Nachtdienstgedanken

„Sie sind schuld, wenn ich sterbe!“

, Uhr
Berlin -

Es ist wieder eine dieser Nächte. Draußen ist es besonders dunkel, der Regen prasselt an die Fenster und der Wind bläst so heftig, dass die Rolläden am Nachtdienstzimmer klappern. So dunkel wie die Nacht sind auch meine Gedanken. Gerade bin ich erschrocken aufgewacht. Ich bin voller Zweifel und in einem Gewissenskonflikt. Habe ich vorhin richtig entschieden? Ich stehe auf und laufe in die Rezeptur, aufgelöst erzähle ich meinem treuen Freund, der Fantaschale Max, meine Gedanken.

„Er will mir nicht aus dem Kopf gehen, dieser Satz: ‚Sie sind schuld, wenn ich sterbe!‘, hatte mir eine Kundin entgegnet und die Kundenkarte auf den Tresen geworfen, ‚die brauche ich dann auch nicht mehr‘, brüllte mir die Frau entgegen.“ Aber was hast du denn gemacht, fragt Max. Hast du etwas Falsches abgegeben oder eine Wechselwirkung nicht beachtet? „Nein“, antwortete ich. „Ich habe der Dame das verschreibungspflichtige Medikament nicht mitgegeben.“

Dann hast du doch alles richtig gemacht, zischt Max, ich weiß gar nicht was du hast? „Dieser Gewissenskonflikt frisst mich auf. Ich wollte doch so gerne helfen. Apothekerin ist für mich doch kein Beruf, sondern eine Berufung, ich will doch den Menschen helfen und niemanden töten. Das nagt sehr an mir.

Natürlich weiß ich, dass ich ohne Rezept kein verschreibungspflichtiges Medikament abgeben darf. Was ich machen will und darf, sind zwei verschiedene Paar Schuhe.“ Nun beruhige dich doch erstmal. Was ist denn genau passiert?, fragt Max.

Es war Freitagabend, kurz bevor mein Nachtdienst begann. Frau Meier von nebenan kam in die Apotheke und bat um ihr Blutdruckmedikament. Ein Rezept habe sie nicht, aber das sei ja nicht so schlimm, schließlich bekommt sie das Arzneimittel ja schon seit drei Monaten, da könnte ich ihr ja aushelfen. Am Montag bringt sie ein Rezept, dann ist der Arzt auch aus dem Urlaub zurück. Das wäre ja kein Problem. Leider musste ich ihr mitteilen, dass ich das nicht darf und mich, wenn ich ihr das Medikament gebe, strafbar mache.

Aber das bleibe doch alles unter uns und wäre ja nur eine Ausnahme. Ich soll nicht so streng sein, mahnte sie, ‚nur ein Streifen‘. Aber ich blieb hart, verwies sie an die Arztpraxis um die Ecke, die am Samstag bis zum Mittag geöffnet hat, das Krankenhaus oder den kassenärztlichen Notdienst. Aber das lehnte sie ab, ich solle mich nicht so haben. Ich sagte ich könne meine Koffer packen und im schlimmsten Fall meinen Job oder gar die Apotheke verlieren. Aber Frau Meier stellte sich stur. Was wäre denn wichtiger: ihr Leben oder mein Job?

Wutentbrannt verließ die Kundin die Apotheke und warf mir die Kundenkarte entgegen. „Die brauche ich dann auch nicht mehr! Wozu war die eigentlich gut?“, rief sie noch. „Ich wünsche Ihnen eine besonders schlechte Nacht!“ Das ist zumindest eingetreten.

Die nächste Kundin in der Schlange war eine Ärztin, „Ich habe das eben mitbekommen. Sie haben alles richtig gemacht. Hätten Sie der Frau das Medikament gegeben, hätte ich sie im Übrigen angezeigt.“ Da fiel mir ein Stein vom Herzen, meine schlimmsten Vermutungen hätten wahr werden können. Da hast du es doch, rief Max, du hast alles richtig gemacht.

Ja, ich habe mich richtig – gesetzeskonform – verhalten. Aber dennoch konnte ich nicht helfen, die Folgen könnten nun verheerend sein. Auch wenn es nicht meine Schuld ist, dass sich Kunden nicht rechtzeitig um ein neues Rezept kümmern, bin ich diejenige, die es abbekommt. Am Ende ist immer die Apotheke schuld. Aber was wenn ich einmal eine Ausnahme mache? Wird es dann zur Normalität? Nein, ich muss hart bleiben. Was Recht ist, muss Recht bleiben. Ich bin schließlich kein Arzt. Reicht man einmal den kleinen Finger …

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