionsketten“, betont er. Möglich mache das neben der engen Taktung vor allem die straffe Organisation von der digitalen Terminvergabe und Ergebnisübermittlung über Doctorbox bis zu den Abläufen vor Ort. So werden die Schnelltestergebnisse nicht nur innerhalb von Minuten per App an die Getesteten übermittelt, sondern im Falle eines positiven Ergebnisses auch in kürzester Zeit ein automatisierter Ablauf in Gang gesetzt.

Denn Schittenhelm hat auch ein Labor ans Testzentrum angeschlossen, das im Falle positiver Schnelltestergebnisse den bei ihm durchgeführten Abstrich sofort für einen rechtsgültigen PCR-test verwendet. „Ist der Schnelltest positiv, schicken wir die Probe direkt an das Labor und informieren per E-Mail die angeschlossene Schwerpunktpraxis. Das PCR-Ergebnis liegt dann meist innerhalb von ein paar Stunden vor. Die Praxis informiert dann den Patienten und das Gesundheitsamt. So sind in kürzester Zeit alle notwendigen Schritte abgeschlossen“, erklärt Schittenhelm. „Dieses Konzept ist bei uns einzigartig.“

Das sieht nicht nur er selbst so. Mit seinem Engagement hat er bleibenden Eindruck bei der lokalen Politik hinterlassen: Der Landkreis Böblingen hat Schittenhelm damit beauftragt, ein Netz aus Testzentren aufzubauen und eine umfassende Teststrategie für die Region zu organisieren. „Der Landrat war zur Eröffnung des Testzentrums bereits da und hat sich alles erklären lassen. Er war begeistert von unserem Modell und meinte, er hätte am liebsten vier bis fünf solcher Zentren in seinem Landkreis, um eine umfassende Teststrategie umsetzen zu können“, erinnert sich Schittenhelm. „Deshalb bin ich dann nach Weihnachten noch einmal an ihn herangetreten und habe ihn gefragt, ob er das ernst meinte.“ Das hatte er tatsächlich.

Also machte sich Schittenhelm an die Arbeit. Vier weitere Testzentren auf die Beine zu stellen, war ihm nicht möglich, dazu ist der Aufwand neben der eigenen Apotheke schlicht zu groß. „Also habe ich zum Telefonhörer gegriffen und Kollegen in der Region angerufen, die ich für sehr leistungsstark halte.“ Nach einigem Telefonieren und ein paar Absagen hatte er dann schnell sein Team zusammen: Die Bären-Apotheke von Inhaber Dr. Jochen Vetter in Herrenberg und die Paracelsus-Apotheke von Inhaber Jürgen Gaupp und Junior-Chef Michael Hult in Böblingen sind bereits an Bord, die Apotheke im Breuninger Land von Inhaberin Ulrike Herrmann in Sindelfingen und die H&H-Apotheke von Inhaberin Miriam Sachs in Leonberg wollen kommende Woche ihre Testzentren eröffnen – alle nach dem Schittenhelm-Modell. Bei ihm laufen entsprechend auch die Fäden zusammen. „Es hat einen großen Charme, das zentral zu organisieren. Ich übernehme federführend die Organisation, wir stellen das Know-how für die Testzentren und arbeiten alle mit denselben Abläufen, derselben Software und demselben Abrechnungsmodus“, sagt er. „Ich finde es gut, dass der Landkreis das einheitlich machen will.“

Denn so könnten auch die Kapazitäten viel besser ausgenutzt werden, betont er: So seien die Testzentren beispielsweise auch bei der Terminvergabe miteinander verbunden. Ist in einem davon kein Termin frei, müssen die Interessenten nicht warten, sondern können sich direkt anzeigen lassen, wo im Landkreis eventuell doch noch Platz ist. Auch die Übertragung der Ergebnisse erfolgt damit zentral. „Es ist ja auch für die Bürger viel praktischer, nicht fünf verschiedenen Systeme verstehen zu müssen, sondern – egal wo sie sich testen lassen – alles aus einer App heraus zu erhalten.“ Außerdem habe er die Abläufe im Testzentrum selbst noch weiter gestrafft.

Entsprechend zum Organisationsgrad steigt damit auch die Leistungsfähigkeit – und das macht das Schittenhelm-Projekt für die Politik interessant. Der Landkreis will über das Netz seine eigene Teststrategie umsetzen: So sollen von Kita-Personal über die Verwaltung bis Polizei und Feuerwehr alle systemrelevanten Mitarbeiter in ihnen getestet werden – „letztlich alle Mitarbeiter, die von Berufs wegen draußen unterwegs sein müssen“, sagt er. Sogar die Idee einer Reihentestung des gesamten Landkreises mit seinen 400.000 Einwohnern sei bereits im Gespräch gewesen.

Auch eine Etage höher hat Schittenhelm schon Interesse geweckt. „Die Politik ist bereits hellhörig geworden, unser Modell wurde Gesundheitsminister Lucha kommuniziert und er hat das sehr wohlwollend aufgenommen.“ Am Mittwochnachmittag finden erste Sondierungsgespräche mit dem baden-württembergischen Sozialministerium statt. Das will vorfühlen, inwieweit ein solches Modell nicht nur auf Landkreisebene möglich ist, sondern auf das gesamte Bundesland ausgerollt werden kann. „Da ist sehr viel politische Musik drin“, sagt Schittenhelm.

Denn da Böblingen-Modell ist auch flexibel: Schittenhelm entsendet mit Unterstützung des Deutsche Roten Kreuzes – das auch das Personal der Testzentren stellt – bereits Teams in Alten- und Pflegeheime, um vor Ort Testungen durchzuführen. Dabei ist das noch heikles Neuland – denn Schittenhelm rechnet bekanntermaßen über die KV ab und die Novelle der Corona-Testverordnung hat bei dem Thema bisher mehr Verwirrung gestiftet als dass sie Klarheit gebracht hätte. „Bisher haben wir ja die Betriebskosten erstattet bekommen, aber wir hatten ja keinen Ertrag. Jetzt kriegen wir 9 Euro pro Test plus 9 Euro Aufschlag, die Ärzte kriegen aber 15 Euro. Wir müssen das alles noch klären lassen – aber so lange können wir nicht warten“, sagt Schittenhelm. „Wir haben schon angefangen, unsere DRKler in die Pflegeheime zu schicken, ohne zu wissen, ob das so geht und die Finanzierung funktioniert. Wir haben eine Pandemie und ich will da nicht erst mit der KV rumverhandeln müssen.“

Ein Selbstläufer ist das Projekt also mitnichten. „Da muss man betriebswirtschaftlich auf Sicht fahren, das ist schon mit einem gewissen Risiko verbunden“, räumt er ein. Doch wichtiger sei es im Moment, sich praktisch einzubringen und sich als Berufsstand zu positionieren und einen spürbaren Beitrag zu leisten. „Wenn wir jetzt als Apotheken fünf Tests am Tag anbieten, ist das schöne PR, bringt aber nicht viel“, sagt er. „Deshalb appelliere ich an alle Kollegen: Bringt euch ein! Geht auf eure Gesundheitsämter zu und bietet Hilfe an, denn ohne gute Connections kommt so etwas nicht ins Laufen.“

 

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