Offener Brief an Warken

„Darum kann ich zwei Landapotheken nicht übernehmen“

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Berlin -

Kaniwar Mohamed hat es geschafft – am Ziel ist er jedoch nicht. Der Syrer kam als Flüchtling nach Deutschland und möchte sich hier selbstständig machen. In seiner Heimat betrieb er bereits zwei Apotheken. Auch hier öffnet sich jetzt diese Chance zur Übernahme, doch er hadert – denn die wirtschaftlichen Auswirkungen der geplanten Apothekenreform seien erschreckend, sagt er. In einem offenen Brief an Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) macht er auf die Folgen aufmerksam: Die Dörfer in seiner Region verlören zwei Landapotheken, Angestellte ihren Arbeitsplatz und er zum zweiten Mal eine Zukunftsaussicht.

Vor zehn Jahren kam Mohamed nach Deutschland. Hier musste er wieder bei Null anfangen. Doch der Apotheker hat große Pläne und steht vor der Selbstständigkeit: Seit fast vier Jahren arbeitet er in der Haarener-Apotheke in Bad Wünnenberg, diese könnte er jetzt übernehmen. Eine Filiale gehört auch dazu. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen der geplanten Apothekenreform lassen ihn zögern, denn der Ertrag pro Jahr für ihn als potenziellen Inhaber sei dadurch deutlich geschmälert. „Mein Steuerberater rät mir davon ab“, sagt er. Im Brief an Warken erklärt er, warum er die zwei Landapotheken eigentlich nicht übernehmen kann.

Apothekennachfolge bereits geplant

„Mein Chef ist 71 Jahre alt. Er betreibt zwei Landapotheken, eine davon seit über 40 Jahren. Er ist längst im Rentenalter, hat aber all die Jahre weitergemacht, weil er keinen Nachfolger gefunden hat. Letztes Jahr hat er mich gefragt, ob ich die beiden Apotheken 2026 übernehmen würde. Wir haben zusammen geplant, kalkuliert, und nach langer Überlegung habe ich zugesagt. Ich wollte Verantwortung übernehmen. Ich hatte das Gefühl, das ist das Richtige“, schreibt der Pharmazeut.

Bei der Berechnung der Auswirkungen der Reform habe er sich „ehrlich gesagt erschreckt“: Rund 14.000 Euro fehlten an Rohertrag pro Jahr. „Bei einer Landapotheke, die ohnehin mit knappen Margen arbeitet, ist das nicht nur spürbar, das kann existenzbedrohend sein.“ Besonders belastend sei, dass der bisherige Zuschlag für pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) von 20 Cent pro Packung auf die Nacht- und Notdienstvergütung umgewidmet werden soll. „Auf dem Papier klingt das nach einer Stärkung der Landapotheken, aber in der Praxis bedeutet es, dass eine wichtige Einnahmequelle für unsere tägliche Arbeit wegfällt, ohne dass die Notdienstpauschale diesen Verlust in unserer konkreten Situation tatsächlich ausgleicht.“

Apotheker verweist auf Folgen einer Schließung

Zudem kritisiert er, dass die Fixumserhöhung auf 9,50 Euro bisher nicht umgesetzt worden sei. „Wenn ich ehrlich rechne, stehe ich als angestellter Apotheker finanziell besser da als als künftiger Inhaber unter diesen Bedingungen. Frau Ministerin, diese Erkenntnis hält mich nachts wach. Wenn ich diese Apotheken nicht übernehme, verlieren 16 Kolleginnen und Kollegen ihren Arbeitsplatz. 16 Menschen, die für mich wie eine Familie sind“, betont er in dem Schreiben. „Wir arbeiten seit Jahren zusammen, wir kennen unsere Patienten beim Namen, wir wissen, wer welche Medikamente braucht, wer allein lebt, wer abends Angst hat. Wir liefern Tag und Nacht Medikamente an zwei Altenheime. Für viele Menschen in unserer Region sind wir die erste und oft die einzige Anlaufstelle, wenn es um ihre Gesundheit geht.“

Der Apotheker fragt die Ministerin, was passiert, wenn er nicht übernimmt? „Dann schließen diese beiden Apotheken höchstwahrscheinlich für immer.“ Der Großteil der Menschen in den umliegenden Dörfern sei alt und nicht mobil. Dazu kämen die Heimbewohnenden. „Für all diese Menschen würde eine Schließung bedeuten, dass der nächste Weg zur Arzneimittelversorgung plötzlich viele Kilometer weiter entfernt liegt. Ob es dort überhaupt noch eine Apotheke in erreichbarer Nähe gibt, ist keineswegs sicher.“

Pharmazeut fordert Verbindlichkeit

Mohamed betont, dass seine Situation kein Einzelfall ist, verweist auf die steigenden Betriebskosten und die aktuelle Apothekenzahl. „Das ist der niedrigste Stand seit fast 50 Jahren. Allein im Jahr 2025 mussten 502 Apotheken schließen, dem standen lediglich 62 Neueröffnungen gegenüber.“ Zwar sei ersichtlich, dass man sich im Bundesgesundheitsministerium dem Thema Apotheke angenommen habe. „Aber die Erhöhung ist bislang nicht umgesetzt. Und genau in diesem Zeitfenster fallen die Entscheidungen, die über die Zukunft von Apotheken wie der unseren bestimmen. Ich kann nicht auf eine Verordnung warten, deren Zeitpunkt ungewiss ist, während ich heute die Verträge für eine Übernahme unterschreiben soll. Das ist das eigentliche Problem: Nicht die Absicht fehlt, sondern die Verbindlichkeit.“

Junge Apothekerinnen und Apotheker bräuchten jetzt verlässliche Signale, bevor sie die Entscheidung für oder gegen eine Übernahme treffen, betont er und fordert ein glaubwürdiges Signal: „Setzen Sie die zugesagte Honorarerhöhung zeitnah um, mit einem verbindlichen Zeitplan und einem konkreten Datum. Nicht als Absichtserklärung, sondern als Verordnung. Berücksichtigen Sie bei der Ausgestaltung der Reform, dass pauschale Maßnahmen Landapotheken ganz anders treffen als Großstadtapotheken. Eine Apotheke in Berlin oder München kann vieles kompensieren. Eine Apotheke im Kreis Paderborn mit zwei Dörfern und zwei Altenheimen kann das nicht.“

Hinter jeder Apotheke, die schließt, stehe nicht nur eine Zahl in einer Statistik. „Dahinter stehen Menschen, die morgens um sechs die Rolladen hochziehen und abends um acht die letzten Rezepturen fertigstellen. Dahinter stehen Patienten, die darauf vertrauen, dass jemand für sie da ist. Bitte lassen Sie uns nicht im Stich.“ Noch hat sich Mohamed nicht endgültig entschieden.

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