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Kommentar

Wie geht‘s weiter, Bayer?

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Berlin -

Image im Keller, Aktie auf Talfahrt: Bayer steckt in der Krise. Die Übernahme von Monsanto hat die Anleger verunsichert. Das Letzte, was der wankende Riese jetzt noch gebrauchen kann, ist schlechte Presse über tödliche Nebenwirkungen – allzumal bei einem pflanzlichen Produkt, das im Konzernmaßstab keine Rolle spielt. In Leverkusen wird man sich ernsthaft überlegen, ob man dem grünen Spuk ein schnelles Ende macht.

Als Bayer 2014 den Darmstädter Hersteller Steigerwald für den Rekordpreis von 218 Millionen Euro kaufte, standen die Vorzeichen noch auf Grün. Weltmarktführer im OTC-Bereich wollte der damalige Konzernchef Marijm Dekkers werden. Und mit Iberogast & Co. sowie den Produkten des chinesischen Herstellers Dihon auch der alternativmedizinischen Klientel ein neues Zuhause geben.

Doch zwei Jahre später stellte Dekkers Nachfolger Werner Baumann die gesamte Strategie auf den Kopf. Agrar statt Apotheke, lautete nun die Devise: Rund 66 Milliarden US-Dollar legte Bayer für den US-Saatgutriesen Monsanto auf den Tisch. Also ziemlich genau das 300-Fache dessen, was für Steigerwald bezahlt wurde.

Dass jetzt nach Glyphosat ausgerechnet Iberogast – quasi auf der anderen Seite des Spektrums – in die Schlagzeilen geraten würde, ist für den Konzern ein Desaster. „Wie gefährlich ist Iberogast?“, titelte die Bild-Zeitung. Doch die aktuellen Negativmeldungen sind vermutlich erst der Anfang: Mit dem Warnhinweis im Beipackzettel und den öffentlichen Mahnungen ausgerechnet aus der grünen Ecke sind die Risiken bei Ärzten, Apothekern und Verbrauchern gerade erst ins Bewusstsein gerückt. Es muss davon ausgegangen werden, dass in Zukunft vermehrt Fälle von Leberschäden oder Schlimmerem gemeldet werden. Die Umsätze sind bereits rückläufig, nicht im Versandhandel, aber in den Vor-Ort-Apotheken.

Bis zuletzt hatte man in Leverkusen versucht, Negativ-Publicity an einer zweiten Front zu vermeiden. Nun trifft es den Konzern mit umso größerer Wucht: Bayer, ist das nicht der Hersteller, der erst nach einem Todesfall seinen juristischen Widerstand gegen einen behördlich vorgeschriebenen Warnhinweis aufgibt und Patienten über die Risiken der Einnahme informiert? Wieder einmal ist die Kommunikationsstrategie gescheitert.

„Iberogast wird Bayer wachrütteln“, ist ein Branchenkenner überzeugt. Denn auch wenn der Konzern hierzulande der führende OTC-Hersteller ist: In der Welt von Monsanto & Co. sind Erlöse von 312 Millionen Euro regelrecht „Kleinkram“. Gut möglich, dass man sich in Leverkusen demnächst selbst eingesteht, dass man Chemie- und Pharmakonzern, aber eben kein OTC- oder gar Phytohersteller ist. Dass die wenigsten Verbraucher an eine „sanfte“ Seite glauben, wenn man mit Pflanzengift und genmanipuliertem Saatgut den Großteil seines Geschäfts macht.

Bayer ohne Aspirin, das kann man sich heute kaum vorstellen. Doch Konzerne sind dynamischer geworden, Boehringer etwa war vor nicht allzu langer Zeit bereit, sich von seiner nicht minder geschichtsträchtigen OTC-Sparte zu verabschieden. Auch Bayer könnte bei einem Verkauf ein gutes Geschäft machen. Bei der Finanzierung des Monsanto-Deals hatte sich der Vorstand noch gegen seine Kunststoffe und für die Selbstmedikation entschieden. Jetzt könnte die Zeit gekommen sein, sich zumindest von einigen Produkten zu verabschieden.

In Deutschland wäre das vergleichsweise einfach: 80 Prozent der Umsätze werden mit vier Marken erzielt, das hat das Geschäft profitabel, aber auch risikoreich gemacht. Die Rechnung im Fall Iberogast ist einfach: 50 Prozent der Negativschlagzeilen für 0,66 Prozent des künftigen Pro-Forma-Konzernumsatzes. Kein guter Schnitt. Die Stunde der Entscheidung ist da.

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