Mit Krankschreibungen ab Tag 1 will Kanzler Friedrich Merz (CDU) die deutsche Wirtschaft ankurbeln – wer partout nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen kann oder will, der soll wenigstens dazu verdonnert werden, einem Arzt oder einer Ärztin in die kritischen Augen zu gucken. Weil die Praxen aber von vornherein klarmachen, dass sie dafür keine Kapazitäten haben, sollen jetzt die Apotheken einspringen. Ein spezielles Trainingsprogramm soll sie in Sachen Unnachgiebigkeit fit machen.
Klaus Risselbeck ist bereit für all jene Kandidatinnen und Kandidaten, die sich an diesem Montagmorgen aus ihren Pflichten für Wirtschaft und Gesellschaft stehlen wollen. Mit steinerner Miene steht er hinter dem HV-Tisch seiner Apotheke im Odenwald, bereit für den ersten zwielichtigen Müßiggänger, der sich von ihm krankschreiben lassen will. Risselbeck ist entschlossen, nicht ein einziges Mitglied des Wirtschaftskreises in die Arbeitsunfähigkeit zu schicken. Er selbst arbeitet schließlich auch seit 30 Jahren ohne einen einzigen Fehltag: Selbst am Tag seiner Polypenentfernung war er nachmittags gleich wieder in seiner Apotheke.
Als der erste Delinquent die Apotheke betritt, nimmt Risselbeck regelrecht militärische Haltung an. „Freundchen, nicht mit mir!“ Der gebückte Gang, der nervöse Blick – für den Apotheker ist ganz offensichtlich, dass dieser junge Mann kein Aspirin kaufen, sondern eine Krankschreibung ergaunern will. Ohne den verschämten Gruß zu erwidern, mustert er den vielleicht 25-Jährigen, der langsam näher kommt, mit scheelem Blick.
„Ahem, also, mir geht es heute nicht so gut“, stammelt der Kunde verlegen. Risselbeck antwortet nicht, sieht sein Gegenüber nur streng an, ohne mit der Wimper zu zucken. Drei Sekunden Schweigen können Wunder wirken, das hat er in der Schulung „Hart am Patienten“ der Ärztekammer gelernt.
„Und da hab ich mir gedacht, es wäre vielleicht besser, also wenn ich heute mal, also mal nicht zur Arbeit muss.“ Wer so renitent ist, bekommt gleich noch einmal drei Sekunden. „Weil ich könnte ja auch die Kollegen anstecken.“ Keine Reaktion. „Oder ich verschleppe da vielleicht ja auch etwas Schwerwiegendes.“ Nichts. „Wäre doch nur heute mal.“
Nach nicht einmal einer Minute ist der junge Mann wieder abgezogen, zerknirscht und unverrichteter Dinge, versteht sich. Spontan genesen, nach allen Regeln der Heilkunst ausradiert aus dem Club der AU-Fetischisten. Zurückbefördert in den Arbeitsmarkt und damit in den Schoß der schaffensnormativen Gesellschaft. Auch die Drückeberger nach ihm scheitern allesamt auf ganzer Linie.
Ziemlich schnell spricht sich herum, dass bei Risselbeck nichts zu holen ist. Und weil er die einzige Apotheke im Ort betreibt, zieht die Leistungsfähigkeit der Gemeinde schnell merklich an. Blaumachen war gestern, jetzt wird gearbeitet, bis sprichwörtlich der Arzt kommt. Der Apotheker bekommt einen Blumenstrauß von der hiesigen IHK und eine Ehrenmitgliedschaft im Rotary-Club.
Dabei war es für Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ganz naheliegend, die Apotheken einzuspannen. Sehnten sie sich doch ohnehin nach neuen Aufgaben und hatten mit ihrer Standesvertretung unter Beweis gestellt, dass sie besonders harte Knochen sind.
Wobei Risselbeck – jedenfalls bis zu seiner Umschulung zum AU-Verweigerer – die Sanftmut in Person war. Oft bildeten sich in seiner Apotheke lange Warteschlangen, weil jedes Beratungsgespräch bei ihm den Umfang eines kleinen VHS-Kurses hatte. In Sachen Selbstmedikation lag die Quote zwischen Abschluss und Abraten bei 1:10. Taschentücher, Traubenzucker und Zeitschriften gab es bei ihm auch für Kundinnen und Kunden aus der Kategorie „Heute habe ich mal kein Rezept“ – und für deren Nachbarn und Angehörige und Freunde von Bekannten gleich dazu.
Doch das angeborene Helfersyndrom hatte man ihm nach einem halben Jahr endlich austreiben können. Zur Weiterbildung gehörte nicht nur ein mehrwöchiger Aufenthalt in einem Militärlager. Auch Kurse in Nein-Sagen und An-die-Wand-Debattieren mussten gemäß Curriculum besucht werden. Mittlerweile machen den Apotheker auch Diskussionen mit Studentinnen, die sich wortreich um eine Klassenarbeit in Ethik drücken wollen, nicht mehr nervös. Nach spätestens fünf Minuten hat er bislang noch jeden Arbeitsallergiker ohne AU-Schein aus seinem Betrieb komplimentiert.
Ein Nebeneffekt ist, dass auch die Umsätze seiner Apotheke deutlich angezogen sind: Endlose Gespräche mit irgendwelchen Stammkundinnen gibt es nicht mehr. „Time is money, your country needs you“, steht über dem HV-Tisch.
Und so gelingt das Wirtschaftswunder doch noch. Was hatte man den Kanzler unterschätzt! Die neue Lust auf Leistung fing nun einmal – genauso wie die Schöpfung – an Tag 1 und nicht an Tag 3 an. Was waren wir bislang für transusige Dünnbrettbohrer. Jetzt aber zurück an die Arbeit! Lust auf Leistung, lautet die Devise. Kein Platz für Wochenenden!
APOTHEKE ADHOC Debatte