OTC-Werbung

Keine Medikamente des Jahres mehr?

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Berlin -

Mit der Auszeichnung „Medikament des Jahres“ hatten sich die OTC-Hersteller in diesem Jahr in die Nesseln gesetzt. Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt (OLG) gegen die Wick-Hersteller Procter & Gamble (P&G) wurde die Werbung mit dem Siegel auch einem guten Dutzend weiterer Firmen wie Merck und Stada untersagt. Die Zukunft des Wettbewerbs ist ungewiss – auch weil der Herausgeber im Sommer verstorben ist.

Die „Medikamente des Jahres“ waren im Februar zum 16. Mal gekürt worden. Hinter dem Wettbewerb stehen der Bundesverband Deutscher Apotheker (BVDA) und dessen offizielles Organ „Der deutsche Apotheker“, das durch den OTC-Media-Verlag herausgegeben wird. Die Mitglieder des Verbands mussten auf einem Fragebogen ankreuzen, welche der rund 2500 vorgegebenen Produkte sie im jeweils kommenden Jahr „besonders häufig empfehlen werden“.

Die Ergebnisse wurden alljährlich im „Handbuch zur Empfehlungshäufigkeit von OTC-Produkten“ abgedruckt. Die Vermarktung lief über das Anzeigengeschäft: 9260 Euro kostete den Gewinner laut Mediadaten in der jeweiligen Kategorie die Anzeige auf der gegenüberliegenden Seite.

Bei vielen Firmen löste der Wettbewerb regelrecht reflexartige Reaktionen aus: Lieber Anzeige buchen, also dem Konkurrenten das Feld zu überlassen. Die Hersteller nutzten das Ergebnis dann auch regelmäßig für ihre Produkt-PR; Wick und Formoline schmückten sich sogar in ihren TV-Spots mit der Plakette. Den Ärger hatten die Apotheker, denn die mitunter zweifelhaften Empfehlungen einiger weniger Kollegen fielen negativ auf den gesamten Berufsstand zurück.

Bereits 2014 war Integritas erfolgreich gegen die Wick-Werbung vorgegangen, im Februar dieses Jahres bestätigte das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) die Entscheidung der ersten Instanz. Aus Sicht der Richter verstößt die Verwendung des Siegels gegen das Verbot, Fachkreise für die eigenen Produkte werben zu lassen. Die entsprechende Regelung im Heilmittelwerbegesetz (HWG) sei nicht auf natürlich Personen beschränkt, sondern schließe beispielsweise auch berufsständische Organisationen von Apothekern ein.

Mit dem Urteil in der Tasche mahnte der Verband Sozialer Wettbewerb (VSW) zehn weitere Hersteller ab und forderte sie auf, ihre Produkte nicht mehr außerhalb der Fachkreise als „Medikament des Jahres“ zu bewerben. Die Werbung mit dem Siegel sei eine klare Empfehlung von Fachkreisen.

Zumindest für die OTC-Hersteller war die Teilnahme an dem Konzept damit tabu. Nur die Anbieter von nicht apothekenpflichtigen Arzneimitteln hätten sich in ihren Kategorieren noch mit dem Siegel schmücken können. Doch das war zwischenzeitlich auch von den Medien abgestraft worden – von „Frontal21“ etwa oder der NDR-Sendung „Markt“. Professor Dr. Gerd Glaeske war dem BVDA „Komplizenschaft“ mit den Herstellern.

Ende Mai verstarb Heinz Egon Schmitt, der Herausgeber des Handbuchs, überraschend im Alter von 72 Jahren. Seitdem ist die Zukunft der „Medikamente des Jahres“ ungewiss. BVDA-Hauptgeschäftsführerin Helga Fritsch weiß nach eigenen Angaben derzeit nicht einmal, ob und wie es mit ihrer Verbandszeitschrift weitergeht. „Das hängt von den Erben ab“, sagt Dr. Dr. Thomas Richter. Der Apotheker aus Würzburg hatte den Wettbewerb für den Verband bis 2014 als Chefredakteur betreut.

Elke Schmitt, die den Verlag mit ihrem Mann gegründet und geführt hatte, war bislang nicht zu erreichen. Sollte sie den Verlag weiterführen, müssten die „Medikamente des Jahres“ zumindest eine Pause einlegen: Die Hersteller haben jedenfalls bislang keine Informationen über eine neue Runde erhalten.

In ihrem Nachruf lobte Fritsch den verstorbenen Verlagsleiter für seinen „jahrzehntelangen Einsatz für die deutsche Apothekerschaft“. Er habe früh erkannt, dass Apotheken in kommenden Zeiten nicht alleine von der Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel existieren könnten. „So galt sein Wirken vorrangig der Beratung und Verantwortung der Apothekerschaft für OTC-Präparate.“ Für den BVDA-Vorstand sei er ein gefragter Partner und Ideengeber gewesen – und gemeinsam mit seinen ebenfalls bereits verstorbenen Weggefährten Wilhelm Raida aus Darmstadt und Heribert O. Weiler aus Hildesheim ein Visionär seiner Zeit. „Mit ihnen endet eine Ära, die in dieser Konstellation nicht wieder kommen und der Apothekerschaft fehlen wird.“

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