Kammerfortbildung: Homöopathen wettern gegen Grams | APOTHEKE ADHOC
Protestbrief an die Apothekerkammer Niedersachsen

Kammerfortbildung: Homöopathen wettern gegen Grams

, Uhr
Berlin -

Die Hahnemann-Gesellschaft nimmt die Homöopathie-Kritikerin Nathalie Grams weiter aufs Korn: Die Apothekerkammer Niedersachsen hatte die Ärztin und Aktivistin zu zwei Fortbildungsvorträgen geladen, die der Homöopathen-Verband verhindern wollte. Das gelang beim ersten Vortrag nicht, jetzt versucht die Hahnemann-Gesellschaft es erneut – mit ausführlicher Kritik an ihrem ersten Vortrag und derber Polemik gegen ihre Person. Grams hatte ihren Anwalt im Schlepptau: Ihren Vortrag hatte sie per Tonband aufgezeichnet, weil ihr ein Arzt aus der Schweiz unverhohlen gedroht hat.

Die nächste Runde ist eingeläutet: Die Hahnemann-Gesellschaft fordert erneut von der Apothekerkammer Niedersachsen, Nathalie Grams aus dem Programm zu nehmen. Dass das passiert, ist zwar unwahrscheinlich, schließlich hatte die Kammer dem Druck auch zuletzt nicht nachgegeben. Doch der Homöopathen-Verband fährt trotzdem wieder große Geschütze auf: Von einem „Lobby-Vortrag“ mit dem „Niveau eines Mittelstufen-Referates im Bereich befriedigend“ ist da die Rede, von „für Fachleute leicht durchschaubaren, naiv konstruierten persönlichen Meinungen“ und einer „wahllos unsystematischen“ wissenschaftlichen Vorgehensweise.

In spöttelndem Ton verweist die Hahnemann-Gesellschaft dabei auch auf Grams‘ Begleitung: „Sie kämpft. Diesmal ist sie mit Anwalt gekommen. Wieder soll ihr gedroht worden sein. Das Auditorium nimmt‘s gelassen“, so der Verband. Was es mit der vorgeblichen Drohung auf sich hatte, erklärt Grams auf Anfrage: Am Vorabend des Vortrages hatte sich nämlich der Schweizer Arzt und Homöopath Dr. Jens Wurster per E-Mail an sie gewendet und ihr unverhohlen mit Klage gedroht, falls sie bei der Apothekerkammer bestimmte Aussagen tätigt. Wurster ist einer der bekanntesten Befürworter der Homöopathie in der Onkologie: Er arbeitet nicht nur an der umstrittenen Clinica Santa Croce in Tessin, die Patienten mit Krebs und anderen schweren Erkrankungen auf Privatrezept homöopathisch behandelt. Er ist auch Autor von Büchern wie „Die homöopathische Behandlung und Heilung von Krebs und metastasierter Tumore“.

In der E-Mail, die APOTHEKE ADHOC vorliegt, bezieht sich Wurster detailliert und sehr ausführlich auf den Fall einer Frau, die 2006 an Krebs verstorben und zuvor wegen ihrer Erkrankung bei ihm in homöopathischer Behandlung war. Er behalte sich vor, rechtliche Schritte einzuleiten, falls Grams in ihrem Vortrag bei der Apothekerkammer falsche Behauptungen über seine Arbeitsweise als homöopathischer Arzt mache, die rufschädigend sein könnten. Sie solle sich deshalb sehr genau überlegen, was sie sagt. Er sei sich sicher, dass Grams eine Auseinandersetzung mit ihm nicht riskieren wolle.

Warum ein Krebsarzt aus der Schweiz sich wegen eines Vortrags bei einer Apothekerkammer an sie wendet, darüber kann auch Grams selbst nur spekulieren – dass es ein schlecht kaschierter Einschüchterungsversuch war, liegt nahe. „Eine Woche später habe ich bei einem Krebskongress gesprochen, da kam dann merkwürdigerweise nichts von ihm“, erzählt sie. „Ich hatte aber auch das Gefühl, dort hatte niemand die Meinung, dass Homöopathie irgendeinen Nutzen hat.“ Auf Nummer sicher ging sie trotzdem, brachte zum Vortrag bei der Kammer ihren Anwalt und ein Tonaufzeichnungsgerät mit.

Rund 40 Apotheker waren nach ihren Angaben gekommen und die Reaktionen – wie beim Thema zu erwarten – zwiegespalten. „Ein Teil war begeistert, ein anderer sehr dagegen“, sagt Grams. „Von denen, die dagegen waren, kam allerdings auch kaum inhaltliche Kritik.“ Bei der Apothekerkammer teilt man diese Auffassung: Man biete Fortbildungen und Themen mit ausgewiesenen Experten aus unterschiedlichen Blickwinkeln an. „Ebenso unterschiedlich fallen auch die Meinungen der teilnehmenden Mitglieder aus – insbesondere bei einem polarisierenden Thema wie der Homöopathie“, so eine Sprecherin. „Die Hälfte der Apotheker und PTA fand die Fortbildung sehr interessant und würde diese weiterempfehlen. Der andere Teil kritisierte, dass der Vortrag zu einseitig und praxisfern sei.“

Schon während des Vortrages habe es erhitzte Reaktionen einzelner Teilnehmer gegeben, die offenbar nicht mit leeren Händen gekommen waren, erinnert sich Grams. „Ich hatte den Eindruck, dass manche da gut vorbereitet waren und mit Unterlagen und Zitaten kamen, die mich sehr an die Hahnemann-Gesellschaft erinnern“, sagt sie. „Ich hatte trotzdem das Gefühl, dass eine Diskussion möglich war.“

Die Polemik der Hahnemann-Gesellschaft nimmt sie gelassen. „Das ist der Verzweiflung geschuldet, keine Sachargumente zu haben“, sagt sie. Dabei hat der Homöopathen-Verband einige Punkte angebracht, bei denen er Grams auf inhaltlicher Ebene widerlegen will: So habe sie eine Allensbach-Umfrage von 2009 zur Anwendung von Homöopathie verwendet, obwohl 2014 eine weitere Umfrage mit derselben Fragestellung durchgeführt worden sei. 2009 hatten 53 Prozent angegeben, schon einmal Homöopathie verwendet zu haben, 2014 waren 67 Prozent. Grams fragt sich, warum die Hahnemann-Leute sie ausgerechnet in dem Punkt widerlegen wollen. „Ich habe doch damit selbst belegt, dass Homöopathie verbreitet ist“, sagt sie. „Die Zahlen sind eigentlich gar nicht relevant – und selbst wenn, dann sind sie doch positiv für die Homöopathen. Wenn die jetzt schon solche Zahlen anzweifeln, dann weiß ich auch nicht mehr.“

Auf die Kritik an ihrer wissenschaftlichen Methodik – die Hahnemann-Gesellschaft bringt unter anderem den „2. Australian Report“ von 2015 ins Spiel, eine der bisher größten und umfangreichsten systematischen Reviews zur Homöopathie – lässt sich Grams erst gar nicht ausführlich ein: Sie verweist nur auf den aktuellen Stand der medizinisch-wissenschaftlichen Literatur, der in seiner übergroßen Mehrheit eine eindeutige Sprache spricht. Sie wundere sich beispielsweise, dass sich die Hahnemann-Gesellschaft immer noch auf die Studie von Robert G. Hahn bezieht – „obwohl der ja schon x-fach widerlegt wurde“.

Den zweiten Vortrag abzusagen, wie es die Hahnemann-Gesellschaft verlangt, ist für sie deshalb keine Option. Auch die Kammer hat sich bisher nicht abbringen lassen und steht zu ihrer Entscheidung. Die Forderung, Grams wieder auszuladen, wies deren pharmazeutischer Geschäftsführer Dr. Lukas Kaminski bereits beim letzten Mal zurück. Bisher seien fast nur Homöopathie-Seminare angeboten worden, die sich weniger kritisch mit dem Thema befasst haben: Den zwei Grams-Seminaren stünden 80 Vorträge in den letzten zehn Jahren gegenüber, die über die Anwendung von Homöopathie informierten. Es sei aus der Apothekerschaft an die Kammer herangetragen worden, auch einmal eine gegenteilige Perspektive darzustellen. „Es war in der Tat der vielfache Wunsch von unseren Mitgliedern, dass nicht nur Seminare von Homöopathie-Befürwortern angeboten werden“, so Kaminski.

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