Schulungen als Nadelör

Corona-Impfungen: Kammern dämpfen Erwartungen

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Berlin -

Die Apotheken sollen in die Impfkampagne eingebunden werden. Die Politik hat es eilig, noch in dieser Woche soll eine entsprechende Änderung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) von Bundestag und Bundesrat durchgewunken werden. Auch viele Kolleg:innen stehen bereit – sehr zum Ärger der Ärzteschaft, die verstärkt den Eindruck vermittelt, dass sie es alleine schaffen kann. Ausgerechnet die Standesvertretung dämpft die Erwartungen.

Viele Apotheker:innen wollen sich in die Impfkampagne einbringen – wohl wissend, dass sie dies neben dem regulären Tagesgeschäft stemmen müssen. Laut aposcope-Befragung will jede zweite Apotheke dabei sein – und einige Kolleg:innen würden am liebsten sofort loslegen. Doch ausgerechnet die eigene Standesvertretung bremst mitunter die Erwartungen: In der Geschäftsstelle seiner Kammer habe es geheißen, dass man frühestens Mitte oder Ende Januar mit den Schulungen beginnen könne, berichtet ein Apotheker aus Ostdeutschland. Viel zu spät, wie er findet: Eine Ärztin habe sich nämlich bereit erklärt, ihn einzuweisen und die Aufgabe an ihn zu delegieren.

Ganz andere Töne kommen aus Berlin: Hier hatte Kammerpräsidentin Dr. Kerstin Kemmritz unlängst noch einmal zu Protokoll gegeben, dass man an Schulungskonzepten arbeite und dass daran ein schneller Start in den Apotheken nicht scheitern werde.

In Thüringen waren Kammer und Verband noch nie Fans von Impfungen in Apotheken, wie sie zuletzt beim Deutschen Apothekertag noch einmal deutlich gemacht hatten. Der Apothekerverband geht nicht davon aus, dass die Apotheken zeitnah in die Impfkampagne einsteigen können. „Realistisch ist das meiner Meinung nach erst nach der vierten Welle im ersten Quartal 2022“, sagte der Verbandsvorsitzende Stefan Fink der „Thüringer Allgemeinen“ mit Verweis auf die geforderte praktische Ausbildung. Ohnehin sei unklar, wie viele Apotheken sich überhaupt beteiligen wollten – man habe „Arbeit bis unter die Kinnlade“. Fink: „Das werden nur die Apotheken machen, die das personell stemmen können.“ Entscheidend werde auch sein, dass die Vergütung im Verhältnis zum Aufwand stehe.

Auch Abda-Vize Mathias Arnold sieht in seiner Funktion als Verbandschef in Sachsen-Anhalt noch viele offene Fragen: Apotheken müssten erstmal wissen, ob sie fürs Impfen einen Extraraum, vielleicht sogar eine Liege brauchten, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. Dann müssten Personal fürs Impfen abstellen. Er rechne deshalb nicht damit, dass Apotheken vor dem 1. Januar ins Impfgeschehen eingreifen. Er empfehle daher, nicht erst auf die Apotheken zu warten: „Sich jetzt um eine Impfung zu kümmern, ist das Allerbeste.“

Nicht vor Mitte Februar

Selbst Abda-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening dämpft, nachdem sie zuletzt noch zuversichtlichere Töne angeschlagen hat, plötzlich die Erwartungen: „Wir werden nicht vor Mitte Februar in größerer Zahl in den Apotheken impfen können“, sagte sie gestern im Anschluss an die Mitgliederversammlung. Das Nadelöhr sie die praktische Ausbildung, für die Ärzt:innen gefunden werden müssten.

BAK will ohne BÄK

Die Bundesapothekerkammer (BAK) soll laut Gesetzentwurf in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer (BÄK) bis Jahresende ein Curriculum für die notwendigen Fortbildungen entwickeln – würde das aber lieber alleine schaffen. „Wir haben eine entsprechende Stellungnahme abgegeben, dass wir das gern aus eigener Kraft machen möchten“, so Overwiening. „Wir sind gespannt, wie auf unsere Stellungnahme reagiert wird.“

Ob mit oder ohne BÄK – Overwiening erklärte, dass Ausarbeitung und Umsetzung von Curriculum und Schulungen nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen werden: „Wir sind uns sicher, dass wir mit einem guten Curriculum in relativ kurzer Zeit viele Kollegen schulen können.“ Denn mit dem BAK-Curriculum zu Grippeschutzimpfungen kann bereits auf wesentliche Inhalte zurückgegriffen werden – und entgegen der landläufigen Erwartungen könnten die Schulungen zur Corona-Immunisierung sogar schlanker ausfallen. „Wir werden uns im theoretischen Teil im Wesentlichen mit dem Impfen selbst beschäftigen“, erklärte Overwiening.

Die Beschäftigung mit der Krankheit selbst – wie im Grippe-Curriculum – oder mit den unterschiedlichen Impfstoffen werde dagegen voraussichtlich weit weniger Raum einnehmen. „Wir werden davon ausgehen, dass über Sars-CoV-2 und die Impfstoffe in den vergangenen zwei Jahren bereits sehr viele Kenntnisse bei den Apothekern angekommen sind.“ Auch der praktische Teil der Fortbildung werde deshalb wohl etwas kürzer gefasst werden.

Honorierung noch offen

Mehr als 1000 Apotheken würden bereits heute gegen Grippe impfen, erklärte Overwiening, und könnten mit den Corona-Impfungen schon früher starten. Die Honorierung sei noch nicht bekannt, die Abda fordert die gleiche Vergütung, wie sie die Ärzt:innen erhalten, also 28 Euro je Impfung.

Die Ärzteschaft kommuniziert derweil neue Rekordzahlen bei den Impfungen in den Praxen: Alleine am Dienstag seien mehr als 756.000 Impfungen durchgeführt worden, das seien 14 Prozent mehr als am Dienstag in der Rekordwoche zuvor:

  • 650.482 Boosterungen
  • 55.015 Zweitimpfungen
  • 50.749 Erstimpfungen

Nicht genug Impfstoff für alle

Problem seien also nicht die Impfkapazitäten, sondern der Impfstoff. „Aktuell reicht der Impfstoff offensichtlich noch nicht einmal
für die niedergelassenen Ärzte“, klagte Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbands Baden-Württemberg, im Badischen Tagblatt. Er war von Anfang an gegen Impfungen in Apotheken – andere Ärztefunktionäre hatten im Umkehrschluss sogar ein Dispensierrecht gefordert.

Streit um Dispensierrecht

Genau darauf stieg jetzt der FDP-Gesundheitspolitiker Professor Dr. Andrew Ullmann ein: Er sei zwar für die Einbindung der Apotheken in die Impfkampagne, um so schnell die Impfquoten zu erhöhen. Allerdings müsse man im Umkehrschluss auch den Ärzt:innen das Recht einräumen, beispielsweise im Notdienst bestimmte Medikamente abgeben zu dürfen, so Ullmann bei einer Diskussionsrunde zum Thema „Impfen in der Apotheke – Chancen und Risiken“ beim Europäischen Gesundheitskongress in München. Er würde sich freuen, wenn die Abda diesbezüglich einen offenen Austausch mit den Ärzteverbänden suchte.

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