Reimporteure

Eurim: Arzt-Geschäfte mit Mohringers Apotheke

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Berlin -

Nicht alle Apotheker zieht es in die Offizin. Einige Kollegen machen in der Industrie Karriere – und manche sind sogar so erfolgreich, dass sie es bis an die Spitze schaffen. Andreas Mohringer hat mit Eurim einen der führenden Reimporteure aufgebaut und ein Vermögen gemacht. Doch so ganz loslassen konnte er offenbar nicht: Bis heute betreibt er nebenher eine Apotheke – auch um Ärzte mit Eurim-Ware beliefern zu können.

Mohringer wird 1945 als Sohn einer deutschen Mutter und eines österreichischen Vaters im westfälischen Bad Salzuflen geboren. Die Familie zieht mehrfach um: Duisburg, Hildesheim, Hegau am Bodensee. In den 1960er Jahren studiert Mohringer in Freiburg Pharmazie. Danach zieht es ihn nach Nordrhein-Westfalen zurück.

1975 steht er erkältet in einer englischen Apotheke und kann kaum glauben, welche Preisunterschiede es bei Arzneimitteln innerhalb Europas gibt. Der Hustensaft Benadryl kostet nur einen Bruchteil dessen, was für das deutsche Pendant fällig wird. Mohringer ist nicht der Einzige, dem aus dieser Erkenntnis eine Geschäftsidee kommt: Schon ein Jahr zuvor bringt die niederländische Firma Centrafarm vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) erstmals Einfuhrbeschränkungen seitens der Hersteller zu Fall.

Kurz darauf erklärt auch das Bundesgesundheitsamt den Import von Produkten aus dem Ausland für rechtmäßig, die in derselben Zusammensetzung auch im Inland angeboten werden. Der Weg ist frei für eine komplett neue Branche.

Mohringer steigt ins Reimportgeschäft ein. Mitbewerber gibt es damals kaum; in Nordkirchen ziehen parallel der Dortmunder Apotheker Wolf-Dietrich Becker und der Kaufmann Helmut Leipold ein ähnliches Unternehmen auf. Der Name: Eurimpharm. 1977 steigt Mohringer beim Konkurrenten ein. Becker ist da schon wieder ausgestiegen, Leipold bleibt bis 1991 an Bord.

Zu Beginn gibt es als einziges Produkt Valium von Roche, drei Mitarbeiter, eine Handvoll Krankenhäuser als Kunden und so gut wie keine gesetzlichen Vorgaben. „Keiner von uns hätte damals gedacht, was für eine Dimension der Reimport von Arzneimitteln einmal annehmen würde“, sagt Mohringer heute.

Anfang der 1980er Jahre hat das Unternehmen 600 Kliniken und 1000 öffentliche Apotheken als Kunden, die sich von den großzügigen Naturalrabatten überzeugen lassen. So profitieren die Geschäftspartner; in der Lauer-Taxe stehen weiter die Originalpreise. Doch Mohringer hat eine Idee, wie er das Geschäft um ein Vielfaches ausweiten kann: 1982 listet Eurim erst zwölf und kurz darauf drei weitere Dutzend Medikamente zum echten niedrigeren Verkaufspreis. Die Apotheker laufen nun gemeinsam mit den Herstellern Sturm, denn die Kassen pochen plötzlich auf die Abgabe der preisgünstigeren Alternative, so wie in den Lieferverträgen vereinbart.

Es hagelt Eingaben und Verfügungen, vor Gericht wird über Behauptungen und Boykottvorwürfe gestritten. Die Apotheken versuchen Eurim mit zahlreichen Kleinstbestellungen handlungsunfähig zu machen.

Was viele von ihnen nicht wissen: Mohringer ist nicht nur von der Ausbildung her einer von ihnen, sondern auch noch praktizierender Kollege: Seit Anfang 1978 betreibt er in Mülheim an der Ruhr die Althof-Apotheke; selbst als Eurim 1979 nach Piding bei Freilassing in Oberbayern umzieht, bleibt der Firmenchef nebenbei seinem eigentlichen Beruf treu.

Mit Eurim kämpft Mohringer jahrelang weiter gegen das System, dem er selbst angehört. Vor dem EuGH setzt er sich in den 1990er Jahren gegen den Freistaat Bayern, das Bundesgesundheitsamt sowie verschiedene Hersteller durch. Auch auf politischer Ebene können die Reimporteure Erfolge verbuchen: 1993 verpflichten sich die Apotheken erstmals in einem Liefervertrag mit den Kassen zur Abgabe preisgünstiger Importe. Drei Jahre später zwingt der Bundesgerichtshof (BGH) die Großhändler, Reimporte in ihr Sortiment aufzunehmen; bis dahin konnten die Apotheken die Ware ausschließlich direkt bestellen. 2000 werden die Apotheken schließlich gesetzlich zur Abgabe von Importen verpflichtet, ein Jahr später wird die Importquote eingeführt. Seitdem hat sich der Umsatz der Branche verfielfacht.

Mohringers Apotheke zieht schließlich 2005 nach Oberbayern. Als Eurim 2010 den heutigen Firmensitz von Piding ins benachbarte Saaldorf-Surheim verlegt und ein Jahr später die alten Geschäftsräume in ein Outlet für Markentextilien umgewandelt werden, bekommt auch die Offizin eine neue Adresse. Im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes von Eurim ist seitdem die Apotheke untergebracht – direkt unter Mohringers Chefbüro.

Was die Gründe für seinen Zweitjob als Apothekenleiter sind und ob er bereits Probleme mit den Aufsichtsbehörden hatte, wollte Mohringer nicht beantworten. Vom zuständigen Landratsamt Berchtesgadener Land hieß es, auch für Unternehmer wie Mohringer gebe es keine Ausnahmeregelung hinsichtlich des persönlichen Führens der Apotheke. „Bei den bisherigen Betriebskontrollen in der Althof-Apotheke durch den von der Regierung von Oberbayern bestellten Pharmazierat wurden keine konkreten Anhaltspunkte festgestellt, dass Herr Mohringer seiner persönlichen Leitungspflicht nicht nachkommen würde“, sagt ein Sprecher.

Mohringer wollte auch keine Fragen zu Größe und Mitarbeiterzahl der Apotheke beantworten. Allzu viel Laufkundschaft dürfte es am Ortsausgang der 5000-Seelen-Gemeinde nicht geben.

Doch womöglich ist der Geschäftszweck ein ganz anderer. Als „langjähriger Lieferant von Antikonzeptiva“ schreibt die Apotheke regelmäßig Frauenärzte in ganz Deutschland an, um ihnen Eurim-Präparate zum Vorzugspreis anzubieten. Das ist nicht illegal, denn bei Medikamenten, die direkt in der Praxis angewendet werden, gilt die Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) nicht.

So bietet die Althof-Apotheke Arzneimittel wie Depo-Clinovir, Gardasil, Implanon NXT, Nexplanon, Mirena, Jaydess, Botox, Dysport, Xeomin sowie Intrauterinpessare und Medizinprodukte wie Flexi T und Gynefix mit gestaffeltem Naturalrabatt an: Bei Bestellung von vier Packungen gibt es eine gratis dazu, bei zehn sind es drei, bei 23 acht und bei 46 sogar 14. Vielleicht hat Mohringer selbst ein bisschen Sehnsucht nach der alten Zeit.

Mit einem Umsatz von rund 400 Millionen Euro gehört Eurim zu den führenden Reimporteuren. Der Marktanteil liegt aktuell bei 12 Prozent, damit liegt das Unternehmen hinter Kohl und Emra auf Rang 3. Obwohl die Herstellerrabatte das Geschäft belasten, fährt Eurim Jahr für Jahr einen zweistelligen Millionengewinn ein.

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