Nachtdienstgedanken

Können Sie mir ein Kondom empfehlen?

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Berlin -

Wenn der Notdienst mit 24/7-Shopping verwechselt wird, flippe ich aus. Nachdem ich regelmäßig wegen angeblich dringend benötigter Dinge wie lactosefreier Milch geweckt werde, soll ich nun auch nachts zu Kosmetika und Kondomen beraten. Nur, damit die Liebste nicht sauer wird.

Meine Freude am Notdienst hält sich in Grenzen. Die Woche war sehr anstrengend, zwei Kollegen waren krank und ich musste die Vertretung übernehmen. Das heißt, ich musste bis Dienstschluss arbeiten – und auch mein freier Tag ist flöten gegangen. Ich bin sehr gereizt und ein Funken könnte mich zur Explosion bringen.

„Apothekerin zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen“ sagt Max. Vielen Dank, dass hätte ich jetzt sonst nicht gewusst. „Da musst du auch auf deine Freizeit verzichten, so ist es nun mal.“ Max, du bist ein wahrer Motivationsbooster. Das nächste Mal sperre ich dich zu den Teedrogen, dann kannst du sehen, was dir als Allergiker so passiert!

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich habe bis dato schon 35 Kunden bedient. Amoxicillin-Tabletten sind jetzt definitiv alle. Der nächste, der sie braucht, bekommt halt einen Kindersaft. Schmeckt doch eh besser! Ich bin sehr erschöpft, am liebsten würde ich nach Hause gehen. Nach einem Nickerchen klingelt es wieder an der Tür. Es kommt mir so vor, als hätte ich einen Verstärker in meinem Gehirn. Ich sehe aus wie ein Waschbär auf Drogen. Aber auf Äußerlichkeiten sollte es bei Notfällen nicht mehr ankommen, so mein Gedanke.

Ich eile zur Notdienstklappe, um meinen Nervenzellen nicht schon wieder dem Lärm auszusetzen. Ein Mann sieht mich hoffnungsvoll an. „Ich brauche dringend ein Geschenk für meine Freundin. Keine Ahnung, Kosmetik oder so?!“ Morgen sei ihr Jahrestag und er habe nicht dran gedacht. „Sie redet einen Monat nicht mit mir, wenn ich das vergesse!“

Traditionell würden sie sich die Geschenke am Frühstückstisch übergeben. „Ich werde Sie ganz bestimmt nicht nachts um 2 Uhr zu Kosmetik beraten! Ich werde Ihnen auch nichts verkaufen!“ Meine Stimme wird lauter und lauter. Ich werde aus dem Schlaf geweckt, weil jemand noch ein Geschenk braucht? Ich sehe hier keinen Notfall. „Gehen Sie zur Tankstelle oder verschenken Sie einen selbstgebastelten Gutschein!“ Immerhin schlage ich ihm was vor, obwohl ich mich kaum beherrschen kann.

Ich dachte, ich hab den Fall soweit abgearbeitet. Nein, er braucht noch ein Verhüterli. „Können Sie mir ein Kondom empfehlen?“ Beratungsauftrag hin oder her, welches Produkt soll ich ihm denn empfehlen? Muss er nicht selbst wissen, was er als angenehm empfindet? Gleich will er noch, dass ich es individuell anpasse. Hab ich doch gar nicht im Studium gelernt. „Patientenindividuelles Anpassen von Medizinprodukten ist doch laut ApBetrO eine apothekenübliche Dienstleistung“, kommentiert Max. Ja klar, muss doch alles gut sitzen. Ich werde heute noch wahnsinnig.

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