Fehlende Fachkräfte, wenige Niederlassungen, wachsender Bedarf – die hausärztliche Versorgung steht unter Druck. Insbesondere in ländlichen Regionen sei die Versorgungslage oft schlecht. Um die Versorgung in unterversorgten Regionen künftig besser zu organisieren, hat die Digitale Facharzt- und Gesundheitsversorgungsgesellschaft (DFGVG) gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse (TK) ein Projekt gestartet. Geschulte Mitarbeiter – sogenannte digitale hausärztliche Versorgungsassist:innen, kurz DIHVA – sollen künftig mit einem Rucksack ausrücken und neben der Ersteinschätzung auch diagnostische Tests durchführen können.
Die DIHVA sollen eng mit den Praxen zusammenarbeiten und dort entlasten, wo es sinnvoll ist. So sollen sie eine strukturierte Anamnese durchführen und Vitalwerte messen, die zur Diagnose relevant sein könnten. Die Ärzte sollen dadurch mehr Zeit für die eigentliche Kernaufgabe erhalten: Untersuchungsergebnisse bewerten, Diagnose stellen und eine geeignete Therapie verordnen. Termine können telefonisch oder online gebucht werden.
Alles, was die DIHVA für ihre Arbeit brauchen, haben sie in einem großen Rucksack dabei. Dazu gehört unter anderem ein Tablet mit einer KI-basierten Software, die sie durch einen Anamnesefragebogen führt und daraus ableitet, welche Messungen die DIHVA im Anschluss durchführen sollen. Die DIHVA können mit ihrem Diagnostik-Rucksack dabei bis zu 50 medizinische Werte ermitteln, zum Beispiel Blutzucker, einen digitalen Urintest oder sogar ein EKG. „Allerdings werden nicht bei jedem Einsatz alle Werte ermittelt. Durch KI-Unterstützung werden nur die nach der Ersteinschätzung relevanten Daten erhoben“, erklärt Alexander Baasner, Geschäftsführer der DFGVG. Alles seien Maßnahmen, bei denen es keine großen Komplikationsrisiken gebe. Die Ergebnisse der Untersuchung werden digital an die Hausarztpraxis übermittelt.
In dem Rucksack kommen auch KI-Anwendungen zum Tragen: So auch in dem Multigerät, mit dem zum Beispiel ein Rachenspatel oder ein Stethoskop aufgesetzt werden kann. „Die KI schaut sozusagen während der Messung mit, damit die Bilder qualitativ ausreichend sind“, erklärt Baasner. Ist die Messung ausreichend, wird das der DIHVA auf dem Gerät durch einen grünen Haken angezeigt.
Insgesamt gebe es zwei Ausbildungswege: einen für bereits medizinisch vorgebildetes Personal und einen für nicht vorgebildetes Personal, erklärte Baasner weiter. „Für medizinisch nicht vorgebildete Personen dauert die Ausbildung 3,5 Monate, für medizinsch vorgebildetes Personal drei Wochen.“ Die Ausbildung umfasse fünf Kernbereiche: die Grundlagen und Rahmenbedingungen, medizinische Kompetenzen, digitale Kompetenzen, Kommunikation und Dokumentation und natürlich eine praktische Ausbildung im Umgang mit dem Diagnostik-Set. Am Ende der Ausbildung stehe eine dreiteilige Prüfung mit einem schriftlichen, praktischen und mündlichen Teil.
Das Interesse an der Ausbildung sei groß, allerdings brauche es natürlich immer erst die nötige Infrastruktur. „Wenn ich keine Praxis habe, bringt auch eine DIHVA wenig“, erklärt Baasner. Man arbeite eng mit den Kommunen zusammen. Er wolle die DIHVA gerne aus den Kommunen heraus vor Ort rekrutieren. Viele würden auch aus dem Ehrenamt kommen. „Das Konzept ist so gut, weil man diejenigen nimmt, die schon da sind“, pflichtete auch TK-Chef Jens Baas ein.
Die DIHVA sei manchmal bei den Ärzten eingestellt, manchmal bei den Kommunen, so Baasner. „Es hängt davon ab: Was brauchen wir vor Ort?“ Die enge Zusammenarbeit mit der Praxis sei aber immer nötig, schließlich liege die Verantwortung immer beim Arzt.
Baasner sieht großes Potenzial darin, das Modell auch in Apotheken zu bringen. „Wir sind in Gesprächen“, erklärte er auf Nachfrage. Auch hier sehe er von der Qualifikation her kein Problem.
In dem überwiegenden Teil der Fälle sei kein physischer Praxisbesuch im Anschluss mehr nötig. „60 Prozent der Fälle können abgeschlossen werden, ohne in die Praxis zu müssen“, betonte Baasner. Für Patientinnen und Patienten könnten so im Schnitt 80 Minuten Wegzeit eingespart werden. Doch auch die Ärztinnen und Ärzte haben eine enorme Zeitersparnis: Im Schnitt würden sie 12 Minuten pro Fall einsparen. Die DIHVAs brauchen etwa 20 bis 30 Minuten pro Patient.
Bisher kommen in Etteln und Olpe in Nordrhein-Westfalen insgesamt fünf DIHVA zum Einsatz, in der Region Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern zwei weitere. In den drei Regionen seien insgesamt bereits mehr als 1200 Einsätze gelaufen, berichtet Baasner.
Der größte Kostenpunkt ist die Anschaffung des Rucksacks. Je nach Ausstattung bewege man sich in einem Bereich von etwa 4500 Euro.
Die TK hat aktuell in den drei Regionen, in denen das Projekt bereits läuft, einen separaten Versorgungsvertrag geschlossen. Demnach zahlt die Kasse für jeden Einsatz 35 Euro und eine Pauschale von 188 Euro pro Monat für den Koffer. Dazu kommen noch Verbrauchsmaterialien, die extra erstattet werden. „Es geht nicht darum, wie wir Geld sparen können, sondern darum, wie kriegen wir Versorgung dahin, wo keine ist“, betonte Baas. Baasner sei dankbar für die Unterstützung der TK, idealerweise gehöre das Projekt aber künftig in die Regelversorgung.