Rücktritt und Streik – Apotheker geschockt | APOTHEKE ADHOC
APOSCOPE-Umfrage

Rücktritt und Streik – Apotheker geschockt

, Uhr
Berlin -

Bei der Mitgliederversammlung der ABDA ging es nach dem Auftritt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gestern Nachmittag hoch her. Die Vertreter der Kammern und Verbände äußerten große Bedenken hinsichtlich der Umsetzbarkeit einiger Vorschläge aus dem Gesamtpaket. Auch an der Basis ist die Stimmung kritisch: Laut einer Umfrage von APOSCOPE ist die Mehrheit mit dem angebotenen Paket nicht zufrieden.

Ein Rx-Versandverbot wird es nicht geben und auch die von der ABDA als einzige Alternative geforderte „Gleichpreisigkeit“ nicht. Versandapotheken aus dem EU-Ausland – und nur sie – dürfen auch künftig Rabatte auf verschreibungspflichtige Arzneimittel geben. Die Boni sollen allerdings auf 2,50 Euro gedeckelt und der Marktanteil des Versandhandels bei 5 Prozent begrenzt werden. Zu beiden Punkten gibt es Zweifel, wie Spahn sie am Ende gesetzgeberisch durchsetzen will. Die Apotheker sollen außerdem zusätzliches Honorar in Höhe von über 375 Millionen Euro erhalten.

86 Prozent der Teilnehmer stimmen der Aussage zu, die ABDA habe sich das Rx-Versandverbot zu billig abkaufen lassen. Nur 11 Prozent sind anderer Auffassung. Vor allem die Aufgabe der Gleichpreisigkeit sieht eine klare Mehrheit als Problem: Ohne diese sei alles andere wertlos, finden 78 Prozent der Teilnehmer. Denn strukturelle Probleme werden aus Sicht von sogar 92 Prozent mit Spahns Paket nicht gelöst. Weitere 4 Prozent machten zu dieser Frage keine Angabe.

Dass die Apotheker mit dem Angebot – gedeckelte Boni und mehr Geld – zufrieden sein können, sieht dagegen nur jeder Vierte so. Und auch das nur zögerlich: 21 Prozent stimmen der Aussage „eher zu“, weitere 3 Prozent äußerten Zustimmung, kein einziger stimmt „vollkommen“ zu.

Die ABDA hat das Rx-Versandverbot lange als einzige mögliche Antwort auf das EuGH-Urteil zu Rx-Boni gefordert. Nachdem der damalige Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einen entsprechenden Gesetzentwurf auf den Weg gebracht hatte und das Ansinnen Koalitionsvertrag der neuen Regierung stand, tat sich die ABDA schwer, diese Position zu räumen. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt hat zwischenzeitlich eingeräumt, dass die Standesvertretung zu lange auf dieses Pferd gesetzt hat.

Diese Einschätzung teilen die Apotheker: Dass die ABDA beim Thema Rx-Versandverbot „im richtigen Moment eingelenkt“ habe, finden nur 16 Prozent der Teilnehmer. Mehr noch: Die ABDA-Spitze sollte aus der Sicht der Mehrheit der Teilnehmer Konsequenzen ziehen: 58 Prozent fordern einen geschlossenen Rücktritt der vorderen Reihe.

Die Bereitschaft zu radikalen Maßnahmen ist zumindest laut der Umfrage da: 18 Prozent stimmen der Aussage vollkommen zu, dass die Apotheker jetzt in Streik treten sollten. Weitere 46 Prozent sind zumindest nicht abgeneigt. Damit wären fast zwei Drittel zu einem Streik bereit. Allerdings hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass es bei der praktischen Umsetzungen tatsächlicher Maßnahmen deutlicher zögerlicher zugeht – zumal die Apotheker die Versorgung sicherstellen müssen.

Eine deutliche Mehrheit erwartet auch eine Reaktion des Marktes: Deutsche Versandender oder preisaggressive Vor-Ort-Apotheken könnten für sich das Recht auf Rx-Boni einklagen, vermuten 78 Prozent der Teilnehmer. Und dass sich die ausländischen Versender an den Boni-Deckel halten, wird ebenfalls bezweifelt. In der Folge dürfte auch diese Regelung in Luxemburg landen. 62 Prozent erwarten denn auch, dass es schon bald ein EuGH-Verfahren zum Boni-Deckel geben würde.

Aber selbst wenn die Regelung Bestand hätte, fürchten viele Teilnehmer eine Zunahme des Versandhandels. Denn nur 18 Prozent stimmen der Aussage zu, dass gedeckelte Boni den Bezug bei ausländischen Versandapotheken für die Verbraucher unattraktiv machen. Entsprechend sehen auch 89 Prozent der Teilnehmer die „Holland-Versender“ als den großen Gewinner des vorgeschlagenen Gesamtpakets.

Grundsätzlich positiv eingestellt sind die Teilnehmer gegenüber der Idee eines Strukturfonds zum Erhalt der flächendeckenden Versorgung: Immerhin 42 Prozent halten dies für den richtigen Ansatz, 35 Prozent stehen dem eher kritisch gegenüber. Klare Ablehnung gibt es aber nur bei 5 Prozent der Teilnehmer.

An der Umfrage von APOSCOPE nahmen am 11. Dezember 2018 insgesamt 100 verifizierte Apotheker teil, darunter Inhaber und angestellte Approbierte.

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