Patentstreit um Praluent

Patientin zerrt Apotheker in die Bild-Zeitung

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Berlin -

Es sind vor allem die Patienten, die unter Lieferengpässen leiden. Die Arten, damit umzugehen, unterscheiden sich jedoch stark: Manch einer nimmt es hin, ein anderer ist verzweifelt, wieder ein anderer beschwert sich lautstark gegenüber dem Apotheker. Was Inhaber Christian Flössner kürzlich erlebt hat, kommt allerdings nicht allzu häufig vor: Die Patientin ist vor Wut zur Bild-Zeitung gegangen. Kurz darauf fand er sich selbst im Boulevardblatt wieder.

Man kann nicht sagen, dass es Angelika Kosel mit ihrer Erkrankung leicht hätte: Die 60-Jährige ist zu 80 Prozent schwerbehindert, hat mit „extremen Cholesterinwerten“ zu kämpfen, wie Montag in der Dresdner Ausgabe der Bild-Zeitung zu lesen ist. Derart private Angaben landeten dort auf ihren eigenen Wunsch: Kurz vor Weihnachten stand sie nämlich in Flössners Dresdner Saxonia-Apotheke und wollte ihr Rezept über Praluent (Alirocumab) einlösen.

Doch daraus wurde nichts, denn Sanofi hat den Cholesterinsenker vom Markt genommen, nachdem das Landgericht Düsseldorf zugunsten von Amgen entschieden hatte, dass Sanofi und Regeneron mit Praluent den deutschen Teil des europäischen Patents auf den Antikörper PCSK9 (Proprotein Convertase-Subtilisin-Kexin Typ 9) verletzen. Amgen vertreibt Repatha, das den Antikörper Evolocumab enthält. Der hemmt PCSK9 und bewirkt damit eine Verringerung des LDL-Cholesterinwerts im Blut. Sanofis Praluent enthält zwar einen anderen Antikörper, der hemmt allerdings ebenso PCSK9, weswegen Amgen sein Patent verletzt sah. Deshalb hatte Sanofi versucht, gerichtlich die Verhängung einer Zwangslizenz nach §§ 24 und 81 Patentgesetz erwirken, die den Vertrieb des Medikaments in der Bundesrepublik ermöglichen würde und dabei mit dem besseren Nebenwirkungsprofil seines Präparats argumentiert – scheiterte jedoch vor Gericht.

Für die 60-Jährige Patientin hat das ganz konkrete Auswirkungen. Sie stand in Flössners Apotheke und bekam ihr Praluent nicht. Eine Alternative wäre Repatha – doch Kosel gehört zu den Patienten, für die das Nebenwirkungsprofil nicht geeignet ist. Sie bekomme davon „allerschlimmste Oberschenkel- und Herzkrämpfe“, wie sie es gegenüber der Bild ausdrückte. Ihr Plan: Man könne das Medikament ja aus den Ländern, in denen es noch verfügbar ist, per Einzelimport bestellen. Von ihrer Krankenkasse habe sie bereits die Zusage erhalten, dass sie die Kosten dafür erstatten würde. Doch diese Hoffnung musste ihr Flössner nehmen, schließlich würde er damit gegen den Patentschutz verstoßen und sich strafbar machen.

Das passte Kosel gar nicht, erinnert sich der Pharmazeut. „Dann ist sie hier in der Apotheke explodiert“, erinnert er sich. „‘Dann muss ich wohl jetzt die Hufe hochmachen!‘, hat sie gesagt und dass sie jetzt zur Bild-Zeitung gehen muss.“ Ganz ernst hat er das im ersten Moment nicht genommen, aber siehe da: Kurz darauf stand die Bild-Zeitung bei ihm auf der Matte. In der Montagsausgabe der Dresdner Bild ist die Geschichte nun genauso wie auf Bild-Online. „Keine Medizin für mich, weil zwei Pharmariesen sich streiten“, ist der Beitrag mit einem Zitat von ihr überschrieben.

„Sowas ist doch für die Bild-Zeitung ein gefundenes Fressen“, sagt Flössner. Aber immerhin: Er sieht sich in dem Artikel richtig wiedergegeben, er wird nicht zum Sündenbock stilisiert. Der Patientin ist damit noch nicht geholfen, könnte man meinen. Ärzte hätten ihr geraten, ins Ausland zu fahren und sich die Spritzen selbst zu kaufen. „Vier Stück kosten 3000 Euro, die ich nicht hab'“, wendet Kosel ein. „Das Geld kann ich nicht auslegen, bis ich es von der AOK zurückerhalte.“

Doch tatsächlich geschehen noch kleine Wunder: Offenbar hat ein großherziger Mitbürger den Beitrag gelesen. „Heute rief mich jemand aus Hannover an und sagte, er würde gern helfen und ihr das Geld vorstrecken“, erzählt Flössner. Doch Kosel hat Unglück im Glück: Flössner weiß nicht, wie er sie erreichen kann. „Sie ist keine Stammkundin, deshalb haben wir keine Telefonnummer von ihr.“

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