ApoRetrO

Peinliche Panne bei ABDA-Kampagne

, Uhr
Berlin -

Die Apotheker kämpfen für ein Rx-Versandverbot, das wird ein heißer Ritt. Die Politik ist skeptisch, die Publikumspresse sehr kritisch gestimmt. Jeder Schachzug will gut überlegt sein, gleichzeitig drängt die Zeit. Ausgerechnet jetzt ist bei der ABDA-Kampagne ein folgenschwerer Fehler unterlaufen.

Es begann mit einem Übersetzungsfehler vor dem EuGH: DocMorris hatte vorgetragen, nach dem Rx-Boni-Verbot 40 Prozent Neukunden verloren zu haben. Doch offensichtlich haben die Luxemburger Richter verstanden, die niederländische Versandapotheke habe 40 Prozent ihrer Kunden verloren. Anders lässt sich ihre vermeintlich gleichmachende Parteilichkeit nicht erklären, mit der DocMorris erlaubt wird, was in Deutschland illegal ist.

Jetzt muss der deutsche Gesetzgeber sehen, wie er auf dieses Urteil reagiert, damit es nicht zum Todesurteil für die flächendeckende Versorgung wird. Obwohl die Entscheidung für viele überraschend kam, war die ABDA vorbereitet. Wenigstens ein bisschen. Einer prophylaktischen Resolution und einem Moment des Innehaltens folgte die Ansage, nunmehr „aus allen Rohren“ zu schießen.

Die Kampagne wurde gestartet: Erst wurden Anzeigen in jenen Tageszeitungen geschaltet, die tags zuvor frohlockt hatten, dass es den Apothekern nun endlich an den Kragen gehe. Im zweiten Schritt wurden die Apotheken mit Material ausgestattet: einem doppelt gefalteten Poster und sieben Postkarten zum Verschicken an dann womöglich besorgte Abgeordnete. Viele Apotheker wunderten sich über das gewählte Motiv: ein Karabinerhaken. Die meisten von ihnen waren noch nie im Hochgebirge klettern, hätten einen Bezug zum Apothekennotdienst in der Bildsprache für zielführender gehalten.

Jetzt kommt heraus: Der Karabiner mit dem Claim „Sichern.“ ist Teil einer Imagekampagne des Deutschen Alpenvereins (DAV). Die beauftragte Agentur hatte von der ABDA nur eine kurze SMS erhalten: „Feuer frei.“ Weil die Telefonnummer offenbar unter „DAV“ abgespeichert war, dachte bei der Agentur niemand an den Apothekerverband. Und deshalb müssen die Apotheker ihren Kunden jetzt erklären, warum sie auf Bergtour sind und der Weg zum Gipfel noch weit ist und wer in der grünen Gondel sitzt.

Zum Glück arbeiten hinter dem HV-Tisch fast ausschließlich Kommunikationsexperten, die aus der Kampagne schon etwas machen werden. Und es gibt ja durchaus Parallelen zwischen DAV und DAV. Der Alpenverein listet 20.000 Übernachtungsplätze und zwei Millionen Tagesgäste mit 800.000 Übernachtungen. Die über den Daumen 20.000 Apotheken leisten jedes Jahr 484.000 Nacht- und Notdienste und sehen jedes Jahr 3,6 Millionen Menschen.

Vielleicht sollte die ABDA einfach dabei bleiben, den Karabiner – nach dem Vorbild des DAV – durch Edelweiß ersetzen und „Sichern.“ durch „Schützen.“ Könnte beim Pharmacon in Schladming vorgestellt werden. Der Claim der des anderen DAV lautet übrigens: „Wir sind Bergsportler. Wir sind Naturschützer. Wir sind viele.“ Auch das ließe sich ohne viel Phantasie auf die Apotheke übertragen.

Stattdessen schafft es vielleicht schon bald der erste Fall von Rx-Boni einer deutschen Apotheke vor das Bundesverfassungsgericht – Stichwort Inländerdiskriminierung. Bezeichnend, dass es in dem Verfahren um Brötchen ging. Und als wäre der EuGH-Ärger nicht genug, rechnet die ARD mit einem halbseidenen Job-Futuromaten aus, wie viele Tätigkeiten in der Apotheke heute schon von Maschinen übernommen werden könnten. Als besonders austauschbar gelten demnach PTA – eine Erkenntnis, die wenige Inhaber teilen dürften. Ideen gibt es natürlich, was man in der Apothekenbranche alles automatisieren könnte.

Zum Glück werden PTA in Wirklichkeit dringend benötigt. Vor allem, wenn sich einige auch noch in Richtung Kripo verabschieden. Deshalb ist es ein gutes Signal, dass es in Hamburg jetzt eine neue PTA-Schule gibt.

Erfreuliche Nachrichten ebenfalls aus Leipzig: Die angehenden Apotheker studieren künftig mit den Ärzten zusammen, so dass der Standort grundsätzlich erhalten bleibt. Das bislang selbstständige Pharmazeutische Institut wird in die medizinische Fakultät integriert. Der späteren Zusammenarbeit zwischen Praxis und Offizin kann das sicher nicht schaden.

Immer unter der Voraussetzung, dass es die Apotheke um die Ecke dann noch gibt. Damit der Alpenverein nicht die ganze Arbeit allein machen muss, hat eine Apothekerin aus Siegen auf eigene Faust eine Unterschriftenkampagne zum Erhalt der wohnortnahen Apotheke gestartet. Damit will sie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) unterstützen. Und ihre Kollegin ist überzeugt: „Keiner weiß, was Apotheken leisten.“

Der Minister hat sein geplantes Rx-Versandverbot aber nun zunächst aus der Schusslinie genommen und vom AM-VSG abgekoppelt, was vermutlich besser so ist. Andererseits: Eine Lex DocMorris könnte für Gröhe öffentlich zum Problemfall werden. Kabinettskollege Sigmar Gabriel (SPD) spielt dagegen auf Zeit. Sein Wirtschaftsministerium will erst noch ein bisschen prüfen, denkt aber über einen „Nachteilsausgleich“ für die Apotheker nach. Die ABDA sammelt derweil schlechte Erfahrungen Dritter mit Versandapotheken.

Eine große deutsche Versandapotheke hat ganz andere Sorgen: Bei Sanicare geht es um die Entflechtung der OHG und ein familienrechtliches Verfahren, das existenzbedrohende Züge hat. Vor Gericht landen könnten nach Ansicht zweier Experten auch Apotheken, die „ihrem“ Pflegeheim das kostenlose Verblistern anbieten. Das Anti-Korruptionsgesetz könnte hier greifen, heißt es in einem Gutachten.

Nun aber zum eigentlichen Star dieser Woche: Wilfried Hollmann ist im Spätherbst seiner Genossenschaftskarriere noch ein echter Coup gelungen: Seine Noweda übernimmt den privaten Pharmagroßhändler Ebert+Jacobi. Für Pharma Privat ist das ein schwerer Schlag, der die verbliebenen Privaten noch enger zusammenrücken lässt. Auch Phagro-Chef Dr. Thomas Trümper ist überzeugt, dass die Übernahme den Markt verändern wird.

Der Ebert+Jacobi-Chef Ralph-D. Schüller hat sich die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. Seine Erklärung: „Der Marktdruck war entscheidend.“ Und AEP-Chef Jens Graefe zufolge hat der private Pharmagroßhandel zwar viele Fans, aber eben auch zwei Probleme.

Zum Abschluss noch ein schneller Ritt durch den Markt: Almased hat wieder eine Apothekerin, Aldi hat Wärmepflaster von Gothaplast und die ARD hat – nichtautomatisierte – Apotheken getestet. Ganz zum Schluss eine positive Meldung: Kapsel-Rezepturtest bestanden. Glückwunsch! Schönes Wochenende!

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Mehr zum Thema
Medikamentenliste und Wechselwirkungen
Apotheken haben drei Tage Zugang zur ePA
Von Rheinland-Pfalz nach Hessen
Schließung: Mit 20 Angestellten zum Protest
Mehr aus Ressort
“Ich will Lauterbach überleben”
Filiale als Apotheken-Back-up

APOTHEKE ADHOC Debatte