Nachtdienstgedanken

Mama, warum musst du an Heiligabend arbeiten?

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Berlin -

Freudengeschrei in der Apotheke: Ich muss den heiß begehrten Notdienst an Heiligabend übernehmen. Ganz alleine stehe ich nun in der Apotheke, gute Laune hat hier gerade nur der leuchtende Weihnachtsmann im Schaufenster.

Jedes Jahr die gleiche Situation, die Feiertage nahen und irgendwann kommt die Frage: Wer wird diesmal mit fehlerhaften Rezepten aus der Klinik beschert? Da wir uns im Team nicht einigen konnten, mussten wir auslosen. Und wer hat das große Los gezogen? Natürlich ich. „Meine Lieblingsapothekerin schafft das schon“, sagt Max und versucht mir Mut zu machen.

Doch dieser Notdienst fällt mir sehr schwer. Als ich heute das Haus verlassen habe, hat mich mein 6-jähriger Sohn Elias so fest umarmt, er wollte mich gar nicht loslassen. Mit Tränen in den Augen sagte er: „Mama, warum musst du an Heiligabend arbeiten?“ Er könne es nicht verstehen, schließlich müssten Christophs und Dominiks Mutter auch nicht arbeiten. Lieber Elias, ich muss heute arbeiten, weil kranke Menschen Medikamente brauchen.

Ich versuche mich zusammenzureißen, dann klingelt auch schon das Telefon. Ein Dr. Kramer von der umliegenden Klinik möchte wissen, ob ich einen Ciprofloxacin-Saft da habe. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Apotheken dieses Arzneimittel oft nicht an Lager haben.“ Leider muss ich passen. „Kann ich Ihnen beziehungsweise wollen Sie mir eine Alternative vorschlagen?“, frage ich.

Wir einigen uns dann nach einem kurzen fachlichen Austausch auf ein vorrätiges Antibiotikum einer anderen Gruppe. „Frohe Weihnachten!“, wünscht er mir dann noch. Mir wird bewusst, dass ich nicht die Einzige bin, die an Heiligabend arbeiten muss. Vielleicht hat Herr Dr. Kramer ja auch eine Familie und vermisst seine Kinder?

Kevin schreit, als zwei Einbrecher ins Haus eindringen wollen. Max ist im Nachtdienstzimmer und folgt dem Film mit großem Interesse. Dass er schon die ganze Tafel Schokolade verschlungen hat, ist ihm gar nicht aufgefallen. Der Klassiker ist wohl jedes Jahr aufs Neue spannend und witzig. Kaum will ich mich hinsetzen, klingelt es an der Tür. Ich kann meinen Augen nicht trauen, Elias steht mit seinem Papa vor der Tür. Ich bin zunächst kritisch, ist etwas passiert?

Elias gibt mir ein selbstgebasteltes rosafarbenes Rezept in die Hand. „Papa hat gesagt, bei rosa Rezepten darfst du nicht ‚Nein‘ sagen.“ Als ich die Zeilen gelesen habe, kommen mir die Tränen: „Bescherung mit Mama und Papa in der Apotheke“, schrieb er mit leserlichen, großen Buchstaben, daneben ein geschmückter Tannenbaum. Mit Glück erfüllt lasse ich beide schnell rein und nehme den handgroßen Christbaum aus dem Schaufenster mit ins Nachtdienstzimmer, den ich dann unter drei alten Arzneibüchern platziere. Elias legt die Geschenke drunter und schaut mich an: „Frohes Fest Mama!“

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