Video-Interview Sascha Lobo

„Apotheken sollten sich kopfüber hineinstürzen“

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Berlin -

In weniger als zehn Jahren hat das Smartphone die Welt grundlegend verändert. Für Sascha Lobo steht die Digitalisierung jedoch erst am Anfang. Der Buchautor und Kolumnist bei Spiegel Online gehört zu den wichtigsten Vordenkern in diesem Bereich. Im Video-Interview mit APOTHEKE ADHOC erklärt er, welche Bedeutung der „Plattform-Kapitalismus“ für die Apotheken haben könnte und warum auch die Pharmazeuten die Pflicht haben, den digitalen Wandel mitzugestalten.

ADHOC: Wie digital ist das Gesundheitswesen und wie digital kann es sein?
LOBO: Die digitale Vernetzung kann sehr weitreichende Konsequenzen für die Gesundheitswirtschaft haben. Und zwar vor allem deswegen, weil immer neue gesundheitsrelevante Datenströme ins Spiel kommen, zum Beispiel über die „Sensorenschleuder“, die wir als Smartphone kennen. Und durch diese Datenströme muss man sich immer wieder neu entscheiden: Möchte ich in diesen Bereich der Gesundheitswirtschaft Effizienz bringen, Effizienz durch Vernetzung, Effizienz durch Daten – oder möchte ich das vielleicht bewusst nicht tun.

ADHOC: Kann man sich der Entwicklung überhaupt entziehen?
LOBO: Digitale Transformation heißt, dass sich ganz viele Bereiche der Gesellschaft ins Digitale verschieben. Digitale Gesellschaft heißt, dass auch Daten Teil der Gesellschaft sind. Datenschutz ist daher so ein Begriff, der in vielen Fällen zu kurz greift. Es gibt keine Alternative zur digitalen Gesellschaft. Man ist nicht alleine auf der Welt und kann alleine entscheidet.

ADHOC: Das heißt, ich muss als Patient meine Datenhoheit im Gesundheitsbereich aufgeben, wenn es entsprechende Angebote gibt?
LOBO: Es gibt heute in Deutschland zwei Arten von Menschen: diejenigen, deren Leben das Internet verändert hat, und diejenigen, die nicht wissen, dass ihr Leben vom Internet verändert worden ist. Natürlich habe ich in vielen Bereichen keine Wahl. Das hört sich ganz grauenvoll an, aber es ist tatsächlich auch belegbar ein Element des Fortschritts, dass die Gesellschaft vorangeht und der Einzelne auf einmal mitmachen muss. Patientendaten sind heute Teil der digitalen Vernetzung und zwar für alle, egal ob man sich dem gerne entziehen würde oder nicht.
Über die Art, wie man die großen Vorteile der digitalen Vernetzung nutzen kann, muss gesprochen werden.

ADHOC: Werden Arzt und Apotheker zum Statisten, wenn Big Data die Steuerung der Versorgung übernimmt?
LOBO: Die Gesundheitswirtschaft muss insgesamt darüber nachdenken, was mit diesen neuen Datenströmen geschieht und wie man sie weiter verarbeitet und wie man sie verarbeiten sollte. Im September 2015 ist in den USA das allererste digitale Medikament zugelassen worden. Das ist eine Pille mit einem Sensor, der meldet, wenn er in Kontakt mit Magensäure kommt. So kann man nachvollziehen, dass das Medikament geschluckt wurde. Daraus kann ich eine Vielzahl von verschiedenen positiven wie negativen Entwicklungen ableiten: Dass Patienten ihre Medikamente nicht einnehmen, ist für Ärzte und Apotheker mit das größte Ärgernis. Ich kann nun kontrollieren, dass die Person tatsächlich dreimal am Tag ihre Tablette eingenommen hat und zwar immer um die richtige Uhrzeit.
Ich kann aber auch sagen, wir bestrafen diejenigen, die ihre Tabletten nicht rechtzeitig nehmen. Und auf einmal habe ich so ein Kontroll- und Sanktionsinstrument. Wir sind also mitten in einer gesellschaftlichen Diskussion darüber, welche Effizienz der Datenströme man heben sollte und welche man nicht heben sollte. Darauf müssen wir uns vorbereiten und darauf muss sich speziell die Gesundheitswirtschaft vorbereiten.

ADHOC: Ist das Risiko im Gesundheitswesen nicht groß, dass ein kranker Patient leichter die Kontrolle über seine Daten aufgibt?
LOBO: Es ist schon heute so, dass Daten und Gesundheitswirtschaft auf Engste miteinander verknüpft sind. Insofern entscheiden sich schon heute Menschen mit einer schweren Krankheit, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Neu ist Qualität der Daten: Wie oft und wie intensiv ich mich bewege, kann man über Wearables ganz genau sagen. Wie oft stehe ich am Tag auf, wie oft gehe ich wohin, wieviel bewege ich mich, wieviel Kalorien verbrenne ich. Diese Daten sind aus meiner Sicht, nicht nur für Kranke, sondern auch und eben gerade für Gesunde etwas, was die Kontrolle oder die Kontrollmöglichkeiten intensiviert. Im Guten wie im Schlechten.

ADHOC: Von Ihnen stammt der Begriff „Plattform-Kapitalismus“. Können Sie das mal in den Bereich Apotheke übersetzen?
LOBO: „Plattform-Kapitalismus“ ist eine Entwicklungsstufe der Wirtschaft: Digitale Plattformen sind in der Lage, ganze Märkte aufzurollen – und zwar nicht nur Märkte, die hochdigital sind, sondern auch Märkte, die direkte Anknüfpung in die dingliche Welt haben. „Uber“ ist so ein Beispiel. Solche Plattformen finden fast überall statt und durchaus auch auf überraschende Art und Weise.
Ich kann nicht hundertprozentig sagen, wie die große Plattform im Bereich der Apotheken aussehen wird. Aber auch hier gelten die Muster des Plattform-Kapitalismus. Ein Beispiel, wie es sein könnte, aber nicht zwingend sein muss, ist genau diese digitale Medizin: Wenn ein Anbieter die Nutzer überzeugen kann, dass diese Sensoren in ihrem Medikament integriert haben wollen, dann ist da auf einmal jemand, der die direkte Kundenbeziehung mit kontrolliert, der Daten hat, die hochwertvoll sind, die eine riesige Effizienz versprechen und der man sich zum Beispiel als Pharmahersteller oder als Apotheker beugen muss.
Der Druck seitens der Kunden wird auch das Gesundheitswesen erfassen: Es wird mehr Leute gebe, die total überzeugt davon sind, dass sie Krankheit A haben und Mittel B möchten – auch wenn ihnen Arzt oder Apotheker etwas anderes sagen. Der Druck ist vorhanden und kann durch solche Plattformen noch deutlich verstärkt werden. Und plötzlich hat man keine andere Wahl, weil die Sensoren zum Beispiel dank des Sparvorteils Medikamente billiger machen können.

ADHOC: Wie können sich Apotheker dem stellen? Welche Aufgaben haben sie dann noch?
LOBO: Aus meiner Perspektive kann man sich gegen die Entwicklung des „Plattform-Kapitalismus“ nicht prinzipiell wehren. Man kann diesen Fortschritt nicht aufhalten. Ungefähr wie bei der Globalisierung auch. Daraus ergibt sich eine Pflicht, sie mitzugestalten. Nach bestimmten Werten, die man für wichtig hält. Und diese Mitgestaltung fängt damit an, sich sachkundig zu machen. Zu schauen, was gibt es da für Entwicklungen, was passiert da eigentlich gerade. Wo kommt die digitale Vernetzung in unsere Geschäftsmodell hinein.
Versandapotheken gibt es schon seit 15 Jahren. Neu ist, dass Effizienz durch Vernetzung gehoben werden kann. Dass man ganz andere Datenströme hat. Dass man auf einmal über Patienten viel mehr weiß, als noch vor einigen Jahren, und dass die Patienten sogar bereit sind, diese Daten auch zu teilen, wenn sie ein vertrauenswürdiges Gegenüber haben, das ihnen einen Vorteil verspricht.
Ich glaube also, die Apotheken sollten sich kopfüber hineinstürzen – nicht blindlings, aber schon kopfüber – und schauen, was passiert da, wie können wir daran teilhaben. Wo sind Plattformmodelle, die für unseren Markt entscheidend sein können.

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