Putin lässt eigene Tochter impfen

Russland lässt ersten Corona-Impfstoff zu

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Berlin -

Der Kreml hat Wort gehalten: Russland hat als erstes Land einen Impfstoff gegen Covid19 zugelassen. Das gab Staatspräsident Wladimir Putin am Dienstag im russischen Staatsfernsehen bekannt. Der zuvor angekündigte „Sputnik-Moment“ ist allerdings ausgeblieben – anders als beim ersten Satelliten zeigt sich die internationale Wissenschaft nämlich weniger verblüfft als vielmehr besorgt. Der internationale Verband der Auftragsforschungsinstitute (Acro) spricht von einer „Büchse der Pandora“.

Russland hat den ersten Corona-Impfstoff der Welt. Ob das ein Grund zur Freude ist, darüber gehen die Meinungen aber weit auseinander. „Heute Morgen wurde weltweit zum ersten Mal ein Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus zugelassen“, verkündete Kreml-Chef Wladimir Putin am Dienstag bei einem Treffen mit Kabinettsmitgliedern, das im Fernsehen übertragen wurde. „Ich weiß, dass er ziemlich effektiv ist, dass er das Immunsystem stärkt und, ich wiederhole, er hat alle notwendigen Überprüfungen bestanden.“ Womöglich, um Zweifel an der Sicherheit zu zerstreuen, machte Putin auch gleich eine prominente Probandin der Imfpstofferprobung öffentlich: seine eigene Tochter. „In diesem Sinne hat auch sie an diesem Experiment teilgenommen“, zitiert das Nachrichtennetzwerk CNBC den russischen Präsidenten.

Der Verweis kommt nicht von ungefähr: Der vom Moskauer Gamaleya-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie entwickelte Impfstoff ist nach internationalen Standards noch nicht ausreichend erprobt, mit der Zulassung beginnt erst die Phase-III-Studie. Dass der Impfstoff in Europa und Nordamerika also schon zum Einsatz kommt, kann als ausgeschlossen gelten: Die europäischen und US-amerikanischen Arzneimittelbehörden EMA und FDA haben bereits klargestellt, dass eine abgeschlossene Phase-III-Studie trotz beschleunigter Zulassungsverfahren Mindestvoraussetzung für eine Freigabe ist.

Doch auch die geplante Anwendung in Russland steht stark in der Kritik. Der internationale Verband der Auftragsforschungsinstitute (Acro) wandte sich eigens mit einem Brief an den russischen Gesundheitsminister Michail Muraschko und warnte deutlich vor dem flächendeckenden Einsatz des Impfstoffs. Gerade einmal einhundert Menschen hätten ihn bisher offiziell erhalten, massenhafte Impfungen könnten demnach ungeahnte Gefahren bergen. „Warum halten sich alle Unternehmen an die Regeln, nur die russischen nicht?“, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg Acro-Geschäftsführerin Svetlana Zavidova. „Die Regularien für klinische Studien sind in Stein gemeißelt und dürfen nicht verletzt werden. Das ist eine Büchse der Pandora und wir wissen nicht, was mit Menschen geschieht, die einen nicht ausreichend getesteten Impfstoff injiziert bekommen.“ Auch die WHO hat bereits letzte Woche vor einer vorschnellen Zulassung des Impfstoffs gewarnt.

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