Ein Forschungsteam der Anhui Universität in China hat einen überraschenden Zusammenhang zwischen Tinnitus und dem Glückshormon Serotonin aufgedeckt. In ihrer Untersuchung an Mäusen konnten sie zeigen, dass der Botenstoff eine unerwartete Wirkung im auditiven Bereich des Gehirns entfaltet.
Fast jeder kennt es: ein hohes Fiepen im Ohr, das nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Oft ist der Grund eine kurze Überlastung oder Durchblutungsstörung. Verschwindet das Ohrgeräusch jedoch nicht nach ein paar Sekunden oder Minuten wieder, kann es sich um einen Tinnitus handeln.
Dieser kann im Alltag stören, das Einschlafen erschweren oder die Konzentration beeinträchtigen. Zudem wird zwischen dem akuten Tinnitus, der seit weniger als drei Monaten besteht, und dem chronischen Tinnitus unterschieden, der länger als drei Monate andauert.
Ein internationales Forschungsteam um die Neurowissenschaftlerin Meng-Ting Yu von der Anhui University in China – in Kooperation mit der Oregon Health & Science University – hat nun einen überraschenden Zusammenhang mit Serotonin aufgedeckt.
Im Rahmen der Studie „A discrete serotonergic circuit involved in the generation of tinnitus behavior“ konnten die Forschenden beobachten, dass eine erhöhte Serotonin-Konzentration die Aktivität im Hörzentrum des Gehirns massiv verstärkt.
In ihrer Untersuchung an Mäusen wiesen die Wissenschaftler:innen nach, dass der eigentlich für Wohlbefinden zuständige Botenstoff im auditiven Bereich des Gehirns das Gegenteil bewirkt: Er löste bei den Tieren ein ständiges Pfeifen im Ohr aus. Die Mäuse verhielten sich daraufhin so, als würden sie ein störendes Phantomgeräusch wahrnehmen – ein typisches Anzeichen für Tinnitus.
Daraus schlussfolgerten die Forschenden, dass Medikamente, die den Serotoninspiegel anheben – wie etwa bestimmte Antidepressiva –, bei einigen Menschen Ohrgeräusche unfreiwillig verstärken oder sogar erst auslösen können. Als es dem Team gelang, die entsprechenden Serotonin-Signalwege im Gehirn der Mäuse gezielt zu deaktivieren, verringerten sich die Tinnitus-Anzeichen deutlich.
„Tinnitus, eine weit verbreitete Hörstörung, die mit einem dysregulierten serotonergen System in Verbindung gebracht wird, weist bisher kaum verstandene neuronale Schaltkreise auf“, erklären Yu und ihr Team. „Mithilfe modernster neurowissenschaftlicher Methoden enthüllt unsere Studie einen spezifischen Schaltkreis, der Tinnitus in hyperserotonergen Zuständen antreibt.“
Diese Ergebnisse würden die Rolle von Serotonin bei der Modulation sensorischer Hirnareale unterstreichen. „Unsere Arbeit fördert das Verständnis von Tinnitus und deutet auf gezielte Interventionsmöglichkeiten hin“, betont Yu.
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