Corona-Effekt im Apothekenmarkt

Versandapotheken: Überforderte Gewinner

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Versandapotheken: Überforderte Gewinner in der Corona-Krise
Berlin -

Versandapotheken zählen zu den Profiteuren der Corona-Krise. Vor allem das OTC-Geschäft könnte einen „Katapult-Effekt“ erleben und auch nach der Pandemie auf einem deutlich höheren Niveau verbleiben, erwartet Fabian Kaske von der Marketingagentur Dr. Kaske. Aktuell sind selbst große Versandapotheken mit den vielen Neukunden überfordert, ein Anbieter hat sogar zwischenzeitlich abgeschaltet und sich aus der Versorgung verabschiedet.

In der Studie „Der Corona-Effekt – Wie Covid-19 den Apothekenmarkt verändert“ hat Dr. Kaske die Shops der Versandapotheken unter die Lupe genommen, Hersteller befragt und das Suchverhalten auf Google analysiert. Der Trend ist klar: So ist etwa die Sichtbarkeit von DocMorris in den vergangenen drei Monaten um 16 Prozent gestiegen. Die Zur Rose-Tochter selbst berichtet von mehr als 1000 Neukunden täglich. Die deutsche Versandapotheke Apotal macht nach eigenen Angaben dreimal mehr Umsatz als vor der Corona-Krise.

Die Studie in Charts

Das komplette Video-Interview mit Fabian Kaske

Die Apotheken vor Ort gehören zwar zu den wenigen Einrichtungen, die aktuell noch geöffnet sind und zählen ebenfalls mehr Kunden. Trotzdem bestellen immer Menschen in diesen Tagen ihre Medikamente online. Denn der Großteil der Bevölkerung verbringt viel mehr Zeit zu Hause und entsprechend mehr Zeit im Internet – auch in den Shops von Versandapotheken. Kaske glaubt, dass das einen nachhaltigen Effekt auf die Umsatzverteilung haben wird. Denn mit der ersten Bestellung sei die „Eintrittsbarriere“ überwunden.

„Wenn die Pandemie überstanden ist, werden viele tief greifende Veränderungen bleiben. Es ist davon auszugehen, dass eCommerce sich bis Jahresende auf einem signifikant höheren Niveau einpendeln wird. Wenn die Krise länger dauert, sind mehr als 30 Prozent Online-Marktanteil auf Jahressicht möglich“, so Kaske.

Aktuell sind die Versandapotheken mit dem Ansturm teilweise überfordert: Medikamente-per-Klick verweist auf längere Lieferzeiten von 7 bis 8 Werktagen, Mycare liefert nur innerhalb Deutschlands und mit verlängerter Lieferzeit. Die telefonische Erreichbarkeit ist eingeschränkt. DocMorris appelliert an die Kunden, sich solidarisch zu zeigen und nur in handelsüblichen Mengen zu bestellen, auch Apotal bittet darum, von „Hamsterkäufen“ abzusehen. Ansonsten behalte man sich vor, die Bestellungen zu kürzen.

Delmed schaltet vorübergehend ab

Die Versandapotheke Delmed war in der vergangenen Woche sogar zwischenzeitlich gar nicht zu erreichen: „Bedingt durch die derzeit bestehende Ausnahmesituation, sehen wir uns leider außer Stande, allen Anfragen mit der notwendigen Sorgfalt gerecht zu werden. Wir sehen uns daher leider gezwungen, unseren Shop vorübergehend offline zu stellen.“ Bereits bestätigte Bestellungen seien davon nicht betroffen. Die Seite ist aktuell wieder am Netz, allerdings sei man „aufgrund einer technischen Störung“ derzeit telefonisch nicht erreichbar. In der Telefon-Hotline läuft nur eine automatische Ansage, dass der Shop geschlossen ist. Auch Anbieter iPill musste zwischenzeitlich mitteilen, keine weiteren Bestellungen mehr annehmen zu können.

Gleichzeitig hat Dr. Kaske ein neues Phänomen beobachtet: „Wir sehen erstmals durch die Bank Preissteigerungen im Versandhandel, bei einigen Produkten im zweistelligen Prozentbereich. Das ist etwas, dass es in den letzten Jahren nie gegeben hat“, so Kaske. Zwar gebe es immer noch Rabatte auf die Produkte, aber eben deutlich geringere als in der Vergangenheit.

„Das ist natürlich auch den Gesetzen der Marktwirtschaft geschuldet. Eine höhere Nachfrage bedingt, dass die Anbieter die Preise anheben. Es bleibt die Frage, wie ethisch ist das Ganze – hier gab es ja gerade bei Sterillium und anderen Desinfektionsmitteln schon Diskussionen in der breiten Öffentlichkeit.“ Doch während große Plattformen wie Amazon und Ebay irgendwann gegen Wucherangebote vorgegangen sind, hätten es die Versandapotheken mit ihren Preissteigerungen Kaske zufolge nicht übertrieben. „Wir sehen immer noch sinnvolle Preise“, so Kaske. Und die Verbraucher hätten in dieser Situation auch Verständnis für Preissteigerungen.

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