Lunapharm-Rückruf: Die Liste | APOTHEKE ADHOC
Arzneimittelrückruf

Lunapharm-Rückruf: Die Liste

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Berlin -

Bis zuletzt hat das Brandenburger Gesundheitsministerium Gefahren für Patienten durch die vom Pharmahändler Lunapharm vom griechischen Lieferanten Pharmacy Ozbagdzi haralampidis Stilianos bezogenen Arzneimittel ausgeschlossen. Jetzt räumt das Ministerium Versäumnisse bei der Kontrolle von Lunapharm ein und ruft rund 700 Arzneimittelpackungen zurück. Viele der Arzneimittel dürften aber bereits verbraucht sein. APOTHEKE ADHOC liegt die Liste vor.

Danach wurden die Arzneimittel zwischen 2015 und 2017 angekauft und dann weiterverkauft. „Die Lunapharm Deutschland GmbH ruft alle noch in der Laufzeit befindlichen Produkte, die von dem griechischen Lieferanten Pharmacy Ozbagdzi haralampidis Stilianos bezogen wurden, zurück“, heißt es im Rückruf des Referatsleiters des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie in Brandenburg. In einer Fernsehsendung sei der Verdacht geäußert worden, dass der Lieferant mit gefälschter Ware gehandelt haben solle: „Eine Bestätigung oder eine RAS-Meldung der griechischen Behörden liegt hierzu nicht vor. Der Rückruf erfolgt vorsorglich. Derzeit gibt es keine Hinweise für eine Patientengefährdung“, beteuert der Referatsleiter erneut. Das Schreiben stammt vom 17. Juli 2018.

Arzneimittelproben von dem Lieferanten seien untersucht worden. „Die Arzneimittel waren original und entsprachen den Spezifikationen des Herstellers. In der Anlage finden Sie die RAS-Meldung sowie eine Kundenliste. Die Kunden werden von Lunapharm gerade aktiv über den Rückruf informiert. Das LAVG Brandenburg überwacht den Rückruf“, heißt es darin weiter.

„Es ist nicht nachvollziehbar, warum nicht früher gehandelt wurde“, räumte Gesundheitsministerin Diana Golze (Die Linke) gestern in Potsdam ein. Bis heute habe der Händler eine Betriebserlaubnis. Ein Rückruf der vermutlich etwa 700 ausgelieferten Packungen der Medikamente seien veranlasst worden. Bislang fehlten Angaben des Händlers, wohin die Ware ging. Personelle Konsequenzen für sich schloss die Ministerin aus. Die oppositionellen Grünen und die CDU im Landtag wollen für nächste Woche einen Sondersitzung des Gesundheitsausschusses einberufen.

Lunapharm verzeichnet für die vom Rückruf betroffenen Arzneimittel einen Wareneingang von 2015 und 2017, darunter einzelne Packungen sowie Lieferungen von bis 30 Packungen. Der Großteil der hochpreisigen Arzneimittel verfällt in den kommenden Monaten. Geliefert wurde im gleichen Zeitraum an Großhändler, Parallelimporteure und Kliniken in Deutschland und Polen. Anhand der Lieferscheindaten lässt sich vermuten, dass die Arzneimittel längst verbraucht sind und ein Rückruf der Geisterware kaum noch möglich ist.

Die Rückrufliste wurde vom LAVG an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), die oberste Landesbehörde und die oberste Landesveterinärbehörde weitergeleitet. Auf der Liste sind die Arzneimittel zu finden, die Lunapharm von der griechischen Apotheke Pharmacy Ozbagdzi haralampidis Stilianos im griechischen Kalithea gekauft hat. Die Arzneimittel gelten als „unbestätigte gestohlene Produkte“.

Das sind die betroffenen Arzneimittel: Adcetris (Lieferschein aus 2016/2017), Afinitor (LS: Februar 2017), Alimta (LS: Januar und Februar 2017, hier liegt dem LAVG eine Probe vor), Herceptin (LS: zwischen 2015 und 2017), Mabthera (LS: 2017 und 2017), Neulasta (LS: 2017 und 2017), Tracleer (LS: 2017), Vectibix (LS: 2017), Velcade (LS: 2017) und Xgeva (LS: 2017).

Geliefert wurde an CC Pharma, CK Pharma, Max Pharma, KMC Polen sowie die Apotheke Helle Mitte* in Berlin und etwa 14 Apotheken im gesamten Bundesgebiet. Eine der Apotheken bestätigte auf Nachfrage, die Ware längst verbraucht zu haben. Näher wollte sich die Apotheke dazu nicht äußern. Ein Teil der Ware wurde an verschiedene Niederlassungen des Großhändlers Gehe geliefert. Darunter Nürnberg, Duisburg, Hamburg, Unna, Landshut und Porta Westfalica. Ausgeliefert wurde zum Teil von Lunapharm selbst beziehungsweise über die eigene Ltd.

Vergangenen Freitag hatten Ministeriumsmitarbeiter auf einen Bericht des ARD-Magazins „Kontraste“ reagiert und gesagt, es habe keine Kenntnisse gegeben, dass über eine griechische Apotheke gestohlene und gefälschte Medikamente nach Deutschland vertrieben wurden. Dem in Brandenburg ansässigen Pharmahändler sei Anfang Juni 2017 lediglich untersagt worden, mit der griechischen Apotheke zu handeln, weil diese gar keine Großhandelserlaubnis hatte.

„Wir können heute nicht genau sagen, ob die Medikamente gesundheitsgefährdend waren oder nicht“, sagte Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt. Die besonders sensiblen Medikamente hätten mit den Mitteln des Landeslabors Berlin-Brandenburg nicht ausreichend geprüft werden können. Zuvor hatte Abteilungsleiter Thomas Barta versichert, dass alle bei Lunapharm gezogenen und untersuchten Proben unbedenklich gewesen seien.

Im Dezember 2016 waren erstmals Informationen aufgetaucht, dass es bei Geschäften mit der griechischen Apotheke nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Es seien ganz klar Fehler gemacht worden, sagte Golze. Bereits nach ersten Hinweisen hätte reagiert werden müssen. Demnach hatte es im März 2017 zudem ein Amtshilfeersuchen des Landeskriminalamtes beim Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG), einer Behörde des Ministeriums, gegeben. Informationen darüber hätten die Leitung des Ministeriums aber nicht erreicht. In den Akten sei das Dokument heute nicht zu finden.

„Wir versuchen derzeit nachzuvollziehen, warum keine Medikamente zurückgerufen wurden“, sagte Golze. Über Akteneinsicht bei der Potsdamer Staatsanwaltschaft, die seit April vergangenen Jahres wegen Hehlerei gegen den Pharmahändler ermittelt, werde versucht, an das Originaldokument heranzukommen. Dadurch solle klar werden, was das Landesamt über den Vorgang bereits vor einem Jahr wusste, sagte Hartwig-Tiedt. Inzwischen hat das LAVG zwei Gesuche zur Akteneinsicht an die Potsdamer Staatsanwaltschaft gerichtet – am 12. und am 17. Juli. Die Akten werden per Post zugestellt.

Das LKA-Schreiben enthielt nach Angaben des Ministeriums Hinweise, wonach gestohlene und möglicherweise gefälschte Medikamente über die griechische Apotheke an den Brandenburger Händler gingen. „Daraus hätten bereits Schlussfolgerungen gezogen werden müssen“, sagte die Staatssekretärin. „Wir können nicht ausschließen, dass Informationen unterschlagen wurden“, sagte Hartwig-Tiedt.

* In einer früheren Version des Beitrags hatte es geheißen, die Klinik Helle Mitte sei beliefert worden. Korrekt ist, dass die Apotheke Helle Mitte beliefert wurde.

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